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Lippi bringt Kretschmer zum Singen 

Der Wahlkampf kommt auf Touren mit einem Duett von Wolfgang Lippert und Michael Kretschmer. Das ist Unterhaltung, und doch mehr. (Mit Video im Beitrag)

Wolfgang Lippert und Michael Kretschmer singend in der Görlitzer Landskron Kulturbrauerei.
Wolfgang Lippert und Michael Kretschmer singend in der Görlitzer Landskron Kulturbrauerei. © Foto: Photothek/Florian Gaertner

Es dauert keine Minute, dann ist an diesem Abend zwischen Wolfgang Lippert und Michael Kretschmer  in der Görlitzer Kulturbrauerei das Stichwort Störtebeker-Festspiele gefallen.  Die Sachsen, so vermutet der Ministerpräsident, würden ohnehin jeden zweiten Besucher des größten Freiluft-Theaters im Osten Deutschlands stellen.  Eine spontane Frage ins Publikum von Wolfgang Lippert ergibt zwar nicht ganz die Quote, doch einige Arme zucken doch als Beweis nach oben, schon einmal in Ralswiek gewesen zu sein. 

Lippert ist dort, obwohl er nur Balladen singt und nicht zu den Hauptdarstellern gehört, der heimliche Star. In diesem Jahr sind es vier Songs. Zu dem traditionellen "Albatros" der Gruppe Karat singt er noch bis Mitte September Electras "Nie zuvor" und "Der Himmel schweigt", den einst Petra Ziegert und Band sangen. Ost-Ohrwürmer, die immer wieder zu Applaus und begeisterten Lippi-Rufen von den an Spitzentagen fast 8.000 Besuchern führen. Gerade in den Sommerferien pilgern sächsische Familien während ihres Rügen-Urlaubs zu Tausenden nach Ralswiek. Darunter auch Roland Jäkel, der langjährige Chef des Unternehmerverbandes aus dem Norden des Landkreises und Inhaber einer Firma in Jänkendorf, der an diesem Abend von den Festspielen schwärmt,  deren Aufführungen ihn immer wieder elektrisierten, der die ostdeutsche Unternehmerfamilie Hick als Veranstalter der Festspiele lobt und sich fragt, wie das alles in dem kleinen Ort so wunderbar gelinge. So einfach sei das nicht, auch in Ralswiek musste erst  Akzeptanz unter der Bevölkerung wachsen, aber jetzt freut sich Lippert, deren Frau eine Gaststätte in dem Ort besitzt, wie alle am Erfolg teilhaben.

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Doch sonntags ist Ruhetag in dem kleinen Dorf am Kleinen Jasmunder Bodden. Die Pause nutzt Lippert, um nach Görlitz zu kommen. Ohne Gage, ohne Reisekosten-Abrechnung. Einfach so. "Kretschmer trifft Lippert", heißt das  Format. Und kaum betritt der 67-jährige Entertainer die Bühne, reiht sich eine Ankedote an die nächste, amüsant  und sympathisch erzählt. Eine Frau wird später zu Lippert treten und ihm erklären, dass sie ihn bislang nicht so recht leiden konnte, doch dieser Abend habe ihre Meinung geändert. Kretschmer ist lediglich Stichwortgeber, die Politik macht an diesem Abend Pause. Er nimmt sich zurück - bis Lippert seinen Hit "Erna kommt" singt. Da muss Kretschmer als Background-Sänger einsteigen, obwohl er selbst keine singenden Ambitionen hat. Lippert verpackt das unter energischem Kopfschütteln von Kretschmer in die ironische Wendung, er habe von dessen "künstlerischer Affinität" gehört. Doch nicht erst seit Rolf Zuckowskis legendärem Kinderlied "Du sagst, Du kannst nicht singen" ist bekannt, dass jeder irgendwie singen kann. Und so darf Kretschmer bei Lipperts Erfolgshit "Erna kommt" die zweite Stimme geben, bevor der Saal einstimmt. So ganz unvorbereitet ist Kretschmer auch nicht mehr, schon im letzten Jahr sang er mit Lippert dessen Erfolgssong in Bad Muskau.

Die Geschichte von Lippert und Kretschmer ist eine Besondere.  Nicht nur, weil beide eigentlich zwei verschiedenen Generationen angehören, auch unterschiedlichen Milieus entspringen, sondern weil ihre Lebensläufe nicht so bruchlos sind, wie es auf den ersten Moment erscheint. Hinter Lippert liegt nicht nur der Glanz von "Ein Kessel Buntes" und Sendungen beim ZDF, sondern auch der ziemlich barsche Rausschmiss bei "Wetten dass" und eine Privatinsolvenz, als er sich mit Immobilienprojekten verspekuliert. Kretschmer wiederum hat nach seiner Lehre, das Abi an der Abendschule nachgeholt, um doch noch an der Wirtschafts-Hochschule in Dresden studieren zu können. Und er hat sich nach der verlorenen Bundestagswahl und dem Verlust des Direktmandats in Görlitz nicht unterkriegen lassen und stellt sich nun als Ministerpräsident erstmals dem Votum der Wähler. 

Die Freundschaft der Beiden beginnt bei einem Semperopernball. Da lernen sie sich kennen und finden einen Draht zueinander. Anschließend kommt Lippert zu Kretschmers Bad Muskauer Schlossgesprächen, Kretschmer wiederum besucht die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek im vergangenen Sommer. Und als die Görlitzer Landskron Brauerei ihr 150-jähriges Bestehen in diesem Frühsommer feierte, da sahen sich die beiden erneut: Lippert moderierte die Festveranstaltung, Kretschmer hielt eine kleine Ansprache. 

Es ist nicht ganz neu und ungewöhnlich, dass Politiker die Nähe von prominenten Künstlern suchen. Der Schriftsteller Günter Grass und der Grafiker Klaus Staeck warben einst für Willy Brandt, die BILD-Zeitung veröffentlichte regelmäßig vor Bundestagswahlen Listen von Prominenten, die sich für eine der Parteien aussprachen. Das ist zwar schon eine Weile her. Doch auch bei dieser bevorstehenden  Landtagswahl ist das ein Thema. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig suchte jüngst die Nähe zu Schlagersänger Roland Kaiser, der schon des öfteren Partei für die SPD ergriff. 

Die Protagonisten des Abends hören auch kritische Stimmen.
Die Protagonisten des Abends hören auch kritische Stimmen. © Foto: Matthias Wehnert

Natürlich ist das auch Wahlkampf. Und weil es um keine harten Themen wie innere Sicherheit, Ärzteversorgung oder Lehrerzukunft geht, reißt dem künftigen Görlitzer AfD-Stadtrat Lutz Jankus auch die Hutschnur. Zornig wirft er Kretschmer vor, den Unterhaltungs-August zu geben und sich der politischen Verantwortung zu entziehen. Doch Kretschmer reagiert ruhig wie die Kanzlerin jüngst in Stralsund auf einen AfD-Vorwurf. Er biete verschiedene Formate an, an diesem Abend stünde eben die Unterhaltung im Mittelpunkt,  und Kretschmer sagt auch: "Jeder kann sich aussuchen, ob er da hingeht oder nicht." Er erntet damit den lautesten Beifall an diesem Abend. 

Die Situation scheint schon geklärt, als Wolfgang Lippert, der bis zu diesem Moment mit Geschichten aus seinem Künstlerleben, mit O. F. Weidling und Helga Hahnemann, mit Arndt Bause und dem Michaelis-Chor unterhielt, dann doch noch mal das Mikrofon ergreift und grundsätzlich wird. Er halte es mit dem langjährigen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der über die AfD gesagt hat: "Die Partei möchte nicht regieren, sondern herrschen." Ohne die Partei beim Namen zu nennen, gibt sich Lippert fest davon überzeugt, "dass sie Geld und Glück kostet und uns nicht voranbringt." Wem sein Auftritt  lächerlich vorkomme, dem könne er nur sagen, dass in dem Wort "Unterhaltung" eben auch der Begriff "Haltung" vorkomme." "Und das ist sie wirklich", sagt Lippert und erfährt dankbare Zustimmung von den meisten der rund 200 Gästen, für die der Auftritt des Störtebeker-Sängers wie ein verlängerter Sommerurlaub  und eine willkommene Erinnerung an kürzlich erlebte sorglose Tage auf Rügen ist.  Es ist diese "gute Stimmung von Ralswiek", von der Lippert schwärmt und die es im Alltag naturgemäß schwerer hat. Der Sänger lobt noch schnell Kretschmers Russland-Initiative,  singt zum Abschluss "Aus Schaden wird man klug". Dann gibt es Landskron und Bratwurst.

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