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Sinnloser "Endkampf" in Sachsen

Anfang 1945 war der Krieg militärisch entschieden. Doch die Deutschen ergaben sich nicht und kämpften bis zum 8. Mai weiter. Auch in Sachsen.

Das allerletzte Aufgebot: Massenhaft wurden schlecht ausgebildete und miserabel ausgrüstete "Volkssturmmänner" an Oder und Neiße postiert, um das Vordringen der Roten Armee zu stoppen.
Das allerletzte Aufgebot: Massenhaft wurden schlecht ausgebildete und miserabel ausgrüstete "Volkssturmmänner" an Oder und Neiße postiert, um das Vordringen der Roten Armee zu stoppen. ©  Archiv/dpa

Auch das Ende kam mit Schrecken: In seinen letzten Monaten zeigte der Zweite Weltkrieg mehr als jeder bewaffnete Konflikt zuvor, welches Ausmaß an Gewalt und Verderben Menschen zu entfesseln vermögen. Die finale Phase vom 1. Januar bis zum 8. Mai 1945 war seine verlustreichste und grausamste überhaupt. Von Westen und Osten drangen die Alliierten auf das Gebiet des Deutschen Reiches vor. Getrieben durch die Angst vor Niederlage und Sieger-Rache, angespornt durch die sich immer weiter verschärfende Propaganda kämpften die Deutschen zunehmend verbissener gegen die unabwendbare Niederlage. Vermehrt kam es zu Kriegsverbrechen, auf allen Seiten. Die Deutschen schossen bis zum 27. März ihre Raketenbomben V2 auf Metropolen wie London, Rotterdam und Antwerpen, steigerten noch einmal die Mordrate in den Konzentrationslagern und „entsorgten“ zahllose Überlebende auf Todesmärschen, um lästige Zeugen ihrer Verbrechen loszuwerden.

So geschah es etwa im Leipziger Stadtteil Altnaundorf, wo ein Außenlager von Buchenwald stand. Am 18. April vernagelte die Wachmannschaft drei Baracken, übergoss sie mit Kerosin und zündete sie an. Wer aus der Flammenhölle ausbrach, geriet in einen Kugelhagel der SS. Die Gewalt richtete sich auch gegen die eigenen Zivilisten. Wer sich dem Gegner ergeben wollte oder gar die weiße Fahne hisste, wurde kurzerhand erschossen. Deserteure landeten vor einem der fliegenden Standgerichte, die, durch das aufblühende Denunziantentum mit jeder Menge zusätzlicher Arbeit versorgt, kurzen Prozess machten.

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Westsachsen wurde oft kampflos besetzt. Doch an manchen Orten wie in Leipzig mussten die Amerikaner erst zähen Widerstand überwinden, bevor sie in der Stadt einnehmen konnten.
Westsachsen wurde oft kampflos besetzt. Doch an manchen Orten wie in Leipzig mussten die Amerikaner erst zähen Widerstand überwinden, bevor sie in der Stadt einnehmen konnten. © Archiv dpa

„Bis zum letzten Blutstropfen“

Eines der spektakulärsten Ereignisse waren am 13. und 14. Februar die alliierten Luftangriffe auf das bis dahin weitgehend unzerstörte Dresden. Sie wurden von der NS-Propaganda zu einem singulären Akt der Barbarei hochstilisiert. Bis heute fällt im Zusammenhang mit der Katastrophe vielfach das Wort „sinnlos“; der Krieg sei schließlich längst entschieden gewesen. Das war er zweifellos. Nur: Die Deutschen ergaben sich trotzdem nicht. Sie kämpften, wie Adolf Hitler es von ihnen unaufhörlich verlangt hatte, „bis zum letzten Blutstropfen“. Auch in Sachsen.

Allerdings verlief der Krieg im ehemaligen Königreich der Wettiner sehr unterschiedlich. Von der Bevölkerung in West- und Mittelsachsen wurden die Amerikaner oft als Befreier von Krieg und Diktatur begrüßt. Etliche Orte ergaben sich ohne Gegenwehr, manche Einheit der Wehrmacht streckte freiwillig die Waffen; Westsachsen wurde kaum erobert, sondern meistens besetzt. Im Osten hingegen, wo die Oberste Heeresleitung in Berlin zur Abwehr der Roten Armee zahllose Kampfverbände hingeworfen hatte, verliefen die Kämpfe ungleich zäher und brutaler. Auf deutscher Seite auch deshalb, weil die „Russenangst“ grassierte. Auf russischer Seite nicht zuletzt, weil die Deutschen die Heimat der Rotarmisten jahrelang verwüstet hatten und es kaum einen Rotarmisten gab, der keine Opfer in seiner Familie zu beklagen hatte.

Bei Bautzen kam es zum letzten blutigen Sieg der Wehrmacht, die auch diesen Panzer der 2. Polnischen Armee abschießen konnte. Doch auch dieser "Erfolg" war sinnlos und forderte nur weitere überflüssige Opfer.
Bei Bautzen kam es zum letzten blutigen Sieg der Wehrmacht, die auch diesen Panzer der 2. Polnischen Armee abschießen konnte. Doch auch dieser "Erfolg" war sinnlos und forderte nur weitere überflüssige Opfer. © Foto: privat

Gewaltexzesse und Massaker auf allen Seiten

Diese Erbitterung führte zu hohen Verlusten auf beiden Seiten, viele davon durch Gewaltexzesse wie Morde und Vergewaltigungen gegen die Zivilbevölkerung sowie gegen Kriegsgefangene, Deutsche und Russen. Bei Bautzen etwa wurden fast 200 Volkssturmmänner von der Roten Armee gefangen genommen, in eine Scheune gesperrt und verbrannt. Als deutsche Truppen die Stadt vorübergehend zurückeroberten, erschossen sie fast alle Ärzte, Schwestern und Verwundete im Feldlazarett der 254. Russischen Schützendivision.

Überhaupt war die Stadt an der Spree der am heftigsten umkämpfte Ort in Sachsen. Der Widerstand, auf den die 1. Ukrainische Front und die 2. Polnische Armee nach dem Beginn ihrer Offensive am 16. April in den drei ausgebauten Verteidigungssystemen längs der Flüsse Neiße, Schöps und Spree trafen, war hartnäckig. Erst am vierten Tag der Operation standen sie vor Bautzen. Mit starkem Artilleriefeuer begann am Morgen des 19. April der Angriff. Drei Tage später war die Stadt – oft nach schweren Häuserkämpfen – bis auf den Innenstadtkern erobert. Viele Einwohner berichteten von ihrer Angst in den Kellern, einige von Vergewaltigungen. Der deutsche Kommandant Oberst Hoepke forderte eisernes Durchhalten. Am 22. April unterbrach ein erfolgreicher deutscher Panzervorstoß bei Mücka nordöstlich von Bautzen die Nachschublinien der Roten Armee. Sie musste Kräfte abziehen und gab nach heftigen deutschen Angriffen zwei Tage später die Stadt wieder auf. Es war der letzte Sieg der Wehrmacht. Auch auf ihn trifft der Begriff „sinnlos“ vollkommen zu.

Nach dem Kriegsende: Altenberg wird zerstört

Noch einen Tag nach Kriegsende beschloss eine "Werwolf"-Gruppe, das erzgebirgische Altenberg zu verteidigen. Die Folge war die Zerstörung fast des gesamten Ortszentrums.
Noch einen Tag nach Kriegsende beschloss eine "Werwolf"-Gruppe, das erzgebirgische Altenberg zu verteidigen. Die Folge war die Zerstörung fast des gesamten Ortszentrums. © Foto: Archiv

Noch mehr passt "sinnlos" auf das, was sich am 9. Mai 1945 in Altenberg ereignete, obwohl am Tag zuvor der Waffenstillstand unterzeichnet und Europa von der nationalsozialistischen Terror-Herrschaft endgültig befreit worden war. Zunächst schien an diesem Mittwoch auch im Osterzgebirge der Krieg vorbei zu sein: Einheiten der Roten Armee rückten von Rehefeld kommend in die Stadt ein. Doch am Ortseingang wurden sie von einer „Werwolf“-Gruppe in ein Gefecht verwickelt. Noch einmal gab es Tote. Am Abend wurden alle Altenberger aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Bald darauf brannte die Berggaststätte Raupennest, wenig später fast das ganze Zentrum. Von 120 Häusern blieben nur die Ruinen.

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