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Feuilleton

Wird das der nächste Skandal an der Semperoper?

Regisseur Peter Konwitschny inszeniert 20 Jahre nach seinem „Csardasfürstin“-Skandal erneut an Dresdens erster Bühne. Wie drastisch wird es diesmal?

Szene aus der "Hugenotten"-Oper, die von der Bartholomäusnacht handelt, in der 1572 Katholiken in Paris Tausende Mitbürger des reformierten Glaubens ermordeten.
Szene aus der "Hugenotten"-Oper, die von der Bartholomäusnacht handelt, in der 1572 Katholiken in Paris Tausende Mitbürger des reformierten Glaubens ermordeten. © Semperoper/Ludwig Olah

Mit Peter Konwitschny arbeitet derzeit einer der wichtigsten und prominentesten Opernregisseure des internationalen Musiktheaters wieder an der Semperoper. Er inszeniert von Giacomo Meyerbeer die Oper "Die Hugenotten". Mit seinen Inszenierungen hat der Ruth-Berghaus-Schüler Maßstäbe gesetzt und für kontroverse Diskussionen gesorgt. 

Auch in Dresden, wo er beispielsweise Ende 1999 die Operette „Die Csárdásfürstin“ in die Schützengräben des Ersten Weltkrieges verlegte, Leichenteile flogen, ein kopfloser Soldat tanzte. Es kam zum Theaterskandal, die Intendanz entschärfte die Inszenierung. Es folgte ein Rechtsstreit, den Konwitschny gewann, aber fortan nicht mehr in Dresden arbeitete.

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Nun ist er wieder da. Gut gelaunt stellt sich der 74-Jährige morgens, vor Probenbeginn, den Fragen zu den Gründen für sein Dresden-Comeback, dümmlicher Werktreue und Parallelen der Oper „Die Hugenotten“ zur derzeitigen, gespaltenen sächsischen Gesellschaft.

Herr Konwitschny, Sie arbeiten nach 20 Jahren mal wieder in Dresden. Wie fühlt sich das an?

Gut! Es gibt tatsächlich viele, die sich freuen. Ich habe persönlichen Kontakt zu einigen aus dem Chor und der Technik. Dresden hat mich ja nicht weggestoßen, sondern es waren einige wenige Ewiggestrige. Und Dresden hat mich jetzt auch nicht hergeholt, sondern es war der Intendant Peter Theiler. Eine Abneigung gegen das Haus habe ich nicht. Das wäre Quatsch: tolles Orchester, toller Chor und großartige Bühne.

Sie haben sieben Inszenierungen bis 1999 am Dresdner Haus gemacht. Welche war die treffendste, die beste?

Ganz klar die „Csárdásfürstin“. Viele erinnern sich vor allem an die Leichen und die Kriegsszenen, aber die Aufführung war auch witzig und poetisch. Prinzipiell denke ich, alle sieben waren tolle Inszenierungen. Ich bereite mich ja jahrelang auf die Produktionen vor, entwickle aus dem Sujet und der Musik meinen Zugang. Mein Thema ist unverändert das Theater als menschenbildende, menschenverbindende Einrichtung. Gelingt mir kein sinnstiftender Zugang, gebe ich Stücke zurück. Das ist bisher aber noch nie passiert.

In Dresden läuft von Ihnen nur noch „Tannhäuser“ – eine Erklärung?

Das hängt sicherlich mit dem Wagner-Schwerpunkt der Dresdner Oper zusammen. Außerdem ist die Inszenierung von 1997 ja nicht so böse. Die Freunde der toten Oper haben daran nicht so viel auszusetzen wie etwa an einer „Csárdásfürstin“ im Schützengraben. Und womöglich ist der „Tannhäuser“ eine Art Feigenblatt. In Leipzig, wo man mich 2011 entfernt hat, spielen sie weiterhin „La Bohème“, meine Inszenierung von 1991.

„Wer Theater nur nach den Wünschen des Publikum macht, unterstützt eine geistig tötende Unterhaltungsindustrie“, sagt Regisseur Peter Konwitschny,
„Wer Theater nur nach den Wünschen des Publikum macht, unterstützt eine geistig tötende Unterhaltungsindustrie“, sagt Regisseur Peter Konwitschny, © dpa

Seit der Wende haben Sie – von den drei Jahren als Leipziger Chefregisseur abgesehen – kein festes Haus. Haben Sie das Rumtingeln nicht langsam satt?

Ich tingle nicht, ich führe Regie. Tingeln, das tut ein Sänger, der irgendwo eine Arie in einem Estradenprogramm singt. Aber Sie haben recht. Ich bin überall und nirgends. Wo war ich zuletzt? Halle, Antwerpen, Heidelberg, Lübeck, Linz, Wien... Ich möchte nur noch dort arbeiten, wo ich auch wirklich hingebeten werde. Wo man sich nicht mit meinem Namen schmücken will, sondern meine Arbeit schätzt. Wo man weiß, dass ich mit dem Stück aufklären will und das alles eine politische Grundlage hat. Da ist mir die Größe des Hauses mittlerweile auch egal. Deshalb will ich nicht mehr in München arbeiten, weil es dort im Prinzip nur ums Design und schöne Tönchen geht und eine gute Inszenierung eher Zufall ist. Das muss ich mir nicht mehr antun.

Als Herr Theiler Ihr Engagement im Ensemble angekündigt hatte, gab es Applaus. Woher weiß er, was Sie abliefern?

Wir haben ja ein paar Produktionen in Nürnberg zusammen gemacht. Von ihm weiß ich, dass er weiß, was er von mir bekommt. Und das unterstützt er auch, strahlt das gegenüber allen aus. Es ist doch für einen Regisseur ein Himmelfahrtskommando, wenn er nicht sicher sein kann, dass er den Rückhalt beim Intendanten hat. Ich bin guter Hoffnung, dass nun auch die „Hugenotten“ gut werden. Es gibt an der Semperoper sehr viele Leute, die es schätzen, wenn mal wieder einer Sache in einer Inszenierung auf den Grund gegangen wird.

Sie inszenieren seit einem halben Jahrhundert. Wie groß ist die Gefahr, sich zu wiederholen?

Ich zitiere mich ab und zu, wenn es zum Stück passt. Es gibt Regiemittel und theatralische Situationen, die sind nahezu gleich. Dass ich deshalb beispielsweise „Rigoletto“ im Schlachthof spielen lasse, nur damit es anders wird, dafür ist der Grund zu unbedeutend. Das Bedeutende ist, dass die Beziehung zwischen den Handelnden herauskommt.

An welchem Theater fühlten Sie sich am besten verstanden und gepflegt?

Es gab mehrere Stationen – auch Dresden bis Silvester 1999. Davor Graz von 1990 bis 2001. Doch am besten war es von 1998 bis 2005 in Hamburg. Dort war Ingo Metzmacher der künstlerische Leiter der Oper und der Generalmusikdirektor. Keine der elf Inszenierungen hätte ich so machen können ohne Metzmacher. Der liebt und versteht Theater und ist eben nicht werktreu dem dümmlichen Verständnis der Buchstaben nach, sondern dem Sinn nach. Dann folgte bis 2011 meine feste Position in Leipzig. Seit dem Zerwürfnis dort bin ich an vielen Stellen und habe im Moment keine Heimat mehr.

Szene aus der "Hugenotten"-Inszenierung der Semperoper mit Jennifer Rowley als Valentine und Christoph Pohl als Graf de Nevers. 
Szene aus der "Hugenotten"-Inszenierung der Semperoper mit Jennifer Rowley als Valentine und Christoph Pohl als Graf de Nevers.  © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Warum sollte man sich die Dreidreiviertelstunden dauernden „Hugenotten“ unbedingt ansehen?

Sie haben Glück, denn eigentlich geht diese maßstabsetzende und viele Komponisten beeinflussende Oper von Giacomo Meyerbeer fünf Stunden. Ich finde, man sollte sie unbedingt erleben, weil es erstens eine Lehrstunde in Politik ist und eine darin, was ein Mensch dem anderen Menschen gegenüber tun sollte und was nicht. Und sie zeigt, wie Liebe an gute politische Verhältnisse gebunden ist, oder anders gesagt: Sind die politischen Verhältnisse schlecht, dann ist auch kein Platz für Liebe. Deshalb sterben die Liebenden am Ende ja meist oder gehen ins Nichts oder in eine Utopie. Zweitens: Es ist eine der größten, voluminösesten, opulentesten Opern schon von der Musik her: großes Orchester, ein Riesenchor, schwer zu singen. Das heißt, dass hier hochkarätige Sänger am Werk sind.

Das Stück erzählt von der Bartholomäusnacht, in der 1572 Katholiken in Paris Tausende Mitbürger des reformierten Glaubens ermordeten. Was kann es uns heute sagen?

Zwei Lager stehen sich gegenüber, die Gesellschaft driftet auseinander, eine globale Entwicklung. Da sehe ich in gewisser Weise schon Parallelen zu Dresden und Sachsen, wenn sich die Situation noch weiter zuspitzt, wonach es aussieht. Dieses Stück ist geeignet, zu zeigen, was daraus entstehen kann. Und keine Angst, das wird kein Moralvortrag: Meine Inszenierung ist wieder sehr lebendig. Es wird keine Langeweile aufkommen.

Welche Inszenierungen bereiten Sie für Dresden danach vor?

Es gibt bereits Gespräche. Sehen Sie, ich habe viele tolle Sachen noch nicht gemacht, noch keinen „Figaro“, noch keine „Tosca“. Den „Troubadour“ und die ersten drei „Ring“-Stücke mache ich demnächst. In den vergangenen Jahren habe ich viele Remakes inszeniert, den „Onegin“ sogar acht Mal an verschiedenen Häusern einstudiert. Bei so einer Übertragung bin ich mindestens zwei Wochen vor Ort. Mein Ziel ist, dass alle Freude an der Arbeit haben, und zwar gemeinsam. Nicht, dass ein Star mal für ein paar Tage anreist, sich hinstellt und dann wieder abreist.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

„Die Hugenotten“ am 29. Juni., 2., 4., 10. und 13. Juli sowie im März 2020; Kartentel. 0351/4911705.

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