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Sie sind die Schnellsten der Welt – auf Ski in Dresden

Eine der Ur-Fragen der Menschheit haben sich auch die Langläufer gestellt. Die spektakuläre Antwort gab es am Freitag am Elbufer unter Flutlicht.

Von Tino Meyer
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Sie sind die schnellsten Langläufer, zumindest in Dresden: Johannes Hortlund und Tereza Beranova gewinnen den 100-Meter-Sprint am Elbufer.
Sie sind die schnellsten Langläufer, zumindest in Dresden: Johannes Hortlund und Tereza Beranova gewinnen den 100-Meter-Sprint am Elbufer. © Ronald Bonß

Das Format ist neu, rasant, liefert spektakuläre Bilder und soll vor allem eine der Ur-Fragen der Menschheit klären: Wer ist der oder die Schnellste auf der Welt? Eine zufriedenstellende Antwort haben zumindest die Skilangläufer bislang nicht geben können. Wie sollen sich beispielsweise der City-Sprint am Dresdner Elbufer an diesem Wochenende über zwei Runden à 650 Meter samt Mini-Hügel neben dem Filmnächte-Gelände mit dem Sprintwettkampf bei der Tour de Ski im italienischen Toblach vergleichen lassen?

Zufriedengeben muss man sich damit aber nicht, meinen die Sportler, die diese Ur-Frage ja selbst immer wieder umtreibt. Und so haben sie nicht nur nach einer Antwort gesucht, sondern mit dem Supersprint über 100 Meter sogar eine öffentlichkeitswirksame Lösung gefunden.

Die Tribünen auf dem Weltcupgelände sind am Freitagnachmittag jedenfalls ordentlich gefüllt, und die neue Wettkampfform, die in dieser Saison als Rennserie namens World-Sprint-Series erstmals durch Europa tourt, kommt an. Schlag auf Schlag geht es, Qualifikation, Viertelfinale, Halbfinale sowie Endlauf der besten vier – und nach zwei Stunden stehen die Sieger fest.

„Die 100 Meter sind was ganz anderes. Habe ich vorher noch nie gemacht, macht aber sehr viel Spaß. Cooles Event“, sagt Coletta Rydzek, Schwester von Weltklasse-Kombinierer Johannes, danach – was wenig überrascht. Rydzek belegt am Ende in 12,46 Sekunden den zweiten Platz hinter der Tschechin Tereza Beranova (12,33 Sekunden). Zum Vergleich: Die besten Sprinterinnen in der Leichtathletik laufen die 100 Meter knapp unter elf Sekunden.

Rasant und ganz schnell: Die besten Ski-Sprinter brauchen für die 100 Meter rund elf Sekunden.
Rasant und ganz schnell: Die besten Ski-Sprinter brauchen für die 100 Meter rund elf Sekunden. © Ronald Bonß

Für Emanuele Becchis aus Italien ist das kein Problem. Er ist der aktuelle Weltrekordhalter über 100 Meter. Bei 10,78 Sekunden liegt seine Bestzeit, die in der Szene nun tatsächlich als Weltrekord anerkannt ist. Und genau darum geht es: eine Vergleichbarkeit herzustellen.

Auch in Dresden ist Becchis am Start – und muss sich diesmal mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Der Schwede Johannes Hortlund ist im Finale mit seinen 11,60 Sekunden um 0,02 Sekunden schneller. Ein Wimpernschlag, mit bloßem Auge nicht zu erkennen. „Fotofinish“ zeigt die Anzeigetafel an, das Siegerfoto aber ist deutlich. Hortlund, ein hoch aufgeschossener Athlet, ist eine Skispitze vor dem dagegen klein und drahtig wirkenden Becchis im Ziel.

Die beste Zeit des Tages jedoch läuft Becchis größter Konkurrent, der Norweger Ludvig Sognen Jensen, in der Qualifikation mit 11,27 Sekunden. Schneller ist an diesem Freitag in Dresden niemand. Und er verrät, worauf es beim Sprint ankommt. „Du brauchst unbedingt einen guten Start, wenn du erfolgreich sein willst“, betont Jensen, der sich in einem Skitunnel in seiner Heimat ganz gezielt auf die Sprint-Rennen vorbereitet. Die Technik ist schließlich doch ein bisschen anders als bei den normalen Weltcup-Sprints über 1,3 Kilometer, verlangt mehr Dynamik und noch viel kürzere Gleit- und Schubzyklen. „Und es darf nichts schiefgehen. Ein blöder Stockschub oder irgendein anderer Fehler – und alles ist vorbei“, bestätigt Rydzek, die am Neujahrstag 19 Jahre alt geworden ist und sich durchaus vorstellen kann, jetzt öfter über 100 Meter zu sprinten.

Richard Leupold nicht. Der 22-Jährige vom einheimischen SK Dresden-Niedersedlitz stellt fest, dass ihm die speziellen Technikanforderungen nicht liegen. Das Wettkampfformat aber gefällt ihm dafür umso mehr, obwohl er bereits nach dem Qualifikationslauf ausscheidet.

Das skandinavische Fernsehen ist live dabei

„Der 100-m-Sprint bietet ganz neue Vergleiche und Einblicke, die es bisher so nicht gab. Auch für die Zuschauer ist das spannend. Und dann noch vor der Kulisse in Dresden“, sagt Leupold, der Deutschlands B-Nationalmannschaft angehört.

Mit 1.500 Euro für die Sieger fällt das Preisgeld noch nicht unbedingt üppig aus, doch das Format entwickelt sich rasant. Insgesamt sechs Wettkämpfe stehen in diesem Winter auf dem Programm. Nach Östersund in Schweden und jetzt Dresden werden weitere Sprints im Rahmenprogramm der Kult-Volksläufe Marcialonga in Italien und dem König-Ludwig-Lauf in Oberammergau ausgetragen. Danach folgt ein Rennen auf dem Roten Platz in Moskau und anschließend das große Finale in der Nähe von Oslo. Die Strecken sind jeweils amtlich vermessen und topfeben, sodass sich – darauf kommt es den Athleten an – die Zeiten tatsächlich vergleichen lassen.

Die Begeisterung ist vor allem in Skandinavien spürbar, das Interesse riesig. Sogar der norwegische Skilanglauf-Superstar Johannes Hoesflot Klaebo hatte sich für das neuartige Rennformat angekündigt, musste aber krankheitsbedingt kurzfristig wieder absagen. Die Mannschaft Norwegens ist dennoch deutlich größer als bei sonstigen Weltcups, und zudem überträgt das Fernsehen live – in Norwegen, aber auch in Schweden, Finnland und Italien.

Live-Bilder vom Königsufer mit Blick auf die beleuchtete Altstadtkulisse – das gefällt Rennleiter Georg Zipfel, der sich am liebsten auch die Weltcup-Rennen am Wochenende unter Flutlicht gewünscht hätte. Die Fernsehverträge sehen indes Zeitfenster für den Nachmittag vor, sodass die Finals im Einzel- (Samstag) sowie im Teamsprint (Sonntag) jeweils ab 13.30 Uhr fallen.

Zufrieden ist Zipfel dennoch mit der Premiere. „Erstmals ist der 100-Meter-Sprint als Rahmenprogramm in einem Weltcup dabei. Das Format bietet die Chance, noch direkter in Innenstädten unseren Sport zu demonstrieren“, sagt Zipfel, und Organisator René Kindermann findet, dass Schnelligkeit und Können der Athleten bei keinem anderen Wettkampf-Format besser zu erkennen seien. Eine gute Einstimmung für den Weltcup am Wochenende ist dieser Supersprint aber allemal.