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So ärgern sich Anwohner am Wilhelmsplatz

Herders sind im November hingezogen und überlegen wieder wegzugehen. Die Polizeidirektion Görlitz registriert zunehmende Fälle von Lärmbelästigungen.

Der Wilhelmsplatz in Görlitz: Sport und Spiel sind laut Grünflächensatzung gestattet.
Der Wilhelmsplatz in Görlitz: Sport und Spiel sind laut Grünflächensatzung gestattet. ©  Nikolai Schmidt

Am Mittwochmittag präsentiert sich der Wilhelmsplatz als Postkartenidyll. Passanten sitzen auf den Bänken, blinzeln in die Sonne, die ab und zu zwischen den Wolken durchguckt. Auf dem Rasen werfen sich zwei Kinder einen Ball zu, hin und her, und am Schlemmerpilz wird wie eh und je gegessen und getrunken. An der Südseite des Platzes mühen sich derweil Mitarbeiter vom Stadtgrün Görlitz mit der Hecke ab. Sie wird geschnitten, das Grünzeug natürlich gleich mitgenommen.

Nichts bleibt liegen, gerecht wird auch noch. Der Wilhelmsplatz in der Sommersonne: Gut, der Rasen ist stellenweise ein wenig braun. Kein Wunder, bei der Trockenheit. Da haben auch die paar Regentropfen der vergangenen Tage nicht geholfen. Ein Bewässerungssystem gibt es nicht, da muss der Betriebshof mit dem Tankwagen ran. 8 000 Pflanzen säumen die Rasenfläche, in Rot und Orange. Sie stammen vom Gartenbau Scholze aus Bernstadt. Nur wer genau hinschaut, wird die Fehler in der Idylle finden. Fahrradspuren beispielsweise, auch schon mal direkt in den Beeten, abgebrochene, herausgerissene Pflanzen. Eine Stadtgrün-Mitarbeiterin winkt ab. Sie kenne das seit Jahren. „Schlimm ist es auch am Denkmal“, sagt sie. Von Schmierereien ganz abgesehen: Glasscherben, die dort herumliegen, zeugen davon, dass Flaschen daran geworfen wurden. Und die Exkremente, die man findet, seien wohl nicht nur Hinterlassenschaften von Hunden.

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Der Wilhelmsplatz, also doch kein Postkartenidyll? Keinesfalls. Zuletzt hatte zwar vor allem der Tulpenräuber für Schlagzeilen gesorgt. Aber die Probleme sind offensichtlich noch ganz anderer Art. „Wir sind direkte Anwohner des Platzes, und was sich hier abends abspielt, ist ein Stück aus dem Tollhaus“, so fasst es Carsten Herder zusammen. Er wohnt mit seiner Frau Barbara an der Jakobstraße. „Mit geradem Blick auf den Wilhelmsplatz. Nur ein Baum steht noch dazwischen“, schildert Carsten Herder. Das Ehepaar aus Hamburg kam als Probewohner nach Görlitz. Sie wurde in Bremen geboren, er im Bergischen Land. Über 40 Jahre lebten sie in Hamburg. Carsten Herder fuhr zur See, bis zu einem Unfall 1986. Danach war er in der Hafenverwaltung tätig. Barbara Herder war Verwaltungsangestellte. Von Görlitz, von dem Angebot Probewohnen, erfuhren sie aus den Medien. Das Paar kam zunächst als Touristen, im zweiten Anlauf klappte es mit dem Probewohnen. Und die Herders entschieden sich danach, in Görlitz zu bleiben. Zunächst zogen sie in ein Haus an der Bismarckstraße. Seit 1. November vergangenen Jahres wohnen die beiden nun am Wilhelmsplatz. Ob das so bleibt, lässt Carsten Herder erst einmal offen. „Seit Wiedereröffnung des Platzes am 11. Juni werden wir täglich vom Lärm fußballspielender und tobender Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener terrorisiert; allabendlich“, so seine Erfahrung. Die zum Platz hin gelegenen Zimmer können nicht sinnvoll genutzt werden, sagt er. Darunter ist auch das Schlafzimmer. „Frühes Schlafengehen funktioniert einfach nicht“, so Carsten Herder. Leider habe das Paar feststellen müssen, „dass die Anwohner des Wilhelmsplatzes sich von maximal etwa zwei Dutzend zugereister Neubürger terrorisieren lässt beziehungsweise lassen muss“.r?“

Anwohner wie Familie Herder fühlen sich gestört.
Anwohner wie Familie Herder fühlen sich gestört. ©  Nikolai Schmidt

„Bislang haben wir es vermieden, darauf hinzuweisen, dass die Verursacher des Lärms zum weitaus größten Teil aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen“, so das Gewerkschaftsmitglied. Allzu leicht werde man heutzutage in die nationalsozialistische Schublade gesteckt. „Leider auch in Görlitz“, wie es Carsten Herder gegenüber der SZ formuliert. Und: „Da jedoch bei einem der Anrufe bei der Polizei dort das Problem derart thematisiert wurde, zudem auch von einem Anwalt, nennen auch wir das Kind beim Namen.“ Der Höhepunkt des Lärmes sei bisher der vergangene Freitag gewesen. „Bis 23 Uhr wurde gebrüllt, ja, es wurde mit Taschenlampenbeleuchtung gebolzt und getobt, fast genauso lang wie in der Nacht davor“, so der Anwohner. Wieso, fragt sich Carsten Herder, werden vorhandene Bolzplätze in Görlitz, eingezäunt und mit Toren, von diesen Leuten nicht genutzt? Fußballspielen auf dem Wilhelmsplatz, laut Grünanlagensatzung der Stadt ist das durchaus erlaubt. Denn laut dieser gilt unter anderem für „gärtnerisch gestaltete Park- und Anlageflächen“: Sie dürfen für Sport und Spiel benutzt werden. Aber es gibt Einschränkungen. Die Erholung der Besucher, die Ruhe der Anlieger dürfe nicht beeinträchtigt werden. Vor allem dürfen demnach keine Flächen mit Blumen- und Staudenbepflanzung betreten, noch durch Spiele und Sport Tiere oder Menschen belästigt werden. Herders haben dagegen beobachtet: Absichtlich werden Bälle in die Blumen geballert; es werde mit Rädern durch die Beete gefahren. „Und die dabei anwesenden Erwachsenen intervenieren nicht“, teilt das Ehepaar mit. Im Übrigen schiebe eine Behörde der anderen den schwarzen Peter zu. „Die Polizei hat keine Wagen frei. Sie rät, den Ordnungsdienst anzurufen. Wir landen bei der Stadtverwaltung, die uns empfiehlt, erneut bei der Polizei anzurufen und der zu sagen, den Spätdienst des Ordnungsamtes loszuschicken. Daraufhin ist die Polizei stinksauer und mokiert sich über das Ordnungsamt, das seiner Pflicht nicht nachkäme“, so Carsten Herder. Schon mehrmals habe er sich an das Rathaus in dieser Frage gewandt. „Meine Mails wurden zwar gelesen. Eine Antwort bekam ich aber bisher nicht“, sagt er. Bislang sei nie etwas passiert. „Wir sind die Dummen, die Alleingelassenen, die sich überlegen, ob es sich überhaupt weiterhin noch lohnt, an einem der „schönsten Schmuckplätze“ wohnen zu bleiben“, so sein Fazit.

Eine Anfrage der SZ an das Rathaus zu dem Thema blieb bis Mittwochnachmittag unbeantwortet. Die Polizei registriert allerdings offensichtlich eine Zunahme der Störungen. „Während in den ersten drei Monaten des Jahres 2019 jeweils lediglich eine Lärmbelästigung auf dem Wilhelmsplatz registriert wurde, belief sich die entsprechende Anzahl im April auf fünf, im Mai auf zwei derartige Beeinträchtigungen“, teilt Philipp Marko, Sprecher der Polizeidirektion mit. Im Juni erfasste die Polizei demnach drei entsprechende Vorfälle, im Juli waren es bisher schon vier.

Carsten Herder sieht das Ganze nüchtern: „Wir könnten fast täglich Anzeige erstatten. Allerdings erwirbt man sich schnell den Ruf eines ewigen Nörglers, Querulanten oder eines notorischen Meckerers. Wer will das schon, zumal als Zugereiste

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