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So alt wie Methusalem

Die Zittauer Stadtapotheke gibt es seit 500 Jahren - und ist damit eine der ältesten in Deutschland. Und es sollen noch viele Jahre dazukommen.

Nicole Weber arbeitet seit 2012 in der Stadtapotheke Zittau.
Nicole Weber arbeitet seit 2012 in der Stadtapotheke Zittau. ©  Matthias Weber

Wenn Nicole Weber die Regale und Schubladen der Stadtapotheke befüllt, dann fühlt man sich leicht an frühere Zeiten erinnert. Die Mitarbeiterin der Zittauer Stadtapotheke zieht ein Regal des riesigen Medikamentenschranks auf und holt die gewünschten Pillen heraus. In einigen anderen Apotheken in Zittau drücken die Mitarbeiterinnen nur auf eine Computertaste und der Kommissionierautomat transportiert das angeforderte Präparat in das Ausgabefach. 

Eine solche Maschine gibt es nicht in der Stadtapotheke, die auf eine 500-jährige Geschichte zurückblicken kann und damit zu den ältesten durchgehend betriebenen Apotheken in Deutschland gehört. Und wird es vorerst auch nicht geben. "Es geht damit auch nicht schneller und ist nicht sicherer", findet Apothekerin Karolina Nowak. 

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Die Apotheke auf der Nordseite des Zittauer Marktes setzt ganz auf die Beratung der Patienten. Dabei könne auch kontrolliert werden, ob sich unterschiedliche Medikamente miteinander vertragen oder ob die verschriebene Dosis richtig ist. Dieses Wissen müssen die Mitarbeiter der Stadtapotheke aber nicht alles im Kopf haben, Hilfe bietet ihnen ein Software-System. 

Jedes Medikament mit allen seinen Nebenwirkungen zu kennen, ist heute auch fast unmöglich. Denn die Anzahl der Präparate hat sich vervielfacht. Gab es vor 20 oder 30 Jahren oftmals nur ein Medikament gegen ein Wehwehchen, so sind inzwischen 40 verschiedene Arzneimittel mit den gleichen Wirkstoffen auf dem Markt. "Der Arzneimittelmarkt hat sich weiterentwickelt", sagt Karolina Nowak. Das sei gut, meint die Apothekerin. Denn so wurden auch Medikamente entwickelt, die nicht so viele Nebenwirkungen haben. Auch sonst ist die Weiterentwicklung nicht unbedingt zum Nachteil der Patienten. Wenn es nur ein Medikament gibt, kostet das mehr, als wenn mehrere Arzneimittel angeboten werden, erklärt Frau Nowak.

Was für die Patienten von Vorteil ist, kann die Apotheken schnell an ihre Grenzen bringen. Denn sie können nicht von einem Arzneimittel 40 Präparate von verschiedenen Firmen vorrätig haben. Dafür würden die Lagermöglichkeiten nicht ausreichen. Dabei hat die Stadtapotheke in den vergangenen Jahren schon mehr Platz für die Lagerung von Medikamenten geschaffen. Dafür mussten keine neuen Räume angemietet werden, sondern der vorhandene Platz wurde einfach anders genutzt. Die Herstellung von Arzneimitteln braucht heute weniger Platz als früher. 

Ganz aufgegeben hat die Stadtapotheke die Herstellung individueller Medikamente aber noch nicht. So werden hier bei Bedarf auf den Patienten abgestimmte Salben produziert oder Arzneikapseln mit kleinerer Dosis angefertigt.

Das allein hat die Stadtapotheke nicht 500 Jahre überleben lassen. Es ist der besondere Service, den die Patienten schätzen. So werden Kunden aus Polen und Tschechien auch in ihrer Landessprache bedient. "Wir haben viele polnische und tschechische Kunden", sagt Karolina Nowak, die selbst aus Polen stammt und jetzt in Görlitz wohnt. "Gerade die Tschechen bestellen meistens die Medikamente per Mail und holen sie dann bei uns nur noch ab", fügt sie hinzu. Und das, obwohl Medikamente im Nachbarland günstiger sind. Aber oft sind bestimmte Arzneimittel dort auch nicht erhältlich, weiß Frau Nowak.

Wenn ein Arzneimittel mal nicht vorrätig ist, wird es bestellt und auf Wunsch nach Hause zu den Patienten gebracht. Dieser Service wird deutlich mehr in Anspruch genommen als vor 10 oder 20 Jahren. Das schreibt Karolina Nowak auch der Parksituation auf dem Markt zu. Seit der Sanierung dürfen an der Nordseite keine Fahrzeuge mehr fahren und parken schon gar nicht - dafür aber an der Markt-Südseite.

Das Phänomen der Internet-Apotheken sei in Zittau noch nicht so zu spüren, findet Frau Nowak. Dennoch stellt sich die Stadtapotheke auch darauf ein und betreibt seit Jahren einen Online-Handel. Diesen Shop baute Stefan Gänsler auf, der in Bautzen die "Apotheke Zur Brücke" leitet. Zu der gehört die Zittauer Stadtapotheke seit 2008. Für die Apotheken biete der Verbund Vorteile. So kann das Personal bei Bedarf ausgetauscht werden, oder Medikamente, die nicht mehr lieferbar sind, sind vielleicht noch in der zweiten Apotheke vorrätig.

Internet-Apotheken und Einwohnerschwund - beides bedroht nicht die Existenz der Stadtapotheke, aber es erschwert den Arbeitsalltag eines Apothekenleiters wie Stefan Gänsler. Er versucht durch saisonale Sonderangebote und gutem Service, den Dumpingpreisen der Internetapotheken die Stirn zu bieten. 

Bedrohlicher für die Apotheken sei der fehlende Nachwuchs. Der Beruf des Apothekers wurde sogar auf die Engpassliste aufgenommen, berichtet Frau Nowak. Und die Situation werde absehbar noch schlimmer, bis 2030 werden demnach viele der in der DDR ausgebildeten Pharmazieingenieure in Rente gehen. "Wenn wir schließen müssen, dann nicht wegen fehlender Patienten, sondern wegen des Mangels an Nachwuchs", erklärt die 31-Jährige. Für diesen abwechslungsreichen und vielseitigen Beruf müssen wieder mehr Studenten interessiert werden.

- Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums lädt die Stadtapotheke Zittau ab Montag zu einer Gesundheitswoche ein. So wird zum Beispiel am Dienstag eine Diabetikerberatung angeboten, am Donnerstag können sich die Patienten kostenlos ihren Blutdruck, die Cholesterin- und Blutzuckerwerte messen lassen. Außerdem bietet die Stadtapotheke Rabatte auf ausgewählte Präparate an.

- Am 23. August um 18 Uhr hält Professor Christoph Friedrich, Direktor des Institutes für Geschichte der Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg, im Stadtmuseum einen Vortrag zu: „Die gesellschaftliche Stellung des Apothekers im Wandel der Zeit“.

- Bis zum 25. August kann auch noch im Stadtmuseum die Sonderschau „Von Kolanüssen und Spanischen Fliegen. 500 Jahre Stadtapotheke Zittau“ besucht werden. 

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