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So denken die Lausitzer über den Kohle-Ausstieg

Was wird aus der Region? Die SZ hat die Menschen in der Region über ihre Sicht auf die bevorstehenden Veränderungen befragt. Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage sind ein Weckruf.

Der Tagebau Jänschwalde.
Der Tagebau Jänschwalde. ©  dpa

Was wird aus der Lausitz, wenn die Bagger dort nicht mehr dröhnen, weil die Tagebaue geschlossen sind? Die Landes- und Bundesregierung stehen extrem unter Druck. Die Kohle-Kommission hat zwar ihren Abschlussbericht kurzfristig ins neue Jahr vertagt. Doch viel Zeit bleibt nicht mehr.

Doch was denken eigentlich die Lausitzer über den bevorstehenden Umbruch in ihrer Region? Das wollte die SZ in einer großen repräsentativen Befragung herausfinden. Im Auftrag der SZ befragte daher die Leipziger IM Field GmbH 1 001 Lausitzern im Großraum Bautzen und Görlitz nach ihrer Meinung, die sonst im politischen Prozess so leicht unterzugehen droht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

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Eng verbunden mit der Region

Die Lausitzer zeichnen sich durch eine sehr starke Heimatverbundenheit aus. 80 Prozent der Befragten stimmen der Aussage „Die Lausitz ist meine Heimat“ voll und ganz zu. Sieben Prozent stimmen dem „eher“ zu, sechs Prozent nur „teils/teils“. Deutlich distanziert stehen nur rund sieben Prozent der Lausitz als Heimat gegenüber. Erwartungsgemäß sind das vor allem die unter 30-Jährigen, die sich auch noch etwas anderes vorstellen können.

Gefühl für den bevorstehenden Wandel

Die Menschen nehmen sehr deutlich wahr, dass sie mitten in einem tiefgreifendem Umbruch stecken – mit ungewissem Ausgang. Fast jeder Zweite ist sich dessen „voll und ganz“ bewußt. 28 Prozent sehen es „teils/teils“ und 13 Prozent empfinden es „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ so.

Optimistisch in die Zukunft

Jammern und Nichtstun – das mögen die Lausitzer offensichtlich gar nicht. Trotz aller Herausforderungen, vor denen die Region derzeit und in den kommenden Jahren steht, sie sind optimistisch. Ein Indikator für diese Zukunfts-Zuversicht, aber auch für die Heimatverbundenheit ist daher die Frage „Würden Sie jungen Familien vor dem Hintergrund des Strukturwandels raten, in der Lausitz zu bleiben?“ Eine solche Bleibe-Empfehlung sprachen 42 Prozent der Rentner aus („Ja, hier entwickelt sich etwas“). Aber auch in der Gruppe der Berufstätigen ist man optimistisch (49 Prozent). Werte, die für einen hohen Verbundenheitsgrad mit der Heimat sprechen – und auf die man bauen sollte, wenn es um Zukunftsgestaltung in der Region geht.

Sorge um Arbeitsplätze dominiert

Auf der Sorgen-Liste der Lausitzer steht ganz oben der Verlust von Arbeitsplätzen – und zwar eindeutig durch alle Altersgruppen. Dann folgte die Angst vor Abwanderung junger Arbeitnehmer und damit auch von Familien. Eine „fehlende gesamtwirtschaftliche Entwicklungsperspektive“ist die drittgrößte Sorge in der Lausitz. Erst auf dem vierten Platz der Sorgen-Liste kommen dann „zurückbleibende ökologische Folgeschäden“. Anmerkung zum Verständnis: Die vier Punkte waren vorgegeben und sollten von den Befragten in eine Reihenfolge gebracht werden.

© SZ Grafik/ Romy Thiel

Mehr Jobs, bessere Arzt-Versorgung

Dementsprechend wünschen sich die meisten Befragten vor allem mehr Arbeitsplätze und Unternehmensansiedlungen, um „ein Leben in der Lausitz attraktiver zu machen“. Auf der Wunschliste folgen dann eine bessere medizinische Versorgung, mehr und besserer öffentlicher Nahverkehr (Mobilitätsangebote), eine bessere Kinderbetreuung und mehr Bildungseinrichtungen, schnelleres Internet (wenn überhaupt vorhanden) sowie auf dem letzten Platz neue Forschungseinrichtungen. Nennenswerte Abweichungen gibt es dabei nur bei jungen Leuten unter 30 Jahren: Ihnen kann der Punkt „medizinische Versorgung“ noch nicht so wichtig sein wie einem älteren Menschen. Dafür sehnen sie sich im ländlichen Raum deutlich stärker nach einem besserem öffentlichen Nahverkehr und schnellerem Internet.

Nicht so schnell mit dem Ausstieg

Lieber ein schnelles Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende? So richtig einig sind sich die Lausitzer nicht, was ein mögliches zeitliches Ausstiegs-Szenario angeht. Einen klaren Gewinner gibt es da nicht. Nur ein Viertel hält eine frühzeitige Festlegung Ausstieg für richtig. Etwa ein Viertel lehnt es ab, dass in den nächsten Monaten über ein Ausstiegsdatum für die Lausitzer Braunkohle-Industrie entschieden wird – das habe doch noch mehr als zehn Jahre Zeit. 23 Prozent sagen, dass diese Entscheidung erstmal offen bleiben sollte, und schieben damit den Handlungsdruck erstmal ein bisschen zur Seite. 26 Prozent der Befragten sehen es ganz anders: Ihrer Meinung nach sollten nicht die Politiker über ein Ausstiegsdatum für die Lausitzer Braunkohle entscheiden, sondern die Betreiber der Tagebaue sollten dies selbst in die Hand nehmen dürfen.

© SZ Grafik/ Romy Thiel

Die Politik muss sich mehr kümmern

Würde man Kopfnoten vergeben an die Politiker, die bisher den Strukturwandel in der Lausitz begleiten und/oder managen, so würden weder „Betragen“ noch „Mitarbeit“ sonderlich gut bewertet. Auf die Frage, ob sie sich „mit der Sorge alleingelassen“ fühlen, „was in der Lausitz nach dem Kohle-Ausstieg kommt, wie es hier weitergeht“, fällt die Antwort deutlich aus. Nur jeder Dritte hat das Gefühl, dass „Alles gut vorbereitet/geregelt“ wird. „Völlig alleingelassen“ fühlen sich 20 Prozent, „Ja, schon ein wenig“, sagen 25 Prozent. Und auch die 22 Prozent, die vorsichtig mit „Ja und Nein“ antworten, stehen offenbar eher skeptisch am Spielfeldrand des Geschehens. Interessantes Detail dabei: Unter denjenigen, die sich „völlig alleingelassen“ fühlen, überwiegt die Generation mit den Erfahrungen aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung. Hüten sollte man sich also davor, auch in diesem Fall zuviel und zu schnell zu versprechen. Blühende Landschaften gab es noch nie über Nacht.

© SZ Grafik/ Romy Thiel

Wenig Vertrauen in Bundesregierung

Mit Versprechungen ist das so eine Sache, mit gebrochenen Versprechen erst recht. Während derzeit Fördertöpfe für den Strukturwandel zwischen drei und 60 Milliarden Euro in der politischen Diskussion sind, sind die Lausitzer skeptisch, dass dieses Geld auch wirklich fließt, vor allem, wenn es aus Berlin kommen soll. Auf die Frage, ob sie das Vertrauen haben, dass sich die Bundesregierung „ausreichend“ um den bevorstehenden Kohle-Ausstieg in der Lausitz kümmert, antworten 81 Prozent mit einem klaren und harten Nein. Auch der politischen Führung in Dresden, also der Landesregierung, traut nur die Hälfte der Befragten zu, sich ausreichend zu kümmern – die andere Hälfte hält dagegen . Erwartungsgemäß anders ist es beim Blick auf die lokalen und regionalen Institutionen: Zwei Drittel haben Vertrauen in ihre Landratsämter, Stadt- und Gemeindeverwaltungen in der Region.

© SZ Grafik/ Romy Thiel

Mangelhafte Information

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Wie so häufig bei Transformationsprozessen fehlt es auch den Lausitzern an Information und Möglichkeiten zur Teilhabe. Drei Viertel der Befragten haben nicht das Gefühl, „genügend am Ideenprozess für den Strukturwandel in der Lausitz beteiligt zu sein. Nur 24 Prozent sehen sich persönlich gut gewappnet – und wahrgenommen als Akteur in diesem Prozess. Am Anfang eines großen Wandels dürfte das zu wenig sein, denn ohne die Kraft der Lausitzer wird der Wandel sicher nicht zu schaffen sein.

© SZ Grafik/ Romy Thiel
Der in New York lebende Künstler J Henry Fair fotografiert Kohleabbaugebiete aus der Vogelperspektive. So sieht es in Brandenburg aus. Foto: J Henry Fair
Der in New York lebende Künstler J Henry Fair fotografiert Kohleabbaugebiete aus der Vogelperspektive. So sieht es in Brandenburg aus. Foto: J Henry Fair © - keine Angabe im huGO-Archivsys
Die großformatigen Bilder sind aktuell in der Ausstellung "ARTEFakte" im Museum für Naturkunde Berlin zu sehen. Foto: J Henry Fair
Die großformatigen Bilder sind aktuell in der Ausstellung "ARTEFakte" im Museum für Naturkunde Berlin zu sehen. Foto: J Henry Fair © - keine Angabe im huGO-Archivsys
Foto: J Henry Fair 
Foto: J Henry Fair  © - keine Angabe im huGO-Archivsys
Foto: J Henry Fair
Foto: J Henry Fair © - keine Angabe im huGO-Archivsys
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Foto: J Henry Fair 
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Der Künstler J Henry Fair dokumentiert aus dem Flugzeug heraus.
Der Künstler J Henry Fair dokumentiert aus dem Flugzeug heraus. © - keine Angabe im huGO-Archivsys