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So endete Sachsens Gauleiter

Am 8. Mai 1945 floh Martin Mutschmann ins Erzgebirge und versteckte sich. Doch schon bald wurde er entdeckt. Dann ging es nach Moskau.

Brüder in Geist und Untat: Gauleiter Martin Mutschmann (r.) und Joseph Goebbels, 1933 bei einer Veranstaltung in Dresden.
Brüder in Geist und Untat: Gauleiter Martin Mutschmann (r.) und Joseph Goebbels, 1933 bei einer Veranstaltung in Dresden. ©  Archiv/dpa

Am Ende geht alles sehr schnell. Am 14. Februar 1947, drei Tage nach der endgültigen Urteilsbestätigung, wird der prominente Häftling hingerichtet. Im Keller der Moskauer Lubjanka, dem Zentralgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes. Vermutlich mit einem Genickschuss in den frühen Morgenstunden, aber ganz sicher durch Major Vasili Blochin persönlich, den „Schlächter in der Lederschürze“, mit 15.000 Exekutionen Stalins Rekord-Vollstrecker. Die Kugel trifft Martin Mutschmann ausgerechnet aus dem Lauf einer deutschen Walther-Pistole, wie er selbst sie einst benutzt hat. Sachsens ehemaliger NS-Gauleiter, einer von Hitlers mächtigsten und brutalsten Reichsstatthaltern, ist tot.

Zwar war der 1879 Geborene lediglich einer von 43 „politischen Generälen“ des sogenannten Führers. Doch im Gegensatz zum Schicksal seiner „Kollegen“ blieben die genaueren Umstände von Verhaftung, Verhandlung und Hinrichtung des einstigen „König Mu“ jahrzehntelang verborgen im dichten Dunst der Gerüchte, Mutmaßungen, Spekulationen und Legenden. 1990 stellte das Archiv des Ex-KGB dem Holocaust-Memorial in Washinton Kopien von Akten mehrerer NS-Verbrecher zur Verfügung, darunter Mutschmann. 2004 bekam sie Mike Schmeitzner in die Hände, ein Historiker am Hannah-Arendt-Institut in Dresden. Fortan erforschte er den Fall weiter. Das Ergebnis liegt als Buch vor: „Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal“.

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So sah sich Mutschmann am liebsten: als Führer der Sachsen.
So sah sich Mutschmann am liebsten: als Führer der Sachsen. © Sammlung Böhm

Ein durchgeknallter Antisemit

Vieles über die Karriere des  Provinzdespoten ist hinlänglich bekannt. Aber manches blieb lange rätselhaft, nicht nur dessen Ende. Warum zum Beispiel gerierte sich Martin Mutschmann  schon vor dem Ersten Weltkrieg als „besonders fanatischer und obsessiver“ Antisemit, sogar „fast wie durchgeknallt“, wie Mike Schmeitzner es nennt? Mögliche Erklärung: Wie alle Plauener Textilfabrikanten litt er unter der weltweiten „Spitzenkrise“ und rief zu Ausschreitungen gegen die rasch gefundenen Sündenböcke auf: eingewanderte Ostjuden, die auch in Plauens Spitzenindustrie Fuß gefasst hatten. Mit Judenhass und Organisationstalent beim Aufbau der sächsischen NSDAP-Strukturen empfahl er sich dem „Führer“ und wurde 1925 Gauleiter.

Mutschmann war und blieb Hitler bedingungslos ergeben. Er führte ein totalitäres Regime im Kleinen und einen byzantinischen Lebensstil, kämpfte extrem skrupellos und entschlossen gegen Juden, politische Gegner und Konkurrenten, auch gegen ehemalige Weggefährten. Seine Macht und Willkür waren so berüchtigt, dass Joseph Goebbels ihn als „autokratischen Zar“ titulierte, der „richtige Gangstermethoden“ anwende. Was einem wie ihm im Fall der Niederlage drohen würde, war Martin Mutschmann bekannt. Um so fanatischer und blinder glaubte er bis zuletzt an den "Endsieg". Erst am 7. Mai brach seine Zuversicht zusammen. Ein vom plötzlichen Stimmungswandel seines Vorgesetzten völlig verdatterter Untergebener erinnerte sich später: "Er stand vor mir, legte seine Pranken auf meine Schultern und sagte: ,Es ist alles vorbei'". 

Sein Jagdschloss in Grillenburg wurde zu einem zweiten Hauptquartier des Gauleiters. Hier machte er auch auf seiner Flucht Station.
Sein Jagdschloss in Grillenburg wurde zu einem zweiten Hauptquartier des Gauleiters. Hier machte er auch auf seiner Flucht Station. © SZ/aw

Flucht nach Oberwiesenthal

Als die Rote Armee in Dresden einmarschierte, setzte sich der Gauleiter mit einem Begleiter ab. Er wollte hinauf nach Altenberg ins Erzgebirge, doch der eingeschlagene Weg durch das Müglitztal war durch abziehende Wehrmachtseinheiten unpassierbar. Die beiden Fliehenden mussten in Glashütte übernachten. Schon am nächsten Morgen, den 10. Mai, marschierte auch dort die Rote Armee ein. Mutschmann konnte knapp entkommen und sich in den Wäldern verbergen. Über sein Jagdschloss Grillenburg schlug der 60-Jährige sich irgendwie durch bis Oberwiesenthal. Am 16. Mai zog er weiter in den kleinen Ort Tellerhäuser, wo er seine Gattin Minna vermutete. Doch die war inzwischen im nahen Rittersgrün verhaftet worden.

Ausruhen konnte Mutschmann nicht: Inzwischen jagten mehrere Jäger den ehemaligen Statthalter Hitlers, dessen Geltungssucht ihm zusätzlich zum Verhängnis wurde: Jeder in Sachsen kannte ihn, jeder könnte ihn wiedererkennen. Im westlichen Erzgebirge suchte ihn ein bewaffneter Trupp ehemaliger KZ-Insassen. Eine "Antifaschistische Front" aus Chemnitz sammelte Hinweise auf seinen Aufenthaltsort, auch auf Schwarzenberger Gebiet setzte sich der dortige Antifa-Ausschuss auf Mutschmanns Fährte.

In Annaberg ausgestellt und erniedrigt

Viel später sollte der Schriftsteller Stefan Heym aufgeschnappte Falschmeldungen über Mutschmanns Verhaftung in Schwarzenberg in die Welt setzen. Der Jagd und den Jägern widmete er 1984 gleich zwei Kapitel seines Romans "Schwarzenberg". Doch die Wahrheit war eine andere: Der frisch ins Amt gekommene Oberwiesenthaler Bürgermeister Hermann Klopfer erhielt am 16. Mai einen Anruf aus Tellerhäuser. Dort solle sich der Gesuchte bei einem Kohlenhändler verstecken. Noch kurz vor Mitternacht griff sich Klopfer Polizisten und Freiwillige, fuhr hin, ließ das Haus umstellen und verhaftete mehrere NS-Funktionäre. Darunter: "König Mu". Am Folgetag, dem 17. Mai 1945, wurde er auf Annabergs Marktplatz öffentlich ausgestellt und erniedrigt. Sodann übergab man ihn den Sowjets, die ihn verhörten und elf Tage drauf nach Moskau verbrachten.  

Im kleinen Dorf Tellerhäuser versteckte sich Mutschmann vergeblich: Am 16. Mai wurde er dort im Haus links oben im Bild entdeckt und verhaftet.
Im kleinen Dorf Tellerhäuser versteckte sich Mutschmann vergeblich: Am 16. Mai wurde er dort im Haus links oben im Bild entdeckt und verhaftet. © Archiv Reinhard

Damit hatten sie insgesamt drei Gauleiter dingfest machen können. Doch der Ruf seiner Amtskollegen verblasste beinahe vor dem des Sachsen, der zudem Reichsstatthalter, Ministerpräsident und Reichsverteidigungskommissar gewesen war. „Mutschmann war der größte Fang der sowjetischen Seite“, sagt Historiker Mike Schmeitzner. Im August 1945 beschloss man in Moskau, auch Mutschmann vor das Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal zu bringen. Aber die Westalliierten hielten ihn für zu wenig bekannt und bedeutend. Sie saßen immerhin über die ganz Großen zu Gericht, etwa über Göring, Hess, Speer und Ribbentrop. Daraufhin beschlossen die Sowjets, Mutschmann in Moskau den Prozess zu machen.

Krankenmord als „Erleichterung für das deutsche Volk“

Dort gab der physisch und psychisch angegriffene Angeklagte nur zu, was man ihm ohnehin beweisen konnte. Etwa seine Mitverantwortung für die 15.000 Opfer der sogenannten „Euthanasie“, der „Tötung lebensunwerten Lebens“ auf dem Pirnaer Sonnenstein. Für Mutschmann war dies allerdings „kein Verbrechen“, vielmehr eine „Erleichterung für das deutsche Volk“. Alle übrigen Vorwürfe stritt er ab. Nach langwieriger Beweisaufnahme und Verhören stand Martin Mutschmann am 30. Januar 1947 vor seinem Richter. Obwohl man während der Ermittlungen 1945 und 1946 noch großen Wert auf seine Beteiligung an Judenverfolgung und Euthanasie gelegt hatte, war in der Anklageschrift davon keine Rede mehr. Mike Schmeitzner erklärt sich das „durch den Antisemitismus in der Sowjetunion, der sich seit 1945 kontinuierlich gesteigert hatte. Solch ein Vorwurf war 1947 politisch nicht mehr opportun.“

Das letzte Bild von Martin Mutschmann in Moskauer Haft.
Das letzte Bild von Martin Mutschmann in Moskauer Haft. © CA FSB Moskau

Am Urteil änderte das jedoch nichts. Nach der Rekordprozesszeit von drei Stunden inklusive Mittagspause war es gesprochen. Einen Anwalt hatte Mutschmann nicht bekommen. Die Hauptbelastungszeugen waren ehemalige von ihm geschasste Mitstreiter, die nun vergebens hofften, sich durch ihre Aussagen Milde für das eigene Verfahren erkaufen zu können. „Von einem rechtsstaatlichen Verfahren kann man kaum sprechen“, sagt Buchautor Schmeitzner, der den Fall Martin Mutschmann mit den Gauleiter-Prozessen der Westmächte verglichen hat. „Allerdings liefen selbst diese rechtsstaatlichen Verfahren sämtlich auf Todesurteile hinaus. Bis 1947/48 waren auch Polen, Amerikaner und Franzosen da nicht zimperlich.“

Zynismus der Geschichte: Martin Mutschmann starb fast auf die Stunde genau zwei Jahre nach den verheerenden Luftangriffen auf Dresden. Für einen Großteil der Toten trug er ebenfalls die Verantwortung: Ihr Gauleiter hatte zwar sich selbst, nicht aber seinen Untertanen sichere Luftschutzräume bauen lassen.

Literaturtipp: Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann. Sax-Verlag, 176 S., 14,80 €

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