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Leben und Stil

So gehen Sie clever mit Kritik um

Wer öffentlich angegriffen wird, darf sich auch ärgern – und dann das Beste daraus machen. Der SZ-Psychotalk mit unserer Kolumnistin Dr. Illona Bürgel.

Kolumnistin Dr. Illona Bürgel.
Kolumnistin Dr. Illona Bürgel. © Matthias Rietschel

Mir ist es wichtig, mein Wissen über Forschungsergebnisse auf dem aktuellen Stand zu halten und mich mit Kollegen auszutauschen. Deshalb war der Entschluss, beim diesjährigen europäischen Kongress für Positive Psychologie zu referieren, schnell gefasst. Am Nachmittag des ersten Tages war das Thema Wohlbefinden mit meinem Vortrag aufgerufen. Ich berichtete über meine Vortragsarbeit in Unternehmen, bei der ich binnen einer Stunde Wohlbefinden und Produktivität messbar verbessere.

Nach dem Vortrag gab es wie immer eine Fragerunde. Sofort meldete sich eine Professorin aus Kroatien zu Wort. Sie ging direkt zum Angriff über und monierte, dass meine praktische Arbeit hier nichts zu suchen habe, ich ein Studienergebnis falsch zitiere und kein Interesse an Forschungsarbeit hätte. Ich war völlig perplex und erschrocken. Öffentlich kritisiert zu werden, und dann noch so aggressiv, ist unangenehm. Eine Richtigstellung war nicht möglich. Die Professorin fuhr fort, ihre Vorwürfe zu wiederholen. Wenn jemand derart in Rage ist, sind Argumente nutzlos.

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Freude ist ein gutes emotionales Schutzschild. Doch auch negative Gefühle wie Ärger und Verunsicherung geben uns wertvolle Hinweise. Deshalb gilt es, sie nicht zu verdrängen, sondern sinnvoll zu nutzen. Ich dachte im Anschluss an die Begebenheit über Dinge nach, was ich auch Ihnen empfehle: War ich gut vorbereitet? War ich zufrieden mit meiner Arbeit? Was kann ich lernen? Ja, ich hatte mein Bestes getan. Jedoch fand ich den Kongress tatsächlich zu theorielastig. Wir strahlen unbewusst immer aus, was wir denken und fühlen. Zu lernen gab es einiges: Ich hätte bei meiner Kongressbewerbung mehr darüber nachdenken können, was das Format „oral presentation“ bedeutet, und ob es zu mir passt.

Ich war zufrieden, dass mich der Angriff nur kurz aus der Ruhe gebracht hatte und ich mich dann wieder offen dem Kongress widmen konnte. Das gelang mir dadurch, dass ich konstruktiv über das Geschehene nachdachte, ihm also Raum gab. Auch den unangenehmen Emotionen.

Dann habe ich allerdings aufgehört, mich weiter damit zu befassen. Es ist nicht sinnvoll, über Dinge oder Personen, auf die man keinen Einfluss hat und die einem nie wieder begegnen, nachzudenken.

Diese Überlegungen hätten schon für den positiven Ausgang einer kurzzeitig unangenehmen Geschichte gereicht. Doch es kam noch besser. Ein Hauptthema des Kongresses war positive Resonanz. Das ist die Verbundenheit von Menschen, die entsteht, wenn wir miteinander positive Emotionen teilen, mit anderen mitfühlen, etwas füreinander tun. Als Ergebnis steigt das Wohlbefinden, der Herzschlag passt sich an, das Immunsystem arbeitet besser, und wir bleiben gesund. Wesentlicher Erfolgsgarant ist der Botenstoff Oxytocin, der bei Augen- oder Körperkontakt ausgeschüttet wird. 

Dies durfte ich erleben. Mehrere Kollegen sprachen mich freundlich an, um sich für den Vortrag zu bedanken, mir zu sagen, wie wichtig gerade mein Praxisvortrag war. Ich habe in diesem Moment jene Forschungsergebnisse durch die Praxis bestätigt gefunden, die sagen, dass positive soziale Emotionen wie Hilfsbereitschaft oder Verständnis für uns Menschen die wichtigsten und wohltuendsten sind. 

Am 10. September 2019, 18.30 Uhr können Sie Dr. Ilona Bürgel live beim Leserforum erleben: „Die Kunst des guten Umgangs mit sich selbst“ heißt ihr Vortrag im Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20. Karten für 15 Euro, mit SZ-Card 14 Euro in allen SZ-Treffpunkten oder unter www.sz-ticketservice.de.

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