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Weißwasser

So geht Campingurlaub auf sächsisch

Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl bringen frischen Wind in Sachsens Tourismus. Ihre Idee wurde prämiert.

Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl sind Campingfans. Mit ihrer innovativen und nachhaltigen Campingurlaub-Idee „1 Nite Tent“ konnten sie im Rahmen des Wettbewerbs „So geht sächsisch“ überzeugen und einen von acht Preisen erringen.
Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl sind Campingfans. Mit ihrer innovativen und nachhaltigen Campingurlaub-Idee „1 Nite Tent“ konnten sie im Rahmen des Wettbewerbs „So geht sächsisch“ überzeugen und einen von acht Preisen erringen. © Foto: Sabine Larbig

Von Sabine Larbig

Kringelsdorf. Ihren Urlaub verbringen Anne-Sophie und Patrick am liebsten fernab von Touristenmassen, vollen Stränden und Hotelanlagen mit Dauerbespaßung. Sie stehen auf Campingurlaub. Vor allem in Ländern wo es möglich ist, ungezwungen und ohne gesetzlicher Einschränkungen das Zelt aufstellen zu dürfen. So wie in Schweden, wo Jedermannsrecht praktiziert wird. Dies bedeutet, jeder kann überall und wo es ihm gefällt kostenfrei eine Nacht campen.

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„Als wir vor vier Jahren in Schweden im Urlaub waren, haben wir dadurch an den schönsten Plätzen geschlafen, beispielsweise direkt am Meer in der ersten Strandreihe mit Blick auf die Öresundbrücke, auf Naturwiesen, mitten im Wald oder in privaten Gärten. Nebenbei lernten wir Menschen kennen, erhielten Urlaubs- und Ausflugstipps fernab der Touristentouristenrouten und spontane Einladungen zum Frühstück oder Grillfest am Lagerfeuer. Das hat unsere Reise mit viel Freiheit, Abenteuer und unvergesslichen Erlebnissen ausgestattet. Aus einigen Begegnungen haben sich sogar Freundschaften entwickelt“, erzählt Patrick Pirl. Zurück in Deutschland erwartete ihn und Anne-Sophie eine völlig andere Campingkultur. „Da wir nachts mit der Fähre in Rostock ankamen und mit dem Auto noch bis Dresden mussten, hätten wir gerne irgendwo unser Zelt aufgebaut und geschlafen.“ Doch Wildcampen ist in Deutschland verboten, wird je nach Bundesland mit bis zu 500 € Bußgeld geahndet.

Noch Wochen später beschäftigten die unterschiedlichen Erlebnisse die beiden. „An einem Abend auf dem Balkon sagten wir uns: „Da muss doch was zu machen sein, dass man auch in Deutschland als Camper eine legale Alternative findet, überall willkommen zu sein, sozialen Austausch, Gastfreundschaft und Weltoffenheit zu erfahren“, erinnern sich die Rückkehrer, die mittlerweile in Kringelsdorf leben und in Weißwasser arbeiten. Der Balkonabend ist fast vier Jahre her, aber Schlüsselereignis für eine Idee, die den beiden jungen Leuten auf ihrer Suche nach Lösungswegen kam. Denn dabei stießen sie auf das Prinzip des Couchsurfens, bei dem Menschen weltweit für eine Nacht ihre Wohnung mit Fremden teilen: ohne Bezahlung und per Kontakt über eine Internet-Plattform.

„Wenn jemand seine Couch anbietet, warum soll das nicht bei einem Stück Wiese für ein Zelt funktionieren“, dachten sich Pril und Hußler und gründeten aus eigener Kraft, nur mithilfe von Freunden und Bekannten, die Plattform „1 Nite Tent“, was soviel heißt wie eine Zeltnacht. Das Design der Internetseite entwickelte Anne-Sophie, freiberufliche Grafikerin und Illustratorin, selbst. Programmierung, Onlineauftritt, Videoclips, Marketingkampagne und vieles mehr, was Geld kostet, sollten private Spenden finanzieren. Das wurde nicht. „Das Modell Crowfunding war den Leuten wohl zu abstrakt“, vermutet Patrick Pirl.

Umgesetzt haben die Zwei ihre Idee trotzdem. Doch es dauerte zwei Jahre, bis am 6. Juni 2018 ihre Plattform auf Basis der Gedanken von Teilen, Gastfreundschaft und Wir-Gefühl online ging. Dafür mit Erfolg. „In der ersten Woche hatten wir zehn Platzangebote von Leuten aus der Lausitz“, so Patrick Pirl. Gemeinsam mit Anne-Sophie betreut der 32-Jährige die Plattform, die dank vieler Netzwerke, darunter „Kreatives Sachsen“, ein Zusammenschluss von Kreativdienstleistern und Kulturschaffenden, sowie Unterstützern und etwa 400 Fans momentan rund 90 kostenfreie Plätze von Gastgebern in ganz Deutschland sowie Frankreich, Polen, Holland und Weißrussland bietet.

„Eines Tages erhielten wir von Kreatives Sachsen den Tipp, dass es einen mit Preisgeldern ausgelobten sächsischen Ideenwettbewerb gibt, bei dem innovative Vorschläge im Tourismusbereich eingereicht werden können. Wir haben uns daraufhin informiert, unser Projekt eingereicht und abgewartet, was passiert“, erzählt Campingfan Patrick.

Passiert ist, womit er und seine Mitstreiterin nicht gerechnet haben. Sie kamen unter 200 eingesandten und von einer Expertenjury bewerteten Bewerbungen unter jene 30, für die es im Mai 2019 unter Anleitung von Coaches einen Workshop in Dresden gab. Bei dem wurde weiter an den Ideen und ihrer Umsetzung gefeilt und getüftelt, bevor sie erneut von der Jury begutachtet und geprüft wurden. Letztlich gewannen die Weißwasseraner mit „1 Nite Tent“ im Ideenwettbewerb „So geht sächsisch“ eine ersten Preis und damit 10 000 €. Ein für die Ideengeber völlig überraschender Erfolg. „Wir vermuten, unser Konzept hat überzeugt, weil es Werte vermittelt, nicht auf Gewinn abzielt und Sachsen sich 2021 in Berlin auf der Internationalen Touristikbörse ITB als Partnerland weltoffen, unkompliziert, gastfreundlich, kreativ präsentieren will. Also so, wie unsere Projektinhalte angelegt sind“, mein Patrick. „Abgesehen davon macht unser Projekt das Reisen zu Fuß, mit Rad oder Bahn attraktiv und günstig und lässt auf legale Art das Sammeln individueller Erfahrungen zu, indem der Tourist zum Gast wird und insbesondere der ländliche Raum als Reiseziel erschlossen wird“, sagt Anne-Sophie.

Der Wettbewerb war und ist auch aus Sicht der Landesregierung ein Erfolg. „In Sachsen gibt es viele kreative Köpfe, die unser Land nach vorne bringen wollen. Wir haben zu diesem Wettbewerb aufgerufen, um mit innovativen Ideen neue Impulse für die Entwicklung des Tourismus zu setzen“, erklärt Ministerpräsident Michael Kretschmer bei der Auszeichnungsveranstaltung. Dort zeigte sich Wirtschaftsminister Martin Dulig ebenfalls begeistert vom Potenzial. „Gastfreundschaft ist ein Erfolgsmodell, von dem der Wirtschaftsstandort Sachsen insgesamt profitiert. Im nächsten Schritt gilt es, die vielen guten Ideen in erfolgreiche und buchbare Modellprojekte zu verwandeln.“

Dies war und ist Ziel von Anne-Sophie Hußmann und Patrick Pirl. Mit dem Preisgeld können sie die Weiterentwicklung ihrer Seite finanzieren. Geplant sind Funktionen für Anmeldung, Koordinaten, Kurzbeschreibungen, Kontakte sowie ein Blog mit Reiseberichten und Vernetzungen mit sozialen Kanälen. Marketingaktionen, Teilnahmen an Tourismusmessen und der Aufbau von Schutzhütten aus recyceltem Material an Rad- und Wanderwegen werden ebenfalls möglich. Außerdem wird ihr Projekt auf der ITB 2021 präsentiert.

„Man kann Ideen verwirklichen, wenn man dran bleibt!“, so das Fazit der Macher.

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