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So geht die SG Dynamo mit ihrer Stasi-Vergangenheit um

Vor einem Jahr ist der Streit zwischen den Helden von einst eskaliert. Ein Interview mit Dynamos Präsidenten über Tradition, DDR-Geschichte und neue Regeln.

Der Streit unter Dynamos Vereinslegenden Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische, Dieter Riedel und Edeuard Geyer sorgte im vergangenen Jahr für Schlagzeilen.
Der Streit unter Dynamos Vereinslegenden Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische, Dieter Riedel und Edeuard Geyer sorgte im vergangenen Jahr für Schlagzeilen. © Robert Michael (Archiv)

Der Streit unter Dynamos Ehrenspielführern sorgte für Aufsehen. Die Vereinslegenden Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische und Dieter Riedel forderten ihren einstigen Mitspieler Eduard Geyer auf, den Titel abzugeben. Wegen seiner inoffiziellen Mitarbeit für die Staatssicherheit in der DDR sei er moralisch für diese Auszeichnung nicht geeignet. 

Zudem sprachen sie dem Meistertrainer von 1989 ab, als Spieler maßgeblich an den Erfolgen beteiligt gewesen zu sein. Geyer trat letztlich zurück, aber: Was heißt das für den Verein und seinen Umgang mit der Geschichte? Darüber spricht der Präsident im Interview.

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Holger Scholze, was macht für Sie die Tradition von Dynamo aus?

Der Mythos Dynamo basiert zweifelsohne auf den legendären Erfolgen der 1970er-Jahre. Davon habe ich schon als kleiner Junge von meinen älteren Geschwistern erfahren. Grandios waren natürlich auch zahlreiche Auftritte in den 1980er-Jahren, die ich dann selbst live verfolgen konnte. So erinnere ich mich besonders gerne an die FDGB-Pokalsiege und Meisterschaften sowie einige sensationelle Europacupspiele bis hin zum größten sportlichen Erfolg der Vereinsgeschichte, 1989 das Halbfinale erreicht zu haben. Leider war Ulf Kirsten für die Spiele gegen den VfB Stuttgart gesperrt. Sonst wäre vielleicht noch mehr drin gewesen. Allerdings haben die Begriffe Geschichte und Tradition für mich unterschiedliche Bedeutungen.

Worin sehen Sie diese?

Die Geschichte beinhaltet alle Ereignisse, seien sie nun positiv oder negativ. Die Tradition baut dagegen ausschließlich auf erfreulichen Geschehnissen, Erfolgen und Errungenschaften auf. Und natürlich wollen wir an diese anknüpfen.

Dann reden wir ab sofort über Geschichte. Am 12. April 1953 wurde ein bestehender Verein in SG Dynamo umbenannt und damit der Dachorganisation des Ministeriums für Staatssicherheit zugeordnet. Ist das ein passendes Gründungsdatum?

Welches wäre denn besser geeignet?

Im Sommer 1950 wurde eine Mannschaft als SV Volkspolizei Dresden zusammengestellt, die 1952 mit dem Pokalsieg den ersten Titel der Vereinsgeschichte geholt hat, der auch offiziell geführt wird.

Das ist richtig, aber auch die Sportvereinigung Volkspolizei gab es schon vorher. Der Ursprung lässt sich jedoch nicht genau bestimmen. Das Jahr 1953 ist für uns eine prägende Marke geworden. Aber auch diese sollten wir in den historischen Kontext setzen. Erst am 2. Mai habe ich eine Sitzung einberufen, um die Meinungen aller gewählten ehrenamtlichen Gremienmitglieder einzuholen. Wir legen als Präsidium großen Wert auf kompetente Beratung, bevor weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Es geht uns dabei um eine saubere, transparente und verständliche Einordnung der gesamten Vereinsgeschichte, immer in Bezug zum jeweiligen historischen Hintergrund.

Welchen Ansatz wählen Sie dafür?

Ich sehe vier Epochen. Zunächst die DDR-Zeit, welche sportlich die erfolgreichste war. Es geht darum, gerade auch jüngeren Leuten zu vermitteln, unter welchen Rahmenbedingungen Fußball gespielt wurde und dass die SGD alles andere als ein mitgliedergeführter Verein war. Dynamo war im Grunde Befehlsempfänger. Es stellt sich die Frage, wie der Machtapparat mit seinen Sportlern umgegangen ist. Außerdem wollen wir beleuchten, welche anderen Sportarten zunächst dazu gehörten oder dass erst ab 1969 in den Dresdner Stadtfarben Schwarz und Gelb gespielt wurde. Davor war ja eher weinrot dominant.

Holger Scholze wurde am 19. Dezember 2018 zum neuen Dynamo-Präsidenten gewählt, ein Ehrenamt – und so versteht es der 47 Jahre alte Bautzner auch. Beruflich hält er unter anderem Vorträge als Börsen-Experte. 
Holger Scholze wurde am 19. Dezember 2018 zum neuen Dynamo-Präsidenten gewählt, ein Ehrenamt – und so versteht es der 47 Jahre alte Bautzner auch. Beruflich hält er unter anderem Vorträge als Börsen-Experte.  © Robert Michael

Das sind die ersten 36 Jahre. Sie sprachen von vier Epochen …

Ja, es schließt sich zweitens die Wendezeit an, in der zunächst mit Teilen der Dynamo-Tradition gebrochen wurde. Plötzlich hieß der Verein 1. FC Dynamo. Außerdem veränderte man das Logo: Das D wurde in Anlehnung an den Freistaat Sachsen auf grünem Grund dargestellt. Später haben die Mitglieder entschieden, das zu korrigieren. Diese zweite Epoche mit den Bundesligajahren würde ich bis zum Lizenzentzug und Zwangsabstieg definieren. Danach folgt drittens die – sagen wir – Wiederauferstehung bis zum heutigen Tag. Und ganz wichtig viertens: die Zukunft der Sportgemeinschaft. Denn wir haben ja schließlich einen Traum.

Der Streit unter den Ehrenspielführern hat gezeigt, dass auch das Thema Stasi bisher unzureichend aufgearbeitet ist. Wie geht es damit weiter?

Wir sind als Verein aus meiner Sicht nicht die richtige Instanz, um über das Verhalten einzelner Personen diesbezüglich urteilen zu können. Selbst wenn wir Akteneinsicht nehmen würden, wäre zu prüfen, wie verlässlich diese Quellen sind. Wie kamen diese Aufzeichnungen zustande? Sind sie vielleicht sogar manipuliert worden? Angenommen, man käme trotzdem zu Erkenntnissen: Wie würden wir damit umgehen? Steht es uns zu, Menschen daraufhin aus unserer heutigen Sicht zu charakterisieren? Das ginge in einen zutiefst persönlichen Bereich hinein. So schwer dies auch sein mag, aber die Betroffenen müssen einen Weg finden, es untereinander oder auf privatrechtlichem Weg zu klären.

Hat es der Verein direkt nach der Wende versäumt, die Stasi-Verknüpfung aufzuarbeiten?

Dies möchte ich nicht beurteilen. Es ist auch kaum möglich, sich in die Lage der damals Verantwortlichen hineinzuversetzen. Die Menschen hatten es mit einem allumfassenden Umbruch zu tun. Es wäre unfair, ihnen heute einzelne Versäumnisse vorzuwerfen. Das würde uns auch nicht weiterhelfen.

Inwieweit kann die Stasi-Mitarbeit ein Kriterium für künftige Ehrungen sein?

Wir sind intensiv damit beschäftigt, einen Katalog aufzustellen, der die grundsätzlichen Anforderungen enthalten soll. Diesen konkreten Aspekt zu beleuchten und gerecht zu beurteilen, wird weiterhin problematisch bleiben. Wir könnten die Vorbildwirkung durch die Tätigkeit, das Auftreten, die Lebensweise eines Kandidaten als ein Kriterium festlegen. Darin würden solche Fragen einfließen, ob er viele Rote Karten bekommen oder oft die Schiedsrichter beleidigt hat, also: Ist er ein fairer Sportsmann? Und war er auch fair im Umgang mit seinen Mitspielern? Aber diese moralische Komponente zu formulieren, ist eine der schwierigsten Aufgaben.

Bis wann wird es diesen Katalog geben?

Wir haben vor, ihn den Mitgliedern bei der Versammlung am 16. November vorzustellen. Allerdings ist die inhaltliche Qualität wichtiger als die Schnelligkeit. Er soll uns ja dauerhaft helfen und keine Lücken enthalten, die wir später wieder schließen müssten. Deshalb holen wir uns als Präsidium auch hier vielfältige Meinungen ein.

Es gab den Vorschlag, Gert Heidler zum Ehrenspielführer zu ernennen. Liegt der vorerst auf Eis?

Er hat enorme Verdienste, und wir schätzen ihn sehr. Dazu kam kürzlich übrigens auch der Vorschlag, Siegmar Wätzlich posthum diese Ehre zuteilwerden zu lassen. Glücklicherweise gibt es weitere Kandidaten, aber wir wollen zunächst klare Regularien aufstellen und darüber abstimmen lassen. Möglicherweise müssten sogar die Satzung konkretisiert und die Beitrags- und Ehrenordnung angepasst werden. Das wird derzeit von Vize-Präsident Michael Bürger juristisch geprüft.

Ist Dynamo als Verein selbstbewusst genug, zu den Verbindungen mit der Stasi als ein Teil seiner Geschichte zu stehen?

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Diese Frage bewegt nicht nur die Fans: Soll Eduard Geyer wegen seiner Stasi-Mitarbeit den Titel verlieren? Die Leser der SZ diskutieren kontrovers.

Das sollte so sein. Ein offener und ehrlicher Umgang mit diesem Thema ist uns wichtig. Es gehört in die damalige Zeit unter den damaligen Bedingungen. Jeder musste damit irgendwie umgehen und für sich selbst Entscheidungen treffen. Einige Spieler haben es abgelehnt, was zweifellos mutig war. Andere wurden so massiv unter Druck gesetzt, dass sie das Ende ihrer Karriere fürchten mussten. Daraus ergibt sich die Frage, ob jemand anderen geschadet oder aber für sich eine Grenze gezogen hat. Die Übergänge sind vermutlich so fließend, dass es aus heutiger Sicht kaum fair zu bewerten ist. Deshalb geht es uns bei der Einordnung darum, die Strukturen der Einflussnahme darzustellen, aber niemanden persönlich an den Pranger zu stellen.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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