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Pirna

Wie sich Corona anfühlt - eine Betroffene erzählt

Martina Schulz arbeitete erst wenige Tage im Edeka-Markt in Königstein - dann infizierte sie sich. Wie es ihr geht und mit welchen Nebenwirkungen sie kämpft.

Der Edeka in Königstein. Sind Informationen über Mitarbeiter illegal nach draußen gelangt?
Der Edeka in Königstein. Sind Informationen über Mitarbeiter illegal nach draußen gelangt? © Archivfoto: Marko Förster

Eigentlich fühlte sich Martina Schulz gut. Die 49-Jährige hatte erst vor wenigen Tagen einen neuen Job im Edeka-Supermarkt in Königstein angetreten. Die Arbeit machte ihr Spaß, die Kollegen waren nett. Alles stimmte. Bis sie am Freitag, dem 3. April, abends  nach der Arbeit nach Hause kam. 

"Ich konnte plötzlich nicht mehr riechen", erinnert sich Martina Schulz. Kein Parfüm, kein Essensduft. Auch schmecken konnte sie nicht mehr alles. Da läuteten ihre Alarmglocken. Ihre Hausärztin schickte sie noch am gleichen Tag per Überweisung zu einem Corona-Test nach Pirna-Copitz. Am Sonntag bestätigte sich der Verdacht. Der Test war positiv - Martina Schulz hatte sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Noch am Freitag informierte sie ihre Chefin Gabi Schmidt über den Verdacht, am Sonntag dann über die bestätigte Infektion. Diese entschied sich dann am Montag, den Supermarkt ganz zu schließen. 

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Seit dem bestätigten Test befindet sich Martina Schulz nun in Quarantäne zu Hause in Gohrisch. "Die Krankheit verläuft bis jetzt mild", erzählt sie. Sie hätte grippeähnliche Symptome, fühle sich schlapp und ab und zu sei ihr schwindelig. Riechen kann sie nicht, schmecken nur Süßes. "Eigentlich geht es mir gut", sagt die 49-Jährige.

Stigmatisierung im Internet

Eigentlich. Denn am meisten machen Martina Schulz nicht die Nebenwirkungen der Corona-Infektion zu schaffen, sondern die Diskussion darüber im Internet, in den sozialen Netzwerken. Dass der Königsteiner Edeka wegen einer Corona-Infektion geschlossen hat, verbreitete sich ab Montag schnell. 

Einer der Ersten, der diese Information streute, war AfD-Landtagsabgeordneter Ivo Teichmann. Er postete bei Facebook, dass eine tschechische Mitarbeiterin positiv auf Corona getestet wurde. Die Frau sei erst kürzlich eingestellt worden, schrieb er. Er wollte damit deutlich machen, dass keine Person aus Königstein erkrankt sei, erklärt er gegenüber Sächsische.de. Teichmann hat den Zusatz, dass die betroffene Frau aus Tschechien stammt und noch nicht lange im Edeka arbeitet, zwar inzwischen gelöscht. Dennoch fühlt sich Martina Schulz dadurch stigmatisiert. "Jeder wusste, dass nur ich gemeint sein kann", kritisiert sie. 

Denn die 49-Jährige stammt ursprünglich aus Tschechien. Seit 30 Jahren lebt sie in Deutschland, davon 27 Jahre in Dresden. In Königstein und Gohrisch, wo sie heute zu Hause ist, kenne jeder jeden. "Mein Telefon stand ab Montag nicht mehr still. Viele riefen an und fragten, ob ich die Infizierte bin", schildert Martina Schulz. Das alles hätte sie sehr mitgenommen. "Menschen, die in politischen Spitzenpositionen arbeiten, sollten sich professioneller verhalten", sagt sie und richtet sich damit an Ivo Teichmann. 

Der AfD-Landtagsabgeordnete hatte die erste Information aus Edeka-Kreisen, wie er gegenüber Sächsische.de sagt. Seine Quelle sei absolut seriös, versichert er. Mit Inhaberin Gabi Schmidt sprach er bis dahin aber nicht. Martina Schulz kann diese Vorgehensweise nicht nachvollziehen. Nur die Geschäftsleitung könne solch sensible Informationen bestätigen, nicht irgendein Mitarbeiter. "Im Internet werde ich jetzt als die Tschechin gehandelt, die den Edeka angesteckt hat", empfindet sie.

Soziale Kontakte längst eingestellt

Wo sich Martina Schulz angesteckt haben könnte? Sie weiß es nicht. Kontakt zu Freunden und Bekannten hatte sie bereits seit Wochen eingestellt. Auch war sie in kein Risikogebiet gereist. Beruflich war sie zuletzt bei der Bäckerei Lauermann in Gohrisch beschäftigt. Anfang März diesen Jahres fing sie dort an. Es sollte ein beruflicher Neustart werden. 

Martina Schulz kommt nicht aus dem Einzelhandel. Sie hat ursprünglich Kunst und Kunsttherapie studiert. In Schulen und Kitas gab sie Kurse, bot Workshops an. "Irgendwann wollte ich einen beruflichen Tapetenwechsel", wie sie sagt. Sie wollte raus aus Dresden. Die Sächsische Schweiz hatte ihr schon immer gefallen. Sich hier eine neue Perspektive aufbauen, das reizte sie. In Bad Schandau wollte sie ein Geschäft eröffnen und Stoffe verkaufen. Das Geschäftsmodell ging jedoch nicht auf. "Die Touristen wollten wandern, nicht kreativ sein", sagt sie. Nach einem Jahr zog Martina Schulz die Notbremse. "Mein Plan B war dann die Gastronomie. Da werde ich immer einen Job finden", sagt sie - und bekam prompt eine Anstellung in einem Hotel. Das läuft aber nur im Sommer. Um im Winter nicht arbeitslos zu sein, suchte die 49-Jährige weiter. 

Und fand den Job in der Gohrischer Bäckerei. "Die Arbeit dort war unglaublich toll", erzählt sie. Auch dort sei wegen Corona für Arbeitsschutz gesorgt worden. Zum Beispiel mit einer Trennwand zu den Kunden. Außerdem hätte immer nur ein Kunde den Laden betreten dürfen. Wegen der Corona-Krise wurde ihr jedoch Ende März - nach nur drei Wochen - gekündigt. "Die Entscheidung kann ich ökonomisch verstehen. Ich bin niemandem böse", sagt sie.

Mundschutz am Arbeitsplatz

Noch am gleichen Tag bewarb sie sich bei Edeka. Anfang vergangener Woche folgte die Einladung zum Gespräch nach Königstein. Nach einem Tag Probearbeiten kam die feste Zusage. "Da ich bei Edeka in einem Risikoberuf tätig bin, habe ich von Anfang an Handschuhe und Mundschutz getragen", sagt Martina Schulz. Nicht, weil von ihr selbst ein Risiko ausginge. Sondern weil sie sich nicht bei Kunden, die das Virus womöglich in sich tragen, anstecken wollte. "Ich wollte einfach gesund bleiben", sagt sie. Bei Edeka war sie für die Obst- und Gemüseabteilung zuständig, füllte Waren auf, sortierte aus. 

Ob und wann sie wieder im Supermarkt stehen wird, ist bislang offen. Martina Schulz wird voraussichtlich bis 20. April in Quarantäne bleiben müssen. Mitte nächster Woche soll sie erneut getestet werden. Täglich hält sie zudem Kontakt zum Gesundheitsamt in Pirna und dem Corona-Krisenstab der Stadt Königstein. Die Abstimmung mit den Behörden laufe problemlos. "Diese Leute machen einen tollen Job", lobt sie.

Wie es beruflich für sie weiter geht, diese Frage muss Martina Schulz noch für sich beantworten. "Im Moment habe ich wenig Vertrauen in das Team, weil von dort Informationen über mich und meine Erkrankung nach draußen gegeben wurden", sagt sie. Das hätte für einen Bruch gesorgt. Ob er gekittet werden kann? Martina Schulz sucht die Antwort darauf. 

Edeka öffnet am Donnerstag

Fest steht, dass der Edeka in Königstein an diesem Donnerstag, dem 9. April, nach über zwei Tagen Zwangspause wieder öffnen wird. Wie Bürgermeister Tobias Kummer (CDU) mitteilt, wird der Supermarkt am Donnerstag und Sonnabend jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet haben. Inhaberin Gabi Schmidt bittet jedoch die Kunden um Verständnis, wenn es zu längeren Wartezeiten kommt. Nur so könne ein reibungsloser Ablauf sichergestellt werden. Kummer bedankt sich bei ihr und ihrem Team, die in den vergangenen tagen mit Hochdruck daran gearbeitet hätten, dass der Laden pünktlich vor Ostern wieder aufmachen könne. Der Edeka ist der einzige größere Einkaufsmarkt zwischen dem Pirnaer Sonnenstein und Bad Schandau.

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