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Broadway-Feeling in der Semperoper

Jubelstürme für die "West Side Story" in Dresden. Die Inszenierung ist zwar von 1957, aber immer noch so aktuell und mitreißend wie vor sechzig Jahren. 

In den Hauptrollen: Tony (Todd Jacobsson) und Maria (Sophie Salvesani)
In den Hauptrollen: Tony (Todd Jacobsson) und Maria (Sophie Salvesani) © Jeff Busby

Von Jens Daniel Schubert

Tony liebt „Maria“, beide träumen vom Glück „Tonight“, fühlen sich als ein Herz und eine Seele („One Hand, One Heart“) auch wenn sie ahnen, dass es ein Glück nur „Somewhere“, irgendwo, aber nicht in „Amerika“, im Manhatten der 50er gibt. Hit für Hit erfüllt Bernsteins „West Side Story“ die Semperoper. Die Sommerbespielung durch die reisende Musicaltruppe der Opera Australia wird vom Publikum an- und mit Jubel aufgenommen.

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Die Aufführung in der Inszenierung von Joey McKneely ist nah an der Originalchoreografie von Jerome Robbins von 1957. Sie transportiert, anders als die Inszenierungen etwa 2002 in Leuben oder 2008 in Chemnitz, viel vom Broadway-Feeling. Bernsteins Musik und die aktionsgeladenen, ausdrucksstarken und mit großer Präzision umgesetzten Tanzszenen sind ihre Stärken. Die englischen Dialoge, durch Übertitel-Übersetzung jedermann verständlich, bleiben im Spiel manchmal etwas hölzern, was dem Verständnis und der Nachvollziehbarkeit der Personen keinen Abbruch tut.

© Nilz Boehme

Dirigent Donald Chan leitet die Aufführung mit großer Routine. Meist dreht er nur das Schwungrad, um den Drive der Interpretation nie abreißen zu lassen. Allerdings weiß er auch genau, wann die präzisen Impulse kommen und die Sänger von ihm an die Hand genommen und geführt werden müssen. Das gab dem Abend eine musikalische Sicherheit und Präzision die faszinierte. Dass im für seine Akustik gerühmten Semperbau riesige Lautsprechertürme vor dem Portal hängen und man von dort Sänger und Orchester hört, ist eher gewöhnungsbedürftig. Eine professionelle Tontechnik passt jedoch die Verstärkung gut in die Raumakustik ein, nur an einigen wenigen Stellen kam es zur Disbalance zwischen Sängern und Orchester.

Vielleicht war es ja der legendäre Aufführungsort der auch manchen Sänger dazu verführte, die große Opernstimme auszupacken. Gerade bei den Hauptrollen Tony (Todd Jacobsson) und Maria (Sophie Salvesani) ist da manch klangvoller Ton zu hören, allerdings schafft die Stimme das nicht bruchlos und im häufig geforderten Bereich zwischen den Lagen wurde es dann hörbar dünn. Rundum überzeugen kann Chloé Zuel die die Anita getanzt, gespielt und gesungen hat, die auch in den Spielszenen überzeugend, authentisch und nachvollziehbar blieb.

© Nilz Boehme

Wie die Inszenierung von der Choreografie, lebt die Darstellung von der beindruckenden, für diese Theaterform unverzichtbaren Fähigkeit, Tanz, Gesang und Spiel zu einer Einheit zu verschmelzen. Das demonstriert die gesamte Truppe in überzeugender, mitreißender Weise.

Bernstein hatte nach einer neuen Version des alten Shakespeare-Klassikers „Romeo und Julia“ gesucht, sich vom Gedanken einer christlich-jüdischen Auseinandersetzung verabschiedet und mit den Jets und Sharks zwei rivalisierende Jugendgangs auf die Bühne gebracht. Das war vor 1957. Die an den Rand gedrängten, abgehängten und vom gesellschaftlichen Wohlstand Ausgeschlossenen finden in den Zugewanderten aus Puerto Rico den Sündenbock und die Projektionsfläche für ihren Frust. 

Unglaublich, wie aktuell dieses Stück ist! Wenn die Jets in „Gee, Officer Krupke“ ihre eigene Chancenlosigkeit zwischen asozialen Verhältnissen, Polizisten, Psychiatern und Sozialarbeitern beschreiben, kann man kaum glauben, dass das schon zehn Jahre vor der ersten Mondlandung auf der Bühne gezeigt wurde. 

Und wenn die Inszenierung den Traum von einer besseren Welt „Somewhere“, alle in weißen Kostümen, die beengende Straßenkulisse weit aufgefahren und in der Weite eines hellen, farbigen Hintergrundes, zelebriert, möchte man eigentlich nicht zurück. Weder in die unbarmherzig weiterführende Handlung, in der erst Tonys Tod und Marias Klage etwas von Innehalten in einer sich aufschaukelnden Spirale der Gewalt bringt. Noch in die Welt da draußen, die auch an diesem lauen Sommerabend mit Flaneuren und Straßenmusikern auf dem Opernplatz, doch eine harte, kompromisslose ist. Bernsteins Botschaft von Versöhnung und Toleranz, mit einem amerikanischen Hauch von Kitsch präsentiert, ist heute aktuell wie vor sechzig Jahren.

Termine: bis zum 4.8. außer montags täglich

Kartentelefon: 01806/101011 / Preise: 82,90 – 107,90 Euro

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