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„So herrscht im Reich politisches Gefurze“

Lehrerinnen und Lehrer tragen jetzt Mundschutz in Grün-Weiß. Und die Gedanken bleiben frei. Teil 18 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Sebastian Kahnert/dpa/SZ

Meine Frau stand zeitig auf, um auf Arbeit in die Schule zu fahren – nach 33 Tagen Heimarbeit. Am Mittwoch, den 18. März schloss der Freistaat alle Schulen und Kitas. Noch sind sie nicht wieder geöffnet, aber es finden in Gymnasien Konsultationen für die Abiturklassen statt. Lehrer tragen einen Mundschutz, soweit die vorhanden sind. Bei meiner Frau in der Schule sind die grün-weiß. So könnte man an einen sächsischen Maulkorb denken. Aber denkt das einer? Schüler sitzen in gebührendem Abstand, aber es gibt keinerlei Pflicht, an den Vorbereitungen für das Abitur teilzunehmen.

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Am Morgen leiste ich mir einen Ausflug nach Maxen. Dort besuche ich mit dem Autor Mario Süßenguth und Tom Pauls den Kabarettisten Peter Flache. Auf dem Weg dahin fahre ich durch rapsgelb blühende Landschaften, die Birken protzen mit ihrem Grün. Natürlich diskutieren wir, mit Abstand im Garten sitzend, über die kulturelle Prohibition und finden sie zunehmend belastend. Wir stellen erstaunt fest, wie schnell angesichts einer Todesdrohung sämtliche Freiheiten kassiert werden können und die Gegenwehr nur langsam wächst. Flache wohnt im Schloss Maxen, dessen Mauern aus dem 13. Jahrhundert stammen. Angesichts dieser Ewigkeit fragen wir uns, wie andere Generationen mit den Krisen ihrer Zeit umgegangen sind. Zugleich finden wir keine plausible Antwort darauf, wem es nützt, was gerade passiert.

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Kurz vor dem Mittag senden wir Wolfgang Schaller eine Nachricht und gratulieren dem langjährigen Intendanten der Herkuleskeule zum 80. Geburtstag. Später schreibt er zurück: „Danke, bleibt fröhlich!“ Ich muss daran denken, dass 2011 die SZ-Autoren Thomas Bärsch, Michael Bittner, Jens-Uwe Sommerschuh, Schaller und ich das „Satirische Quintett“ gründeten. Das war eine gute Zeit, wir veranstalteten jährlich Lesungen, unter anderem im Sarrasani-Zirkuszelt, das noch am Dresdner Hauptbahnhof stand. Wolfgang Schaller überließ nichts dem Zufall und meinte einmal, dass die höchste Form der Improvisation die gründliche Vorbereitung sei.

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Meine Tochter und mein Sohn sitzen am heimischen Computer. Das Semester in ihren Hochschulen startet wieder. Allerdings nur digital. Vorlesungen finden hinter der Mattscheibe statt, die Professoren sendeten ihre Inhalte per Mail mit den Links zu den einzelnen Präsentationen. Einsames Lernen, aber ein kleiner Fortschritt, meinen die beiden Studierenden.

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Am Nachmittag telefoniere ich mit Ernst Hirsch. Der Dresdner Filmemacher erzählt, dass es ihm gut gehe und er gerade einen Film mit Wilfried Franns von Promnitz abgedreht habe. Gleich am Anfang des Streifens zitiert der 1952 in Dresden geborene Dirigent, Organist, Pianist, Sänger und Erzähler den Dichter Walter von der Vogelweide: „Das Volk ist dumm, das macht der Kohl, er bläht nur unterm Schurze; den Kopf hingegen läßt er hohl. So herrscht im Reich, Ich sag: ,Zum Wohl´! – politisches Gefurze.“ Älter könne eine Kritik kaum sein, so Hirsch, es habe sich so wenig geändert, wenn es darauf ankomme.

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Joachim Zirkler schreibt mir Grüße. Der frühere Pfarrer der Dresdner Kreuzkirche ist seit 2014 Studienleiter am Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg. Dort, so schreibt er, wurden alle internationalen Seminare abgesagt. Und weiter: „Durch den Kontakt zu ehemaligen Seminarteilnehmenden bekommt man mit, was die Kirchen in den verschiedenen Ländern probieren. Z. B. hat eine dänische Kollegin einen Drive-in-Gottesdienst gefeiert. Alle blieben im Auto und irgendwie war es trotzdem eine Gemeinschaft.“

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Abends singen wir nach wie vor um 19 Uhr gemeinsam mit den Nachbarn von den Balkonen. Allerdings haben wir ein neues Lied in unser Repertoire aufgenommen: Die Gedanken sind frei. Um 1780 wurde der Text zum ersten Mal auf Flugblättern veröffentlicht. Im Zeitraum zwischen 1810 und 1820 entstand die Melodie dazu. Übrigens spielte 1972 Dean Reed das Lied in dem DEFA-Film „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Im März 2019 wurde es bei mehreren Demonstrationen gegen die Urheberrechtsreform der Europäischen Union von vielen jungen Menschen gesungen. Die vierte Strophe scheinen alle besonders laut zu singen: „Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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