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Pirna

Was der Borkenkäfer für den Wald tut

Die Fichten in der Sächsischen Schweiz werden sterben. Im Nationalpark gibt es trotzdem Hoffnung. Eine Exkursion.

Ein Wanderer blickt vom Teichstein in den Großen Zschand Richtung Böhmen: Die Fichten sind flächendeckend braun. Der Wald wie wir ihn kennen, wird verschwinden.
Ein Wanderer blickt vom Teichstein in den Großen Zschand Richtung Böhmen: Die Fichten sind flächendeckend braun. Der Wald wie wir ihn kennen, wird verschwinden. © Foto: SZ/Dirk Schulze

Der Boden ist angenehm sanft unter der Schuhsohle. Beinahe wie ein weicher Teppich fühlt sich der Weg aus dem Großen Zschand hinauf zum Flügel E oberhalb des Kirnitzschtals an.

Der sonst rauhe Schotterweg ist überdeckt mit einer fingerdicken Schicht aus Fichtennadeln. Die meisten sind braun, viele noch grün – ein untrügliches Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ein Blick nach oben bestätigt das. Es ist licht in den Kronen der Fichten. Schon an der nächsten Biegung ragen die ersten komplett kahlen Stämme empor.

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Hanspeter Mayr muss nicht lange suchen. Mit einem beherzten Beilhieb schält der Nationalparksprecher ein paar Quadratzentimeter Rinde von einem Stamm am Wegesrand. Im hellen Holz kommen zwei dunkle Punkte zum Vorschein: Borkenkäfer-Löcher. „Einem hab ich das Hinterteil abgeschlagen“, sagt Mayr scherzend in die Runde. Es wird nichts nützen. Rings um den Baum bedeckt ein kaffeepulver-artiges Holzmehl den Waldboden. Der Buchdrucker, so heißt die kaum streichholzkopfgroße Käferart, hat sich längst überall in den Baum gebohrt. Bald werden die Weibchen unter der Borke ihre Eier legen, dann fressen die Larven sich quer die Baumhaut und zerstören so die dort verlaufenden Nährstoffbahnen – ganz so als würde man einem Menschen die Adern abdrücken. Die Fichte wird diesen Angriff nicht überleben. 400 Käfer reichen, um einen jahrzehntealten Baum zu töten.

Kahlschlag in der Kernzone: Hier wurden tote Fichten gefällt, um Wanderer vor umfallenden Bäumen zu schützen.
Kahlschlag in der Kernzone: Hier wurden tote Fichten gefällt, um Wanderer vor umfallenden Bäumen zu schützen. © SZ/Dirk Schulze

Der Nationalpark Sächsische Schweiz hat zu einer geführten Wanderung in den Großen Zschand geladen. Der Anteil an Fichten beträgt hier gut 50 Prozent – das Ergebnis von 300 Jahren menschengemachter Forstwirtschaft. „Erst die Extremjahre 2018 und 2019 werden das jetzt ändern“, sagt Hanspeter Mayr von der Nationalparkverwaltung zu Beginn der Tour an der Neumannmühle im Kirnitzschtal. Von hier wurden die geschlagenen Stämme einst über Kirnitzsch und Elbe bis nach Dresden geflößt, wo sie gutes Geld erzielten.

Seit den 1990er-Jahren musste der Nationalpark regelmäßig heftige Kritik einstecken, wenn wieder einmal schweres Gerät die Wege zerfurcht und Baumfällungen das Antlitz der Wälder in der Sächsischen Schweiz kaputtgemacht hatten. Warum wird gerade in einem Gebiet, in dem der höchste Schutzstatus herrscht, derart massiv eingegriffen?, fragten Naturliebhaber immer wieder. Der Waldumbau sollte den Baumbestand fitmachen für Krisen wie jetzt, erklärt Mayr. Weg von den anfälligen Fichtenmonokulturen, hin zu einem vielfältigen und damit widerstandsfähigeren Mischwald. „Damit der Borkenkäfer nichts zu fressen hat.“

Der Käfer ist nicht größer als ein Streichholzkopf. Das Holzmehl zeigt, wo er frisst.
Der Käfer ist nicht größer als ein Streichholzkopf. Das Holzmehl zeigt, wo er frisst. © SZ/Dirk Schulze

Der zweite Kritikpunkt, der auch während der Exkursion geäußert wird, kommt von privaten Waldbesitzern. Der Nationalpark lasse befallenes Holz einfach stehen und liegen, aus der Schutzzone flögen die Borkenkäfer herüber in angrenzende Wirtschaftswälder und suchten sich dort neue Nahrung. Nationalparksprecher Mayr weist das zurück. „Wir lassen das nicht einfach laufen.“ In den vergangenen zwei Jahren hätten die Revierleiter im Nationalpark getan, was sie konnten, auch einmal 15 Hektar kahlgeschlagen. Es hat nicht gereicht. „Der Borkenkäfer ließ sich nicht aufhalten“, sagt Mayr. Schuld ist das extreme Wetter der jüngeren Vergangenheit: die Stürme Herwart und Friederike, die reihenweise Fichten knickten, dann der Dürresommer 2018. Die extremen Verhältnisse schwächen die Bäume. Der Käfer riecht das und greift an.

Nur sechs bis acht Wochen hat ein Förster, um befallene Fichten aus dem Wald zu kriegen. In dieser Zeit muss er eine Firma finden, die Bäume fällen lassen, aus dem Wald bringen und einen Käufer auftreiben, der das gestapelte Holz abtransportieren lässt. Schafft er das nicht, fliegt die Brut aus. Im Nationalpark sind aktuell Arbeiter aus der Slowakei und Harvester aus Österreich im Einsatz. Eigene Forstarbeiter beschäftigt die Verwaltung nicht mehr, die Maschinen sind allerorten ausgebucht.

Hanspeter Mayr (re.) zeigt eine Borkenkäfer-Falle. Damit überwacht der Nationalpark, wie sich der Käfer vermehrt.
Hanspeter Mayr (re.) zeigt eine Borkenkäfer-Falle. Damit überwacht der Nationalpark, wie sich der Käfer vermehrt. © SZ/Dirk Schulze

Mayr führt die zwei Dutzend Exkursionsteilnehmer durch den Großen Zschand. Hinter einer Biegung am Zeughaus ist der Weg von toten, grauen Stümpfen gesäumt. Gefällte Stämme liegen quer am Hang – ein deprimierend aussehender Geisterwald. Um Wanderer und Kletterer vor umstürzenden Bäumen zu schützen, musste selbst in der Kernzone die Säge angesetzt werden.

Doch der Nationalparksprecher will seinen Gästen noch etwas anderes zeigen. Aus dem Zschand steigt die Gruppe hinauf zum Hochhübel. Hier hatte der Borkenkäfer nach einem Sturmbruch 2007 zugeschlagen. Verbliebene Fichtengerippe erinnern daran. Im Unterwuchs jedoch sprießt saftiges Grün. Birke, Fichte, Buche, Esche, Pappel, Lärche – Mayr lässt die Besucher die Baumarten aufzählen, die sie erkennen können. Bis in fünf Meter Höhe ist ein undurchdringliches Dickicht herangewachsen – von ganz allein.

Das ist der Beleg für die Selbstheilungskräfte der Natur. Das Totholz wird Nahrung und Lebensraum für Ameisen, Pilze und Kellerasseln. Verrottung ist kein passiver Prozess, erklärt Mayr, sondern aktiv. „Wer schon mal einen Komposthaufen umgesetzt hat, weiß, wie viel Leben da drinsteckt.“ Die Insekten wiederum locken den Bunt-, den Schwarzspecht und den Kleiber an. Aus dem zersetzten Material wird der Langzeitdünger für den Wald von morgen.

Am Hochhübel schlug der Käfer 2007 zu. Längst wächst dichter Mischwald nach.
Am Hochhübel schlug der Käfer 2007 zu. Längst wächst dichter Mischwald nach. © SZ/Dirk Schulze

Die Exkursion erreicht ihren Zielpunkt. Vom 412 Meter hohen Teichstein überblicken die Wanderer den Großen Zschand in Richtung Böhmische Schweiz. Die Wipfel sind flächendeckend braun. „Für viele Stammgäste war das der Hänsel-und-Gretel-Wald“, sagt Mayr. Der Fichtenwald, den sie seit ihrer Kindheit kennen. Jetzt verabschiedet er sich Stück für Stück. Mayr weist nach rechts in Richtung des Raubschlosses. Unterhalb des langgestreckten Sandsteinmassivs leuchtet in hellem Grün eine kleine Insel hervor. Auch hier ist nach einem früheren Borkenkäferbefall neue Vegetation entstanden.

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Auf dem Rückweg wird geplaudert. „Wenn wir die Wanderung allein gemacht hätten, wären wir jetzt tieftraurig“, sagt Regina Albrecht, die mit ihrem Mann Michael extra für die Exkursion aus Dresden angereist ist. Sie hätte nicht erwartet, dass die Schäden derart flächendeckend sind. Die Erklärungen haben ihr Mut gemacht. „Jetzt ist wieder Hoffnung da.“