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So klappt der Abflug mit Abstand

Viele Menschen ziehen im Corona-Sommer Urlaub im eigenen Land vor. Andere trauen sich schon weiter vor. Beobachtungen am Leipziger Flughafen.

Sophia (li.) und Jana kennen sich schon von ihrer Ausbildung zu Erzieherinnen. Jetzt fliegen sie gemeinsam nach Heraklion auf Kreta. Dass der Flughafen so leer ist, hatten sie nicht erwartet.
Sophia (li.) und Jana kennen sich schon von ihrer Ausbildung zu Erzieherinnen. Jetzt fliegen sie gemeinsam nach Heraklion auf Kreta. Dass der Flughafen so leer ist, hatten sie nicht erwartet. © Anja Jungnickel

Der Himmel ist noch schwarz, als blinkende Lichter über der Autobahn auftauchen. Die Flügel des knochenfarbenen Kolosses schneiden durch die Nacht, Triebwerke und Rauschen übertönen das Rattern der Lastwagen. Es ist vier Uhr morgens, der Flug kommt aus dem bulgarischen Varna und landet am Flughafen Halle/Leipzig. Fünf Flieger sollen heute landen, vier starten. 

Fast drei Monate gab es keine Passagierflüge, jetzt fliegt wieder rund ein Viertel der Reisenden, die vergangenen Juli vom Leipziger Flughafen abhoben. Während der Koloss auf dem Boden aufsetzt, warten zwei Feuerwehrmänner in einem Stand im Ankunftsbereich. Schutzanzüge, Masken und Handschuhe, Holzstäbchen und Zettel liegen vor ihnen. Wer aus Halle zurückkehrt, darf sich per Angebot des Bürgermeisters kostenlos auf Corona testen lassen, für andere kostet der Test 142 Euro.

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Das Ergebnis gibt es nach einem Tag. Das Interesse der Rückkehrenden ist eher zurückhaltend, über den Tag hinweg werden sich nur Einzelne informieren. Ab Samstag soll das Angebot auch für Sächsinnen und Sachsen gelten, die in Leipzig oder Dresden landen. Schwerpunkt sollen Rückkehrende aus Risikogebieten sein, doch auch für andere soll der freiwillige Test kostenlos sein.

Bald haben alle Rückkehrer den Flughafen verlassen, die Flure füllen sich mit neuen Urlaubern. Nach Burgas, Mallorca und Fuerteventura gehen die Flieger, die zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr starten.

Übersichtliche Abflugtafel

„Wir hatten bis heute früh Angst, dass aus dem Urlaub nichts wird“, sagt eine Mutter aus der Dresdner Gegend. „Dass die Kinder Symptome kriegen, oder, dass die Insel doch noch gesperrt wird.“ Eileen, eine andere Mama, wühlt in einer Tasche mit Windeln, Pfirsichen und Kräckern nach einer Trinkflasche für Sohn Oskar. Die Familie kommt aus Halle. Einen Test, sagt Papa Robert, werde man „bestimmt nicht“ machen.

Eine kahle Abflugtafel thront über der Halle, Wartende holen sich Kaffee. Die Auslage ist voll mit Brötchen und Süßgebäck, die Verkäuferin wird wohl nur einen Bruchteil davon los. Wie die Damen am Check-in steht sie hinter einer Plexiglasscheibe; für alle anderen herrscht Maskenpflicht. In den Schlangen vor dem Sicherheits-Check hängen viele Masken unter Nase oder Kinn. Um 5 Uhr ist die Halle leer.

Eileen mit Ehemann Robert und den Kindern Anton und Oskar hatten eine kurze Anreise zum Flughafen. Sie kommen aus Halle. Einen Corona-Test wollen sie bislang eher nicht machen lassen.
Eileen mit Ehemann Robert und den Kindern Anton und Oskar hatten eine kurze Anreise zum Flughafen. Sie kommen aus Halle. Einen Corona-Test wollen sie bislang eher nicht machen lassen. © Anja Jungnickel

Flogen vergangenen Juli noch 25 Airlines vom Leipziger Flughafen ab, sind es jetzt nur sieben. Eine Eurowings-Maschine war am 24. März die letzte, die eine Startbahn verließ, der erste Flieger nach dem Shutdown flog am 19. Juni für Wizz Air nach Kiew. Gut eine Million Gäste zählte der Flughafen vergangenes Jahr von April bis Juli, im Corona-Jahr sind es im gleichen Zeitraum 40.000. „Mit dem Erreichen des Vor-Krisen-Niveaus“, sagt eine Sprecherin, rechne man „in zwei bis drei Jahren.“

Aus der Ferne rollt Security-Mitarbeiterin Erika an, die in neongelber Warnweste und Jutebeutel zur Schicht trabt. Auf dem Rollfeld sich zieht eine Zugangsbrücke vom Flugzeug zurück, das behäbig los rollt. Eine Schwalbenformation schwebt über den Wolken, ein Paketflieger geht in die Luft. Während der Passagierverkehr sich im Halbschlaf wälzt, ist der Flughafen für den Transport von Fracht der aktivste in ganz Europa geworden.

Stimmung "fast mystisch"

Abgewetzte Holzstühle reihen sich im Flughafen-Büro der Bundespolizei aneinander, die Mikrowelle in der Küche zeigt 6.05 Uhr, es riecht nach Kaffee. In den Monaten ohne Passagiere sei die Stimmung für die Bundespolizei „fast mystisch“ gewesen, sagt eine Sprecherin. Die Kontrolle von Pässen ist weggefallen, entlang des mehr als 40 Kilometer langen Zauns und über das Flughafengelände mussten die Beamten weiterhin patrouillieren. Wichtige Hilfsgüter verließen den Flughafen, schwerkranke Corona-Patienten kamen an.

Ein Flughafen-Techniker ordert bei der Bäckerei-Verkäuferin eine Leberkäsesemmel mit Senf, um 7 Uhr sind er, Kollegen und Bundespolizei die einzigen Kunden. Über ihren Köpfen wirbt eine Autovermietung mit einem Video, auf dem sich zwei Anzugträger in die Arme fallen. Zu Corona-Zeiten ein absurdes Bild.

Für Papa Uwe und Tochter Jasmin ist es der erste Urlaub nur zu zweit. Hier sind sie noch gespannt, wie es auf der griechischen Insel Kreta wird. Am ersten Abend dort sind sie überzeugt: Alles richtig gemacht.
Für Papa Uwe und Tochter Jasmin ist es der erste Urlaub nur zu zweit. Hier sind sie noch gespannt, wie es auf der griechischen Insel Kreta wird. Am ersten Abend dort sind sie überzeugt: Alles richtig gemacht. © Anja Jungnickel

Uwe und Jasmin rollen ihre Schalenkoffer vorsichtshalber drei Stunden vor Abflug ein. Im Januar haben sie gebucht, zwölf Tage auf Kreta. „Eigentlich wollten wir wegen Corona stornieren“, sagt Vater Uwe. Etwa 1.000 Euro hätte der Reiseveranstalter dafür verlangt, weil die Insel nicht gesperrt war. Nun fliegt die Kleinfamilie aus dem thüringischen Greiz eben doch. „Wir haben voll gearbeitet“, sagt Vertriebler Uwe, dessen Tochter gerade Abitur gemacht hat. Eigentlich wollten sie Ostern auf Rügen verbringen. Es ist der erste Urlaub, den sie zu zweit machen, „sonst war immer Mutti dabei. Mal sehen, wie’s wird“, sagt Uwe, die beiden lächeln einander verlegen an.

Vor dem Schalter stehen Familien mit Kuscheltieren und Freunde in den geforderten Abständen hintereinander, eine Frau mit blondem Dutt bittet sie um Personalausweise und QR-Codes. Sie alle wollen in die Hafenstadt Heraklion auf Kreta fliegen. Wer derzeit nach Griechenland oder Spanien reist, muss einen QR-Code mitbringen, für den er bis spätestens 24 Stunden vor Abflug Daten wie die Hoteladresse anzugeben hat.

Karibik-Feeling trotz Corona

Zwei Frauen in Jeansjacken und glänzenden Sandalen hieven ihr Gepäck aufs Band. Sophia und Jana kennen sich von ihrer Ausbildung zu Erzieherinnen in Leipzig. „Den Bewertungen nach ist im Hotel gerade vieles anders“, sagt die 25-jährige Sophia, die 21-jährige Jana fährt fort: „Aber entspannen, am Strand liegen kann man, einfach mal wieder ein anderes Land, eine andere Kultur sehen, anderes Essen, weg vom Alltag.“ Dass so wenig am Flughafen los ist, hätten die beiden nicht gedacht. „Aber es ist auch entspannt, die Leute wirken alle weniger gestresst als sonst.“

Gegen 9 Uhr rollen zwei Feuerwehrmänner erneut rote Kästen in die Ankunftshalle und bestücken ihren Test-Stand. Als sich die Automatik-Tür öffnet, strömt eine Rotte von Menschen mit rotbrauner Haut hinaus. Der Flieger kam aus Kreta, wohin er gleich wieder aufbrechen wird. Christoph und Kerstin, das Mittvierziger-Paar aus dem thüringischen Rudolstadt, ist übermüdet, aber zufrieden. „Das Hotel und das Wetter waren super, ganz anders als Zuhause, richtiges Karibik-Feeling.“

© Anja Jungnickel

Ähnlich geht es einem Paar aus Erfurt. „Das Schönste war das Zimmer mit eigenem Pool“, sagt der Mann von beiden, der mit dem tätowierten Arm, Bart, dem grauen Pferdeschwanz und dem Tuch auf dem Kopf ein wenig wie ein Pirat aussieht. „Das Land, die Leute, das Essen. Aber jetzt hat man auch genug vom Fisch und freut sich auf Thüringer Rostbratwurst.“

Kurz nach 10 Uhr fliegt die Maschine nach Kreta ab. In drei Zonen eingeteilt steigen Sophia und Jana, Uwe, Jasmin und die anderen Passagiere in den Flieger. Beim Einstieg hält man allen ein Thermometer an die Stirn und misst Fieber. In der Durchsage geht es nicht mehr nur um Rettungswesten und Beatmungsmasken, neuerdings bittet eine Stimme auch, Schutzmasken zu tragen und Abstand zu halten.

Wie eine Filmkulisse

Es ist der letzte Abflug für heute. Ab jetzt gibt es nur noch Ankünfte, der Sicherheitsbereich mit seinen Bändern, Kisten und Bildschirmen wartet vergebens auf weitere Taschen. Kein Piepsen, kein Flimmern, keine bunten Bilder, die Flüssigkeiten, Metall oder Sprengstoff identifizieren. 

Die einstige Business-Lounge von Turkish Airways ist nur noch ein leer geräumter Raum mit Teppich, die von Lufthansa wirkt mit ihren Kunstpflanzen und dem Empfangstresen wie eine verlassene Filmkulisse. Einzig der Raucherlounge sieht man an, dass kürzlich Besuch da war. Ein leeres Bierglas mit Schaumresten steht etwas trostlos neben einem Aschenbecher.

Die Zahl der Abflüge ist überschaubar.
Die Zahl der Abflüge ist überschaubar. © Anja Jungnickel

Kurz nach 11 Uhr landet der nächste Flieger. Er kommt aus Mallorca und war im Gegensatz zu dem aus Kreta voll. Einer der ersten Rückkehrer ist Sebastian aus Berlin, unter dessen Maske braune Haut und ein Grinsen hervorragen. Eine Woche lang war der 26-Jährige mit Freunden in Beachclubs unterwegs. 

Der Ballermann mit seiner Meile aus Sangria und Schlagersongs war geschlossen, der Rest war „relativ gut besucht, nur eben mit Abstand“. „Alle laufen mit Masken auf der Straße rum, überall ist es bisschen leerer.“ Eine Woche „voller Highlights“ sei es gewesen. 

Mal Ruhe auf Mallorca

Mit dem Höhepunkt, dass Sebastian in einer der Beachbars, in denen er gefeiert hat, ab dem Wochenende arbeiten wird. In den drei Tagen müsse er jetzt Sachen wie sein Rennrad holen und schnell einen Untermieter für die Wohnung finden. Bis Ende September will er bleiben. Es sei denn, es läuft wie bei einem seiner letzten Jobs. Damals mussten er und andere Saisonarbeiter früher als geplant abreisen. 

Im österreichischen Ischgl arbeitete er an der Bar – in dem Skigebiet, das später zum Sinnbild der Corona-Ausbreitung wurde. Kurz nach dem letzten Arbeitstag, gerade rechtzeitig, bevor die Region abgedichtet wurde, reiste Sebastian ab und begab sich in freiwillige Quarantäne. Ein Test erwies, dass er sich infiziert hatte.

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Die 70-jährige Regina war seit Januar auf Mallorca. Dort wohnt die Rentnerin die meiste Zeit. „Die Ruhe war angenehm“, sagt sie. Ihre weißen Haare liegen in Wellen auf dem rosafarbenen Shirt, sie muss gleich weiter. Bis September ist Regina auf Besuch bei ihrer Familie in Chemnitz, danach verschwindet sie wieder auf die Insel.

Ein Mädchen im Kindergartenalter mit hüftlangen, geflochtenen Zöpfen springt aus der Ankunftstür, rennt auf einen mehr als doppelt so großen Mann zu und schlägt die Arme um ihn: „Ooopi, Opi, Opi“, ruft sie, der Mann lacht sie an. „Mein kleiner Opi, ich hab dich so vermisst!“

Der siebenjährige Toni-Jan war mit Oma und Opa aus Wernigerode auf Mallorca im Urlaub. Der Corona-Test, bis dato nur für Hallenser kostenlos, war ihnen zu teuer. Ab Samstag ist der freiwillige Test dann für Sachsen kostenlos.
Der siebenjährige Toni-Jan war mit Oma und Opa aus Wernigerode auf Mallorca im Urlaub. Der Corona-Test, bis dato nur für Hallenser kostenlos, war ihnen zu teuer. Ab Samstag ist der freiwillige Test dann für Sachsen kostenlos. © Anja Jungnickel

Auch Heidi und ihr Ehemann haben Enkel Toni-Jan mit in den Urlaub genommen. Am Teststand der Hallenser Feuerwehr erkundigen sie sich nach Bedingungen. „Wir hätten uns jetzt testen lassen“, sagt die Frau mit glitzernden Blumen auf dem Oberteil und weißem Sonnenhut auf dem Kopf. Nur der Preis schreckte ab. „Im Urlaub haben wir uns so sicher wie noch nie gefühlt. Im Hotel wurde alles desinfiziert, in den Geschäften haben alle sehr auf Masken geachtet.“ 

Eine Woche waren die drei aus Wernigerode unterwegs. „Toni kann jetzt richtig gut schwimmen und sogar Kopfsprung machen.“ Der Siebenjährige mit Glitzer-Dino auf dem T-Shirt zeigt grinsend seine Zähne. „Das Schönste an der Reise war, dass wir unseren Enkel dabeihatten“, schwärmt die 61-jährige Großmutter. „Und, dass meine nervige kleine Schwester nicht da war“, sagt Toni.

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Für einen kurzen Moment könnte es wie immer sein. Väter balancieren rappelvolle Gepäckwägen im Slalom durch die Massen, Mädchen mit bauchfreien Oberteilen und Glitzergürteln kichern über Geschichten der vergangenen Reise. Kurz darauf schiebt eine Frau ihren Putzwagen wieder über den Boden einer leeren Halle.

Beim Ausstieg auf Kreta müssen Uwe und Jasmin, Sophia und Jana wie alle Passagiere die Codes zeigen, einige müssen Tests machen. „Wir mussten Masken aufsetzen, auch im Bus, aber das hat uns nicht besonders gestört“, erzählt Jasmin am Telefon. Im Hotel sind Masken nur für Mitarbeiter Pflicht, am Büfett bedienen Gäste sich nicht selbst, sondern geben Wünsche an. „Sonst ist es normaler Alltag“, findet Sophia nach dem ersten Tag. Pool, Strandzugang ohne Probleme, Poolbar. Es gibt jeden Abend Programm wie Liveshows oder Karaoke, außerdem Yoga und Wassergymnastik.

„Es ist natürlich weniger im Hotel los“, erzählt Jasmin. „Ansonsten merkt man nicht viel von Corona hier.“ Sie und ihr Vater haben den ersten Abend beim Dinner mit Meerblick verbracht. Es gibt gefüllte Tomaten, Reis, Baked Pork, Mojito und Lillet-Cocktails. Nach dem Abendessen sitzen Vater und Tochter am Pool und lauschen der Liveband. „Ich denke ,es wird ein schöner Urlaub“, sagt Jasmin. „Es war die richtige Entscheidung, zu fliegen.“

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