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So lief der erste Tag im Sophia-Prozess

In Bayreuth hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Sophia Lösche mit einem Geständnis begonnen. Darin gibt es jedoch Widersprüche. 

Sophias Eltern Johannes und Maria Elisabeth Lösche und ihr Bruder Andreas wollen Gerechtigkeit.
Sophias Eltern Johannes und Maria Elisabeth Lösche und ihr Bruder Andreas wollen Gerechtigkeit. © Daniel Karmann/dpa

Von Tobias Wolf, zzt. Bayreuth

Der Auftritt ist filmreif. Boujemaa L. fleht:. „Bitte bringen Sie mich um, erhängen Sie mich, geben Sie meine Organe an jemanden, der sie braucht.“ Der Angeklagte lässt seinen Dolmetscher übersetzten. „Ich halte die Situation nicht mehr aus.“ Der 42-jährige Marokkaner mit Stirnglatze und schütteren Haar ist in den letzten 20 Minuten viel emotionaler geworden. Immer wieder greift er zum Taschentuch, schluchzt.

Der schmale Mann, mit Fußfesseln gesichert, rutscht auf dem Stuhl vor der Richterbank hin und her, schüttelt auf Fragen des Richters den Kopf. Nein, es habe keinen sexuellen Übergriff auf Sophia Lösche gegeben, keine Vergewaltigung, beteuert er. „Hören Sie bitte auf, die Frau zu beflecken mit diesen Unterstellungen.“

Richter Bernhard Heim, die Arme verschränkt, mustert den Angeklagten durch seine Brillengläser. Boujemaa L. stockt, schluchzt wieder, drückt sich das Taschentuch ins Gesicht. Sophias Eltern sitzen mit unbewegter Miene am Nebenklage-Tisch.

Die Mutter, die ihre langen blonden Haare am Hinterkopf mit einer Brosche zusammenhält, hat sich vorgebeugt. Die Ellbogen auf das polierte Holz gestützt, versucht sie, jedes Wort zu verstehen. Maria Elisabeth Lösche ist mit Mann und Sohn zum Prozess gekommen. Sie will wissen, wie und warum ihr Kind umkam.

Boujemaa L. hofft auf ein mildes Urteil.
Boujemaa L. hofft auf ein mildes Urteil. © Daniel Karmann/dpa

Es geht um viel an diesem Dienstag. Es ist der erste große Prozess für den neuen Vizechef des Landgerichts Bayreuth. Fast 30 Medienvertreter sind akkreditiert. Bernhard Heims Kammer muss entscheiden, ob Boujemaa L. wegen Mordes an der 28-jährigen Studentin verurteilt wird. Oder ob er wegen Totschlags bestraft wird. Der Unterschied ist groß, Totschlag heißt mindestens fünf Jahre, Mord lebenslang.

Vielleicht gibt es deshalb einen überraschenden Prozessbeginn im Justizpalast, einem prächtigen, über hundert Jahre alten Barockgebäude mit Jugendstilelementen. Kaum ist der Angeklagte durch die schachbrettartig gemusterten Flure in den Saal geführt worden, lässt er von seinem Anwalt eine Erklärung verlesen. Er wolle sich bei den Hinterbliebenen entschuldigen, so Verteidiger Karsten Schieseck, seine Sicht der Dinge schildern. Eher ungewöhnlich.

Der große Schwurgerichtssaal mit dunklen Holzvertäfelungen und mit türkisem Samt bespannten Wänden ist die Kulisse für den Showdown in einem Verfahren, das im Frühsommer 2018 das Land in Atem hielt. Am 14. Juni war Sophia Lösche verschwunden, als sie von Leipzig, wo sie studierte, ins oberpfälzische Amberg zu ihren Eltern trampen wollte. Irgendwo dazwischen ging sie verloren. Für immer.

„Erstens, er war es“, sagt Anwalt Schieseck und macht eine kurze Pause. Es ist das Geständnis. Sophias Vater streicht sich über den weißen Vollbart, hält inne. Die Augen des früheren evangelischen Pfarrers blicken gütig in die Welt. Sie verraten nichts über die Aufregung in seinem Inneren. Sein Sohn Andreas, schwarzes Hemd, kurz geschorene graue Haare, stützt den Kopf in die Hand. Sophias Bruder ist bisher der Einzige, der sich im Namen der Familie öffentlich geäußert hat. Vor dem Prozess hat der 52-Jährige zur SZ gesagt: „Wir empfinden keinen Hass diesem Menschen gegenüber, der Verlust überwiegt das. Ich hoffe, das ändert sich nicht im Laufe des Prozesses. Wir wollen keinen Hass und keine Rachegefühle.“

Boujemaa L. soll seinen Lkw angezündet haben, um Spuren der Tat zu verwischen. 
Boujemaa L. soll seinen Lkw angezündet haben, um Spuren der Tat zu verwischen.  © Daniel Karmann/dpa

Boujemaa L. hat den Kopf gesenkt. Er hätte zunächst weder Mut noch Kraft gehabt, sich die Tat einzugestehen, so der Anwalt. Er könne nichts wiedergutmachen, aber die Entschuldigung soll am Anfang stehen. Will er ein milderes Urteil erwirken? Sophias Bruder wird das Stunden später als Schön-Wetter-Taktik bezeichnen: „Sobald der Richter dem Angeklagten die Wahrheit sagt, ist es vorbei mit Taschentüchern und Tränen.“

Boujemaa L. erzählt wortreich, dass es ein großes Missverständnis gab, das ungewollt tödlich endete. Klar ist: Die Aussagen stimmen nicht in allen Punkten mit den GPS-Daten überein, die sein Lkw aufgezeichnet hat. Die neuralgischen Punkte von Sophias Verschwinden und ihrem Tod liegen wie an einer Perlenkette aufgereiht entlang der Autobahn 9 von Sachsen nach Bayern. Der Rasthof am Schkeuditzer Kreuz sieht aus wie andere: Aral-Tankstelle, Lkw-Parkplätze, ein McDonalds. 

Laut dem Fahrtenbuch, das der SZ vorliegt, kam der Lkw der marokkanischen Spedition Benntrans von Taucha nach Schkeuditz. Die Firma ist eine der größten im Frachtverkehr zwischen Afrika und der EU. Tage zuvor hatte der Lkw die französisch-deutsche Grenze am Rhein überquert und Nürnberg passiert. Boujemaa L. macht ein Foto auf der A6 und es zeigt es bei Facebook. Firmenchef Driss Assila sagt der SZ später, den Fahrern sei ausdrücklich verboten, Anhalter mitzunehmen. L. sei verheiratet und zweifacher Vater, habe keine Vorstrafen.

17 Zeugen, zwei Sachverständige der forensischen Psychiatrie und Rechtsmedizin, ein Brandsachverständiger des Landeskriminalamts München und die Familie sollen in den nächsten Wochen in Bayreuth in den Zeugenstand. Von der Beweisaufnahme hängt ab, ob es bis zum 18. September 2019 ein Urteil gibt. Am Mittwoch kommt der verantwortliche Kripo-Beamte ins Gericht, der das ganze Verfahren kennt. Ob er Boujemaa L.s Verson stützen wird, ist eher zweifelhaft, so sehr hat sich der Angeklagte schon in Widersprüche verstrickt.

Sophia Lösche wurde vom Angeklagten getötet. Das hat er gestanden. Aber seine Erzählungen sind widersprüchlich.
Sophia Lösche wurde vom Angeklagten getötet. Das hat er gestanden. Aber seine Erzählungen sind widersprüchlich. © privat

Sophias Vater drückt den Rücken gegen die Stuhllehne, sein Sohn knetet die Hände, während Boujemaa L. beschreibt, wie Sophia Lösche ihn um eine Mitfahrgelegenheit bat und bei ihm einstieg. Sie muss arglos gewesen sein. Überwachungskameras haben die Szene aufgezeichnet. Das letzte Lebenszeichen ist eine SMS. Als ginge es um eine gemeinsame Tour, so schildert der Angeklagte, was dann passierte. Er habe angehalten und Kaffee für beide gekauft, Fotos seiner Kinder gezeigt. Boujemaa L. sagt, Sophia Lösche habe in seinem Lkw eine Haschisch-Zigarette geraucht.

Er erwähnt nicht, dass er zwischen Taucha und der Aral-Tankstelle auf dem Parkplatz Birkenwald an der A14 und in Leipzig bei einer Firma gehalten und masturbiert haben soll. Richter Heim sagt, Ermittler haben davon Fotos und ein Video auf L.s Handy gefunden. Der Angeklagte soll sich unmittelbar vor der Begegnung mit Sophia Lösche sexuell erregt haben.

Fotos und Video will er gemacht haben, um es einer Bekannten in einem Chatprogramm zu schicken. Das Programm will er auf seinen Touren immer erst in Europa installiert – und wieder gelöscht haben, bevor er nach Hause zu seiner Frau fuhr. Mit ihr habe er große Probleme gehabt, sich aber wegen der Kinder nicht scheiden lassen. L. sagt, er habe seine Frau im Streit mal mit einem Messer verletzt. Ist das ein Hinweis auf seine Persönlichkeit, auf Gewaltbereitschaft und fehlende Selbstkontrolle? Ob Boujemaa L. Sophia vergewaltigt hat, muss der Prozess zeigen. Auch, ob er sie tötete, um ein Verbrechen zu verschleiern.

Sperbes-West. Der idyllische Parkplatz liegt inmitten eines kleinen Waldstücks. Die A9 beschreibt hier eine lange Linkskurve. Der Aufenthalt des Lkws dürfte kaum aufgefallen sein. Drei Stunden nach der Abfahrt in Schkeuditz hat er hier gestoppt. Hier soll der Tatort liegen. Sophia habe um den Halt gebeten, damit sie zur Toilette gehen kann, sagt L. vor Gericht. Er will derweil die Reifen des Lkw mit einem rohrähnlichen Werkzeug kontrolliert und die Außenspiegel gereinigt haben. Sophia, wieder im Wagen zurück, habe seine Sachen durchwühlt und ihn angebrüllt, angeblich auf der Suche nach einem Klumpen Haschisch, den Boujemaa L. gestohlen haben soll. 

Sophias Bruder sagt, das passe nicht zu seiner Schwester. Den Klumpen, um den sich angeblich Streit entwickelte, will L. später in Frankreich im Fahrerhaus gefunden haben. Sophia habe angeblich L.s Laptop angefasst und ihm ins Gesicht geschlagen. Er habe plötzlich das Rohr in der Hand gehabt, mehrfach auf ihren Kopf eingeprügelt. Bis sie zusammensackte. Die Studentin stirbt kurz darauf an einem Schädel-Hirn-Trauma, ergibt später die Obduktion.

Dann fährt Boujemaa L. wieder auf die A9, behauptet, er habe noch einmal kurz angehalten, um blutige Papiertücher loszuwerden, mit denen er Sophia abgewischt hat. Er will sie gefesselt haben, im Glauben, dass sie lebt, und sei dann nach Lauf gefahren. Oberstaatsanwältin Sandra Staade hat Zweifel. Denn die GPS-Daten sagen, der Mann ist 40 Minuten durchgefahren.

Lauf an der Pegnitz, kurz vor Nürnberg. Einen Kilometer von der A9 entfernt treffen sich junge Leute an der viel befahrenen Hersbrucker Straße. Neben Jobcenter, Autohäusern und Billig-Klamottenläden gibt es ein Wettbüro, eine Tankstelle und einen McDonalds. Treffpunkt, bevor es auf Parties geht. Junge Männer stellen an der Tankstelle aufgemotzte Opel zur Schau, im Burgerladen ist freitags und samstags kaum ein Platz zu bekommen.

Unbehelligt über die deutsch-französische Grenze

Selten ist es hier menschenleer. Boujemaa L. stellt den Lkw bis zum nächsten Vormittag hier ab, lädt dann Ware, fährt weiter, lädt nördlich von Augsburg wieder, bevor es nach Frankreich geht. Unbehelligt überquert er am Freitagabend die deutsch-französische Grenze, übernachtet noch einmal bei Mulhouse und fährt dann fast 15 Stunden lang durch. Nahe eines Dorfes verbringt er dort auch den Sonntag. Irgendwann vorher will er Sophias Leiche in Plastiktüten verpackt und vorher ihr wieder Blut abgewischt haben. Auch das deckt sich nicht mit den GPS-Daten.

Beim spanischen Dorf Asparrena legt er den Leichnam ab, versucht, ihn anzuzünden, was nur halb gelingt. Polizisten finden ihn drei Tage später – nachdem Boujemaa L. in Südspanien nach einem Brand an seinem Lkw gefasst ist und zunächst als Zeuge befragt wird. Angeblich hätte er Sophia an einer Ausfahrt nahe Nürnberg herausgelassen. Dann bricht er zusammen und gesteht – das erste Mal. Es unterscheidet sich von weiteren Aussagen.

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Nicht nur einmal haben Anklägerin Staade, Richter und Nebenkläger Zweifel. Immer dann ist sie nicht zu sehen, die emotionale Seite von Boujemaa L., die dem Gericht wohl suggerieren soll, was Juristen als ehrliche, als tätige Reue bezeichnen.

Mitarbeit: Daniel Krüger, Ulrich Wolf, Sven Heitkamp und Martin Dahms

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