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Dresden

So lief es auf dem ersten plastikfreien Markt

Mehrweggeschirr, Bio-Wegwerfware, Tupperdose: Für Wochenmärkte gibt es viele Alternativen. Aber auch ein paar Probleme. Das zeigt ein Praxistest.

Mit seinem Kaffeemobil möchte Tilo Boldog vom Cafe Canela möglichst wenig Müll produzieren.
Mit seinem Kaffeemobil möchte Tilo Boldog vom Cafe Canela möglichst wenig Müll produzieren. © Christian Juppe

Die Kaffeetassen sind aus. Und das nach nur zwei Stunden. Für künftige Markttage muss Tilo Boldog wohl ein bisschen aufstocken. Denn eigentlich reicht er seinen Kaffee nur in Keramik oder Glas über die Wagentheke. In der Not helfen nun Pappbecher. Nachhaltig will er sein Geschäft betreiben. Das heißt, so wenig Müll wie möglich produzieren. Das funktioniert – mit Einschränkungen.

„Bei einem Kaffeewagen ist das leicht umzusetzen“, sagt Tilo Boldog. Er nimmt Pfand für Tassen und Gläser. Auch bei Pappbechern achtet er darauf, dass sie ökologisch produziert sind. „Wenn man aber Essen verkauft, wird das schon schwieriger. Ökologisches Einweggeschirr ist teuer, und nur Mehrweggeschirr auszugeben, ist im großen Maßstab eine echte Herausforderung. Da müsste man einen Geschirrspüler einbauen, um mit dem Spülen hinterherzukommen. Ob das dann vom Wasserverbrauch her ökologisch ist, weiß ich nicht.“

Tilo Boldog ist nur ein Händler, der am Sonntag beim Experiment plastikfreier Markt mitmacht. Im Hinterhof des Vereins Riesa Efau in der Friedrichstadt hat er seinen Wagen zum zweiten Mal im Einsatz. Bald möchte er damit auch auf dem Sachsenmarkt Kaffee verkaufen. Ein großer Wochenmarkt wie dieser könnte in Zukunft plastikfrei werden – zumindest, wenn es nach Plänen der Dresdner Stadtratsfraktionen von SPD, Die Linke und Bündnis90/Die Grünen geht.

Sie haben vor Kurzem einen Antrag vorgelegt, der fordert, plastikfreie Märkte und die Verwendung von Mehrweggeschirr zu prüfen. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. FDP-Fraktionschef Holger Zastrow erklärte, die Logistikkosten für Händler würden damit erheblich steigen. Zudem müssten große Lagerflächen in den Marktständen geschaffen werden.

Tatsächlich ist der gemütliche, plastikfreie Markt in der Wachsbleichstraße nicht mit den Dimensionen eines Sachsen- oder Striezelmarkts vergleichbar. Aber ob Wochenmärkte generell nachhaltiger werden, sei eine Frage der Einstellung – nicht der Größe. Dass sagen die jungen Eltern Steve und Christin. Sie haben ihre eigenen Tupperdosen und Trinkflaschen mitgebracht. Beides lassen sie auffüllen. An den Essensständen bekommen sie dafür Rabatt. Ein positiver Anreiz für Kunden, grüner zu denken. Auch in einigen Dresdner Geschäften sei das bereits gängige Praxis. Wenn Märkte auf Plastikwegwerfware verzichten würden, fänden sie das gut. „Auch Verbraucher sollten anfangen, umzudenken“, sagt Steve, der über das Label Unipolar selbst Bio-Kleidung verkauft. Die Tupperdose oder Stofftasche für den Einkauf dabei zu haben, sei eine einfache Lösung. Steigende Kosten für Händler, die zum Beispiel teureres Bio-Einweggeschirr benutzen, sollten auf Kunden umgelegt werden.

Optionen gibt es: etwa Bio-Einweggeschirr aus Palmblättern oder Zuckerrohr. Kein Fan davon ist jedoch Sebastian Deibel. Er organisiert den „Markt der Utopien“ mit dem Verein sukuma arts. „Es sollten nicht extra exotische Blätter für die Produktion solcher Alternativen verwendet werden. Das ist nicht zielführend.“ Besser wäre es, Essen je nach Saison etwa auf Kohlblättern aus der Region anzubieten. „Oder auf essbarem Geschirr aus Maisstärke.“ Das wird auch hier an einem Stand benutzt, allerdings steckt Plastikbesteck in den afrikanischen Speisen. Deibel ärgert das. „Beim nächsten Mal wirds besser“, sagt er und erklärt, der Markt solle inspirieren und aufzeigen, das es bereits Alternativen gibt. .

Katja Schöne gibt beispielsweise gegen Spende selbst genähte Beutel für den verpackungslosen Einkauf ab. Am Eisstand von Pau Pau werden Marktbesucher gebeten, ihre Pappbecher zurückzugeben. „Daraus werden dann Saatbomben gemacht“, so eine Mitarbeiterin. Kreativ Reste verwerten – das wird hier großgeschrieben.

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Zum Thema plastikfreie Märkte erklärt die Stadt Dresden: „Generell ist nach unseren Beobachtungen ein Trend zur Nutzung von Mehrweglösungen wie Stoffbeuteln, oder Mehrweggetränkebechern durch die Marktbesucher zu verzeichnen.“ Das werde begrüßt. Wie viel Müll an einem Markttag etwa auf der Lingnerallee anfällt, ließe sich aber schwer sagen. Die Händler entsorgen ihren Müll selbst, heißt es. Abgesehen davon gibt die Stadt an, ein 50-Liter-Sack Müll werde zusätzlich voll. Der Plastikverbrauch sei in Dresden seit Jahren recht konstant. 2018 wurde laut Stadt pro Kopf 29 Kilogramm Leichtverpackungsmüll erfasst – das ist Abfall, der in der Gelben Tonne landet. 2017 waren es 30 Kilogramm.

Die Wochenmärkte der Zukunft werden anders aussehen müssen: Ab 2021 soll Einweggeschirr – Plastikteller, -besteck und Strohhalme – EU-weit verboten werden. Ein entsprechendes Gesetz hat das Parlament auf den Weg gebracht.

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