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Bautzen

So machen Ferien richtig Spaß

Fast 50 Kinder und Jugendliche aus Ungarn sind für ein Ferienlager nach Bautzen gekommen. Was für die Kinder ein Abenteuer ist, kann für die Betreuer ganz schön anstrengend sein.

Hoppla, ob die Farben der ungarischen Flagge wirklich dort landen sollten? Mit Acrylfarben haben die Ferienkinder im Schullandheim Bautzen-Burk die ungarische Flagge auf ein Laken gemalt. Die deutschen Teilnehmer des Ferienlagers haben ihre Fahne schon am
Hoppla, ob die Farben der ungarischen Flagge wirklich dort landen sollten? Mit Acrylfarben haben die Ferienkinder im Schullandheim Bautzen-Burk die ungarische Flagge auf ein Laken gemalt. Die deutschen Teilnehmer des Ferienlagers haben ihre Fahne schon am © Steffen Unger

Bautzen. Das Fahrrad quietscht, als der Junge mit dem Lenker den Vorderreifen hochzieht und auf einem Reifen die Straße entlangfährt. Zwei Mädchen stehen am Straßenrand und lachen, ein paar andere Kinder schieben Räder durch das Tor des Schullandheims in Bautzen-Burk. Im Fenster sitzen drei Mädchen, eine hält sich die Hand vor den Mund und lacht, eine andere zeigt auf die Radfahrenden vor dem Gebäude. Die 17-jährige Erzsebet Deer aus Ungarn steht zwischen den Kindern auf der Straße und deutet mit dem Finger in Fahrtrichtung Stausee. Sie hält eine Hand vor die Augen, um sich vor der Sonne zu schützen. Auf Ungarisch ruft sie erst etwas in Richtung des Jungen, der gerade Radfahrkunststücke zum Besten gibt, dann in Richtung der Kinder, die gerade die Räder vom Hof schieben. Schließlich macht sie auf dem Absatz kehrt, geht schnellen Schrittes in Richtung Klettergerüst: Hier ist ihre Hilfe gefragt.

Denn Erzsebet arbeitet als Ferienlager-Betreuerin im Kreis Bautzen, in dieser Woche sind Kinder aus ihrem Heimatland zu Gast. „Die Kinder nennen mich hier Elisa“, sagt die 17-Jährige. „Das ist die deutsche Übersetzung des Namens.“ Schließlich geht es hier darum, Deutschland ein bisschen kennenzulernen – das beginnt schon im Kleinen. Sechs Wochen verbringt sie hier in Deutschland, begleitet Woche für Woche andere Ferienlager.

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Während einige Campteilnehmer im Stausee baden gehen, wollen diese zwei lieber malen.
Während einige Campteilnehmer im Stausee baden gehen, wollen diese zwei lieber malen. © Steffen Unger

„Gruungraabschen“, sagt sie – „da war ich letzte Woche.“ In Grüngräbchen betreute sie die Kinder des Camps „Der Natur auf der Spur“. Sie saß mit den Acht- bis Elfjährigen im Kreis und zeigte ihnen, wie die ungarische Version des Spiels Werwolf geht. In dem Spiel haben die Teilnehmer jeweils andere Rollen, einer ist der Werwolf. Die anderen versuchen herauszufinden, wer das ist. In Deutschland gibt es dabei noch eine Seherin, die Dorfbewohner, eine Hexe und Amor. In Ungarn, da ist das anders. „Es gibt nur einen Arzt, zwei Mörder und fertig“, erklärt die Abiturientin. „Das war lustig, es hat Spaß gemacht.“

Aber nicht nur Werwolf gespielt hat die 17-Jährige mit den Kindern in Grüngräbchen. „Zwei kleine Kinder kamen oft zu mir“, erzählt Erzsebet. „Sie wollten immer mit mir spielen. Ich habe dann mit ihnen getanzt: Ich habe es vorgemacht, sie haben es nachgemacht.“ Kurz schweigt Erzsebet, dann lacht sie. „Es ist gar nicht so leicht, die Kinder die ganze Zeit zu beschäftigen und immer neue Ideen zu haben. Ich bin abends immer ganz schön müde.“

55 Ferienlager hat der Schullandheim-Verein des Landkreises Bautzen in diesem Sommer organisiert. Über 50 Betreuer sind nötig, um das zu stemmen. Erzsebet ist eine von ihnen. In Ungarn besucht die 17-Jährige gerade eine Abiturklasse, dort lernt sie Deutsch. Das möchte sie hier in Bautzen nun aufbessern, macht mit ihrer Freundin Bianka Mate gemeinsam den Ferienjob.

Manchmal lassen sich die Betreuer dazu hinreißen, Kinder auf dem Rad zu kutschieren.
Manchmal lassen sich die Betreuer dazu hinreißen, Kinder auf dem Rad zu kutschieren. © Steffen Unger

In dieser Woche ist Erzsebets Mutter, die als Deutschlehrerin arbeitet, mit den fast 50 ungarischen Kindern im Alter von etwa 12 bis 16 Jahren in das Ferienlager gereist, das betreuen Erzsebet und Bianka nun. Auch 17 deutsche Kinder sind noch in dem Lager. Keine Frage: Es ist eine Aufgabe mit viel Trubel.

Gerade will Bianka mit den vielen Kindern auf den Fahrrädern aufbrechen, gemeinsam wollen sie zum Stausee fahren. Die meisten von ihnen sind schon losgefahren, als Bianka noch die letzten Kinder zusammensucht und sich einen Schlüssel geben lässt. Es ist weit über dreißig Grad warm: Mit hochrotem Kopf fährt sie los. Um die ersten Radler einzuholen, muss sie ganz schön in die Pedale treten.

Erzsebet ist im Lager geblieben, bei den übrigen Kindern auf dem hölzernen Klettergerüst in Form eines Schiffes. Ein Junge springt an ihr vorbei, stellt sich an das Steuer. Es quietscht, als der Junge daran dreht. Erzsebet setzt sich zu einer Gruppe von Mädchen, die gerade ein Laken bemalen. Die deutschen Ferienkinder haben bereits am Tag zuvor eine Flagge mit Gesicht darauf aufgetragen, ihre Namen dazugeschrieben. Heute machen die ungarischen Ferienkinder dasselbe mit ihrer Flagge: rot, weiß, grün. Auch Erzsebet greift zum Pinsel. Als ein Windstoß das Laken erfasst, kreischt ein Kind auf: Es hat den Abdruck der Farben auf der Hand. Erzsebet lacht und drückt die Ecke des Lakens auf den Boden.

Als Bianka eine Weile später von der Radtour zurückkehrt, ist ihr Kopf noch immer rot. Sie fächert sich mit der Hand Luft zu, dann fragt sie nach einem Pflaster: Ein Kind hat sich eine Blase gelaufen. Sie klebt es auf den Zeh des Mädchens, dann kann sie kurz durchatmen. Sie greift zu einem Glas Wasser und seufzt, als sie erfährt, dass es in den kommenden Tagen noch wärmer werden soll. Sie rollt mit den Augen, grinst aber direkt wieder. Dann düst sie wieder los. Verschnaufpause? Fehlanzeige.

Erzsebet Deer und ihre Mutter Szilvia Horvath aus Ungarn betreuen die knapp 50 ungarischen Ferienkinder.
Erzsebet Deer und ihre Mutter Szilvia Horvath aus Ungarn betreuen die knapp 50 ungarischen Ferienkinder. © Steffen Unger

Am Ende der Woche werden die deutschen und ungarischen Kinder ein Fest feiern. Es wird Kesselgulasch geben und eine Aufführung mit Volkstanz. Am Tag darauf werden die Camp-Teilnehmer im Bus zurückfahren und vermutlich den Großteil der Strecke verschlafen. Erzsebet und Bianka hingegen werden erneut zu Hochtouren auflaufen – im nächsten Feriencamp.

Seit 25 Jahren gibt es den Austausch, er ist aus einer Partnerschaft des Landkreises mit dem Komitat Tolna in Ungarn hervorgegangen. „Die Kinder sind süß, aber es ist wirklich ganz schön anstrengend“, erzählt Erzsebet. „Wenn ein Kind Probleme hat, zum Beispiel Heimweh oder eine Verletzung, dann versuche ich zu helfen und zu trösten. Oder wenn es keinen Platz am Tisch findet, beim Essen.“ In der Woche zuvor hat sie auch schon größere Schwierigkeiten zu spüren bekommen. „Ein Junge war aggressiv, er hat ein anderes Kind gehauen. Er musste dann gehen.“ Es sind Erlebnisse wie diese und auch das Reden und Denken in einer anderen Sprache, die die junge Frau abends müde ins Bett fallen lassen. „Ich möchte Kindergärtnerin werden, hier möchte ich schon einmal herausfinden, wie gut ich mit Kindern klarkomme“, erzählt sie. Ob sie im nächsten Jahr noch einmal Feriencamps betreuen möchte? Sie lacht. „Das überlege ich mir gut“, sagt sie. „Vielleicht lieber mit kleineren Kindern.“