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Feuilleton

So modern ist Dresdens Barockpapst

Heinrich Schütz steht im Zentrum eines Musikfestivals, bei dem "Tränen der Auferstehung" fließen

Heinrich Schütz um 1660, als er hochbetagt unverändert noch Meisterwerke schuf.
Heinrich Schütz um 1660, als er hochbetagt unverändert noch Meisterwerke schuf. © MIM Leipzig

Von wegen alter Hut. Wohl schuf der Dresdner Hofcompositeur Heinrich Schütz (1585 – 1672) seine genialen Werke schon vor über 400 Jahren. Doch diese waren damals so neuartig und stark, dass er damit die Epoche des Frühbarock prägte wie keiner. „Bestaunen wir diese musikalische Moderne, die uns noch heute den Atem verschlägt, die Herzen bewegt und der Seele Nahrung gibt“, sagte am Freitag Christina Siegfried, Intendantin jenes Festivals, das seit 1998 alljährlich Schütz feiert. 

Dieser habe bis ins hohe Alter stets innovativ gearbeitet, sei bemüht gewesen, „etwas neues herfürzubringen“. Dieses Zitat ist das Motto des diesjährigen Festes, das vom 4. bis 13. Oktober 39 Veranstaltungen an den authentischen Hauptwirkungsorten in Bad Köstritz, Weißenfels und Dresden bietet. „Wir fahren das Who is Who der Spitzeninterpreten der auf das 17. Jahrhundert spezialisierten Szene auf.“ 

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So wird der Rias-Kammerchor, einer der zehn besten der Welt, etwa Schütz’ schnörkellosen, radikal weit in die Zukunft weisenden „Schwanengesang“ interpretieren. Ebenso bringt das Ensemble die bunt-frivolen Italienischen Madrigale in dem Abend „Liebeshändeleien“ heraus. „We love to entertain you, das galt schon um 1600“, so Siegfried und kündigte die Uraufführung von sieben Einschüben in Schütz’ Lukaspassion an. Torsten Rasch, Ex-Kruzianer und international geschätzter Komponist, erarbeitet diese.

Weitere Stars dieser Kunst wie die Theorbistin Christina Pluhar versprechen himmlische Klänge auf Erden. Und der libanesische Bariton Georges Abdallah will mit dem Vokal- und Instrumentalensemble La Tempete die berühmte Auferstehungshistorie des Sagittarius’ anders interpretieren. Er gibt den Evangelisten in eigenem Ton, singt ihn irgendwo zwischen Frühbarock in Mitteldeutschland und dem Klangemisch von Jerusalem vor 2 000 Jahren. „Wir suchen nach unkonventionellen Konzertformaten, orientieren uns an der historisch-informierten Aufführungspraxis und schätzen die belebende Frische, die Weisen aus heutiger Perspektive zu befragen.“

Und das geschieht erstaunlich vielfältig angesichts des kleinen Etats von nur 220000 Euro, der zur Hälfte vom Bund und von den Schütz-Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen kommt. Kommunen, Partner und Förderer stemmen den Rest. Erwartet werden um die 5500 Besucher. Wieder sind das Dresdner Schütz-Konservatorium und andere Schulen beteiligt. Wieder gibt es auch eher launige Vorträge. Und wieder stellt die Universitätsbibliothek in ihrem Talleyrand-Zimmer musikalische Handschriften-Schätze vor.

Der Vorverkauf läuft seit dem 1. Mai. Wiederholungstäter im Publikum erhalten bis 15 Prozent Rabatt. Schüler zahlen gar nur fünf Euro pro Karte.