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Leben und Stil

Wie Betrüger die Angst vor dem Coronavirus ausnutzen

Eine Rentnerin aus Plauen erhält einen Anruf, und plötzlich geht es um ihr Geld. Es ist nicht die einzige Masche.

Ihr Geld ist in Gefahr! – Wer solche Anrufe erhält, sollte am besten gleich wieder auflegen.
Ihr Geld ist in Gefahr! – Wer solche Anrufe erhält, sollte am besten gleich wieder auflegen. © 123rf

Sie hat sofort ein komisches Gefühl. Als Ingeborg Hahn vor wenigen Tagen den Telefonhörer abhebt, meldet sich am anderen Ende eine Männerstimme „in perfektem Hochdeutsch, aber wie von Band abgespielt“, wie die Rentnerin aus Plauen erzählt. Der Unbekannte erklärt ihr, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis das deutsche Geld an Wert verliert. „Ich wurde gefragt, ob ich über Spareinlagen verfüge, die ich sichern will“, erinnert sich die 75-Jährige. „Dann wurde ich aufgefordert, eine Ziffer auf dem Telefon zu drücken, um weiter beraten zu werden und mein Geld zu retten.“ Geistesgegenwärtig beendet die Frau das Gespräch.

Bei Frau Hahn hatten die Betrüger kein Glück. Doch nicht jeder Versuch, der jetzt die Verunsicherung wegen des Coronavirus ausnutzen will, geht so aus. Menschen aus dem ganzen Land schildern den Mitarbeitern der Verbraucherzentrale Sachsen in diesen Tagen verschiedene Betrugsszenarien. Der Aufhänger ist stets das Coronavirus. „Es gibt Anrufe, die vermeintlich im Namen der Sparkasse getätigt werden. Den Kunden wird gesagt, dass sie sicher bemerkt haben, wie Corona die Märkte verunsichert. Es wird mit abstürzenden Börsenkursen argumentiert“, berichtet Rechtsreferent Kay Görner. Dann würden die Kunden nach Spareinlagen gefragt. „Ihnen wird erklärt, dass man ihr Geld unproblematisch an einen sicheren Ort transferieren könne.“ Dazu bräuchte man nur kurz die Kontodaten.

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Falsche Corona-Tester unterwegs

Zudem gäbe es Telefonate, in denen Kunden eine neue Kreditkarte angeboten wird. Der Grund: Wegen des Virus werde kontaktloses Bezahlen per Karte wichtiger. Doch nicht immer funktioniere dies einwandfrei. „Deshalb wolle man eine neue Karte ausstellen und zuschicken.“ Auch dafür werden die Kontodaten erfragt. Verbraucher sollten sich nicht täuschen lassen: „Die Sparkasse und Kreditinstitute rufen nicht wegen des Coronavirus an. Und schon gar nicht werden solche sensiblen Dinge mal eben am Telefon verhandelt“, betont Görner. Sollte es tatsächlich Probleme geben, erhielten Kunden ein Schreiben per Post.

Aufpassen sollte man auch, wenn es heißt, das Gespräch werde aus Sicherheits- oder Servicegründen mitgeschnitten. „Das soll seriös wirken. Im Nachhinein werden die Aufzeichnungen aber genutzt, um Sätze so zusammenzuschneiden, dass sie Zustimmung zu einem Vertragsabschluss simulieren“, erklärt Görner. Telefonwerbung, der man nicht zugestimmt hat, muss man zudem nicht hinnehmen. In Deutschland gelten dafür strenge Regeln. Betroffene sollten versuchen, Nummern zu notieren. Diese können dann der Bundesnetzagentur gemeldet werden. Sie kann Rufnummern sperren und gegen Betreiber Bußgelder verhängen. Verbraucher, denen am Telefon ein Vertrag untergeschoben wurde, können diesen in der Regel 14 Tage lang widerrufen.

Der sächsischen Polizei liegen zu Corona-Betrugsfällen noch keine Anzeigen vor, teilt Sprecher Pascal Ziehm auf Anfrage mit. Eine Warnung hat die Polizei Leipzig kürzlich trotzdem ausgesprochen: vor falschen Corona-Testern. Personen in Schutzanzügen, die sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamts ausgegeben hatten, waren nach vorheriger telefonischer Anmeldung zur Wohnung eines 58-jährigen Mannes gekommen. Vor Ort nahmen sie einen Rachenabstrich. Wenig später informierten sie wiederum per Anruf, der Test sei negativ ausgefallen. Eine Nachfrage beim Gesundheitsamt ergab, dass es sich nicht um Mitarbeiter der Behörde handelte. „Es wird angenommen, dass die Unbekannten in betrügerischer Absicht gekommen sind, um mögliche Wertgegenstände zu stehlen“, erklärt die Polizei. Entwendet wurde aber nichts. „Sowohl Ärzte als auch Teams des Gesundheitsamtes kommen nicht zu potenziell infizierten Personen nach Hause und nehmen dort auch keine Abstriche“, erklären die Beamten. Bislang handele es sich um einen Einzelfall.

Wie man unseriöse Onlineshops erkennt

Wie auch beim Enkeltrick empfiehlt Polizeisprecher Ziehm, wachsam und kritisch zu sein. „Da insbesondere ältere Menschen Geschädigte solcher Betrugsmaschen werden, sollten Kinder, Enkel und Nachbarn mit ihren Eltern, Großeltern und Mitbürgern das Gespräch suchen, diese sensibilisieren und im Zweifelsfall die Polizei verständigen.“ Allein 2018 gab es im Freistaat 569 Fälle versuchten Betrugs älterer Menschen – rund 56 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In 42 Fällen hatten Betrüger mit dem Enkeltrick Erfolg. Die Aufklärungsquote der Polizei lag bei gerade mal 0,7 Prozent.

Zur Gefahr werden jetzt auch Internetseiten, die scheinbar ausverkaufte Waren wie Desinfektionsmittel oder Schutzmasken zu hohen Preisen anbieten. „Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Betrugsshop handeln. Die Vorgehensweise ist jedoch ebenso moralisch verwerflich“, erklärt Stefanie Siegert, Referentin für Digitales bei der Verbraucherzentrale Sachsen. „Unseriöse Onlineshops enthalten oft weder ein Impressum noch eine Kontaktmöglichkeit zum Anbieter. Als Zahlungsmittel ist meist nur Vorkasse möglich.“ Kunden erhalten nach der Bestellung entweder keine Ware oder nur in sehr schlechter Qualität. Ist das Geld überwiesen, gibt es nichts zurück. Um die Seriosität zu beurteilen, könne man im Internet nach Erfahrungsberichten suchen.

Das IT-Sicherheitsunternehmen Fireeye weist zudem darauf hin, dass bei seriösen Anbietern die Informationen der Nutzer verschlüsselt werden. Das ließe sich in den meisten Browsern am Vorhängeschloss-Symbol in der Adressleiste erkennen, so Jens Monrad von Fireeye. Eine Garantie sei dies aber nicht. Auch sollten Verbraucher mögliche Gütesiegel prüfen. Durch einen Klick auf das Siegel können sie sehen, ob dieses korrekt zum Siegel-Betreiber verlinkt ist. Wer darüber hinaus verdächtige Phishing-Mails erhält, sollte sie sofort löschen, ohne sie zu öffnen. „Die Mail kommt angeblich von einer offiziellen Quelle, zum Beispiel der Weltgesundheitsorganisation WHO.“ Sie soll den unerlaubten Zugang zum Computer ermöglichen, um zum Beispiel Bankdaten zu stehlen.

Vorsicht bei Lebensmittellieferungen

Auch im praktischen Alltag ist Vorsicht geboten. Etwa bei Lebensmittellieferungen. Wer in Quarantäne bleiben muss, kann für Einkäufe auf Dienstleister zurückgreifen. „Dabei sollte man sich nicht vertraglich binden oder in Vorkasse gehen“, mahnt Kay Görner. „Auf die Lieferung kann man sich nicht unbedingt verlassen.“ Sofern es möglich ist, sollten Menschen in Quarantäne oder Senioren, die Hilfe brauchen, versuchen, die Hausgemeinschaft für Einkäufe einzubinden.

Eine andere Option sind Lieferdienste. Hier sei wichtig, die Ware nicht unbeaufsichtigt abstellen zu lassen. „Wir haben schon Nachfragen bekommen, weil Menschen wegen des Ansteckungsrisikos den Kontakt zu Zustellern meiden wollten und deshalb darum gebeten haben, die Ware im Hausflur oder auf dem Grundstück abzustellen. Wenn die Lieferung aber dann gestohlen wird, haben Betroffene wenig Chancen auf Rückerstattung.“ Selten sei in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Anbieter geklärt, wer in so einem Fall hafte. Görners Tipp: „Es ist sicherer, durch den Türspion oder die leicht geöffnete Tür zu schauen und die Ware sofort in die Wohnung zu holen.“

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Görner appelliert, dass mehr Menschen bei einem Betrugsverdacht die Verbraucherzentrale informieren und ihre Fälle schildern. „Nur so können wir einen Überblick über das tatsächliche Ausmaß gewinnen.“ Ingeborg Hahn aus Plauen gibt zu, dass sie diesen Reflex nicht hatte. „Ich habe mich zwar gleich unwohl gefühlt, aber auf die Schnelle nicht daran gedacht, die Nummer zu notieren und sie zu melden.“ Um andere zu warnen, wollte sie ihren Fall aber dann doch publik machen. Über eine konkrete Maßnahme denkt sie nun nach: den Eintrag im Telefonbuch zu löschen. „Mein Eindruck ist, dass Betrüger gezielt nach älteren Vornamen im Verzeichnis suchen.“ (mit dpa)

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