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So schlimm wütet der Borkenkäfer

Drei Viertel der Wälder im Landkreis Görlitz sind betroffen, das Holz bleibt größtenteils liegen. Eine Besserung ist kaum in Sicht.

Von Matthias Klaus
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Klein und gemein zum Holz: der Borkenkäfer.
Klein und gemein zum Holz: der Borkenkäfer. © dpa

Heike Zettwitz zeichnet ein düsteres Bild für die Wälder im Landkreis. „Wenn die Laubbäume erst ihre Blätter verloren haben, werden wir das ganze Ausmaß der Veränderungen sehen“, sagt die Dezernentin im Landratsamt. Veränderungen, die ein kleines Tier hervorgerufen hat, der Borkenkäfer.

Etwa 75 Prozent der kommunalen und privaten Wälder im Landkreis sind inzwischen vom Käferbefall betroffen. Vor allem südlich von Niesky geht es so richtig los. Schwerpunkte des Befalls sind die Königshainer Berge, die Wälder rund um Löbau, etwa der Kottmar. Heike Zettwitz geht davon aus, dass mittlerweile 90.000 Festmeter Holz im Kreis ein Käferproblem haben. Festmeter, das bedeutet das Holz, das nach der Ernte tatsächlich verkauft werden könnte, ohne Teile der Krone, der Wurzeln. Der Festmeter wird normalerweise für einzelne Baumstämme ermittelt. „Wir hatten nach dem Borkenkäferbefall im vergangenen Jahr eigentlich darauf gehofft, dass es 2019 nicht so schlimm wird“, sagt Heike Zettwitz. Das Gegenteil ist eingetroffen.

Egel ob kommunaler oder privater Wald – die befallenen Bäume kommen einfach nicht schnell genug heraus. 20.000 Festmeter sind es inzwischen, kreisweit. Sprich: Der größte Teil Borkenkäferholz liegt weiterhin in den Wäldern. „Wir wissen einfach nicht, wie wir dieser Situation Herr werden“, sagt Heike Zettwitz.

Der Borkenkäfer vermehrt sich derweil munter weiter, wenn er denn die Wetterbedingungen hat. Denn der Buchdrucker, wie er auch genannt wird, mag es relativ warm. Ab 16,5 Grad schwärmt er aus. Gerade ältere Fichtenwälder sind sein Revier. Davon gibt es vor allem im Süden des Kreises reichlich. Aber nicht nur kranke und ältere Bäume sind bedroht. Wenn die Käferpopulation entsprechend groß ist, greift sie auch gesunde, vitale Bäume an.

Für Waldeigentümer ist der Befall ein reines Verlustgeschäft, befürchtet Heike Zettwitz. Denn die Holzpreise sind mit dem Überangebot im Keller. Der Görlitzer Landrat Bernd Lange fordert angesichts der Lage eine Bündelung von Kapazitäten von Bund und Land.

Der Landrat vergleicht den Borkenkäferbefall mit einer Hochwasserwelle. „Um so etwas zu beherrschen, müssen Kräfte einfach zusammengeführt werden. Da reichen die nicht aus, die für normale Zeiten vorgehalten werden“, sagt Bernd Lange.

Die Landschaft im Kreis wird sich nach diesem extremen Käferbefall verändert zeigen, befürchtet auch er. In Sachsen ist es das schlimmste Waldsterben seit dem Zweiten Weltkrieg. Und nicht nur Sachsen. Es ist, so drückt es der Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) aus, im Grunde eine nationale Katastrophe, vergleichbar mit einem verheerenden Hochwasser – sagt der Görlitzer Landrat. Bisher galt die Waldsaison 1946/47 als das schlimmste Borkenkäferjahr nach dem Krieg. Jetzt sind die Schäden schon viermal so groß. Und die dritte Käfergeneration ist noch gar nicht da. 

Julia Glöckner (CDU), die Bundeslandwirtschaftsministerin, hat den Waldbesitzern Hilfe bei der Wiederaufforstung versprochen. 800 Millionen Euro sollen in den nächsten vier Jahren für Nachpflanzungen fließen. Aber noch ist das alles nicht auf den Weg gebracht. Und an den Waldwegen liegen die Holzstapel. Die Schäden, die der Borkenkäfer im Kreis Görlitz bisher verursacht hat, stellen die nach dem Orkan Kyrill von 2007 weit in den Schatten. Damals gab es einen Schaden von etwa 11.000 Festmetern, also etwa die Hälfte dessen, was jetzt schon aus den Wäldern im Landkreis geborgen wurde.

Das geschädigte Holz geht meist nur noch als Brennholz über den Ladentisch, wenn überhaupt. Wenn es lange im Wald liegenbleibt, haben beispielsweise Pilze freie Bahn. Dann wird es noch schwieriger, es zu verkaufen.

Heike Zettwitz denkt derweil schon an die Aufforstung nach der Käferplage. „Aber es ist inzwischen sehr kompliziert geworden, entsprechende resistente Bäume zu bekommen“, sagt sie. Der Markt sei regelrecht leergefegt. Denn natürlich steht der Kreis Görlitz nicht allein mit dem Problem da. Ähnlich schlimm hat es die Nachbarn im Landkreis Bautzen getroffen. Sachsenweit sind schätzungsweise 85.000 Waldbesitzer betroffen. Der Sachsenbetrieb Staatsforst warnt inzwischen davor, dass in Zukunft ganze Waldbestände absterben und elementare Waldfunktionen nicht mehr gegeben sein könnten.

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