merken
PLUS Görlitz

Der Schlossbau zu Görlitz

Die Bauarbeiten im Ortsteil Ober-Neundorf kommen derzeit richtig gut voran. Zum Denkmaltag können Görlitzer das Schloss besichtigen.

Alt und neu vereint: Die wertvolle Sgraffito-Fassade von Schloss Ober-Neundorf präsentiert sich heute in einem beeindruckenden Zustand.
Alt und neu vereint: Die wertvolle Sgraffito-Fassade von Schloss Ober-Neundorf präsentiert sich heute in einem beeindruckenden Zustand. © Nikolai Schmidt

Ein schlichter Holztisch mit einem edlen Stuhl vor dem großen Fenster, ein weißes Doppelbett schräg im Raum, in der Ecke eine Ledercouch. Am Boden auffallend breite Dielenbretter und über allem ein helles, stuckverziertes Gewölbe: Der erste Raum von Schloss Ober-Neundorf ist fertig.

„Das war früher der blaue Salon“, sagt Simone Kuhn, die das Schloss zusammen mit ihrem Mann Dietrich vor fünf Jahren gekauft hat. Blauer Salon deshalb, weil die Wände mit blauem Samt überzogen waren. Der Samt kommt nicht zurück, aber sonst ist vieles noch so, wie es einst war. „Den Boden haben wir so belassen, wie wir ihn vorgefunden haben“, berichtet die 51-Jährige: „Wir haben ihn nur konserviert.“

Anzeige
Neißegrundschule: Tag der offenen Tür
Neißegrundschule: Tag der offenen Tür

Wie vielfältig der Schulalltag und die verankerte Gesundheits- und Lebensphilosophie nach Sebastian Kneipp ist, erleben Sie in der Neißegrundschule Görlitz.

Simone Kuhn steht im ersten Gästezimmer von Schloss Ober-Neundorf, das schon fertig ist. Es befindet sich im zweiten Stock.
Simone Kuhn steht im ersten Gästezimmer von Schloss Ober-Neundorf, das schon fertig ist. Es befindet sich im zweiten Stock. © Nikolai Schmidt

Simone Kuhn ist Heilpraktikerin: Sie lebt und arbeitet noch immer in Tettnang am Bodensee, von wo sie stammt. Ihr Mann hingegen betreibt seit 27 Jahren die Firma Kuhn Kies + Sand GmbH mit ihrem Kieswerk in Ober-Neundorf. Er und die jüngste der drei Töchter leben längst hier, die Tochter soll die Firma später einmal übernehmen. „Mit dem Schloss orientiere ich mich jetzt auch immer mehr in Richtung Ober-Neundorf“, sagt Simone Kuhn. Ihre Naturheilpraxis, die sie seit 20 Jahren in Tettnang betreibt, hat sie gerade heruntergefahren: „Sie ist nur noch ein paar Tage im Monat geöffnet.“ Wenn das Schloss fertig ist, soll die Praxis komplett umziehen – und im ersten Stock des Schlosses neu starten.

Dessen Sanierung – von den früheren Eigentümern aus Hilshof bei Düsseldorf immer wieder angekündigt, aber nie ausgeführt – hat in jüngster Zeit richtig Fahrt aufgenommen. Und das nicht nur im Haupthaus, sondern in sämtlichen Gebäuden auf dem Areal. „Ins frühere Kutscherhaus sind mein Mann und ich jetzt gerade eingezogen“, erzählt Simone Kuhn, die selbst nicht im Schloss wohnen möchte.

Diese bemalte Holzbalkendecke kam im Parterre zum Vorschein. Der Raum soll zum Café ausgebaut werden.
Diese bemalte Holzbalkendecke kam im Parterre zum Vorschein. Der Raum soll zum Café ausgebaut werden. © Nikolai Schmidt

Dafür gibt es andere Pläne. Aufgrund von Corona aber auch viele Bedenken. Im Parterre ist schließlich ein Café geplant, im ersten Stock nicht nur die Praxis, sondern auch ein Seminarraum, im zweiten Stock eine große Wohnung für private Zwecke. Aber wird ein Café in Corona-Zeiten überhaupt noch funktionieren? Und wer braucht jetzt noch Seminarräume, wenn immer mehr Firmen auf Videokonferenzen umschwenken? Simone Kuhn kann das alles momentan noch nicht abschätzen. „Wir versuchen, unseren Weg weiter wie geplant zu gehen“, sagt sie.

Aber eine Zeitschiene für die Sanierung gibt sie besser nicht mehr aus. Nur so viel vielleicht: „Wir sind seit fünf Jahren dran. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal fünf Jahre brauchen werden, bis wir fertig sind.“ Wichtig sei der Familie, dass das Schloss nicht so schnell wie möglich saniert wird, sondern so hochwertig, dass auch die nachfolgenden Generationen etwas davon haben. „Wir haben zum Glück wunderbare regionale Handwerker gefunden, die die alte Handwerkskunst noch beherrschen“, schwärmt Simone Kuhn. Auch der Verein Schloss Ober-Neundorf hilft mit körperlicher Arbeit und Geld, wo er kann. „Rentner aus dem Handwerk können gerne beim Aufbau mithelfen und sich einbringen“, ergänzt ihr Mann.

Dieser große Raum im ersten Stock wird vermutlich zur Bibliothek. Wo vorher – nach einem Umbau – zwei große Fenster waren, sind jetzt wieder drei kleinere.
Dieser große Raum im ersten Stock wird vermutlich zur Bibliothek. Wo vorher – nach einem Umbau – zwei große Fenster waren, sind jetzt wieder drei kleinere. © Nikolai Schmidt

Das, was bis jetzt geschafft ist, kann sich allemal sehen lassen. Das fängt schon bei der wertvollen Sgraffito-Fassade aus dem 17. Jahrhundert an. Sgraffito ist eine Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen, eine Kratztechnik. Derzeit vereint die Fassade erhaltene alte und ergänzte neue Abschnitte. Im unteren Teil ist eine Probeachse mit Diamantquaderungen entstanden. Die Endfassung der Fassade wird aktuell noch mit den Denkmalämtern abgestimmt. Zwei viel zu große, nachträglich eingebaute Fenster sind wieder durch drei kleine Fenster ersetzt worden.

Tritt man durch den Eingang in die Haushalle, fällt zuerst die Gewölbedecke auf. „Wir haben sie nur abgewaschen. Sie bleibt in diesem Zustand“, sagt Simone Kuhn. Noch in diesem Jahr soll ein Kachelofen in der Haushalle aufgebaut werden. Im Nebenraum haben die Handwerker eine bemalte Holzbalkendecke freigelegt. Es ist ein schöner großer Raum mit vier Fenstern – ideal für das Café. Dahinter sind schon Tresenraum und Küche erahnbar. Die Toiletten sind fast fertig – mit historischen Fußbodensteinen, die im Schloss Jänkendorf nicht mehr benötigt wurden und die der Verein Schloss Ober-Neundorf von der Gemeinde Waldhufen kaufen konnte.

Diese Fassade im zweiten Stock ist so gut erhalten, weil sie immer durch Dächer geschützt war. Sie bleibt jetzt sichtbar, der Raum davor wird aber durch Glaswand und -dach geschützt.
Diese Fassade im zweiten Stock ist so gut erhalten, weil sie immer durch Dächer geschützt war. Sie bleibt jetzt sichtbar, der Raum davor wird aber durch Glaswand und -dach geschützt. © Nikolai Schmidt

Auf den anderen Etagen ist vieles noch im Rohbau. „Aber wir sind schon weiter, als es auf den ersten Blick scheint“, sagt Simone Kuhn. Elektrik und Fußbodenheizung sind größtenteils drin. Letztere wird aber nur dort eingebaut, wo die Böden verändert werden. Es gibt im ersten Stock auch viele Räume mit Parkett, das auf jeden Fall erhalten bleibt. Der größte Raum in der Mitte der Etage wird vermutlich zur Bibliothek, die Praxis entsteht auf der einen Seite davon, der Seminarraum auf der anderen.

Eine Besonderheit findet sich im zweiten Stock: Eine Tür führt ins Freie auf eine Art Terrasse. Die wird komplett verglast, sowohl von oben als auch an den Seiten. Hintergrund: Hier ist die Fassade besonders gut erhalten, weil sie immer durch Dächer geschützt war. Künftig soll sie sichtbar sein, aber auch geschützt. Um beides zu erreichen, ist Glas das Mittel der Wahl.

Die Dächer sämtlicher Nebengebäude auf dem Schlossgelände sind fast fertig, das letzte ist gerade in Arbeit.
Die Dächer sämtlicher Nebengebäude auf dem Schlossgelände sind fast fertig, das letzte ist gerade in Arbeit. © Nikolai Schmidt

Die anderen Gebäude sind derzeit im Rohbau. „Das letzte Dach soll Ende September drauf sein“, sagt Simone Kuhn. Aus Kuhstall, Melkhaus und einem früheren Wohnhaus sollen weitere Seminarräume, aber auch eine Herberge, drei Wohnungen und ein ökologischer Baustoffhandel werden. Das zumindest war vor der Corona-Zeit der Plan. „Jetzt müssen wir schauen, was die Zeit bringt“, sagt sie. Der Bau soll auf jeden Fall unbeirrt weitergehen. Und wenn er geschafft ist, soll auch die einst zugewucherte Freifläche zwischen den Gebäuden schön gestaltet werden. Aber das ist jetzt – ganz im Gegensatz zum blauen Salon – wirklich noch Zukunftsmusik.

Hinweis: Am Tag des offenen Denkmals am 13. September ist das Schloss Ober-Neundorf zu Führungen, Kaffee und Kuchen von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz