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So soll es nach dem Stillstand der Städtebahn weitergehen

Nach der Insolvenz: Die wichtigsten Fragen zur Sommerkrise im sächsischen Nahverkehr.

Bitte Bus fahren: Die Städtebahn Sachsen ist pleite, ihre vier Strecken brauchen wochenlang einen Ersatzfahrplan.
Bitte Bus fahren: Die Städtebahn Sachsen ist pleite, ihre vier Strecken brauchen wochenlang einen Ersatzfahrplan. © xcitepress

Die Städtebahn Sachsen ist Geschichte: Das Unternehmen hat Insolvenz angemeldet und wird die Züge auf seinen vier Strecken in Ostsachsen nicht wieder in Betrieb nehmen. Ersatzfahrpläne mit Bussen statt Bahnen werden deshalb mindestens einige Wochen lang nötig bleiben, sagte am Montag in Dresden der Sprecher des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO), Christian Schlemper. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen zur Sommerkrise in Sachsens Nahverkehr.

Wo fahren jetzt Ersatzbusse statt der Städtebahn?

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Seit Donnerstag stehen alle Züge der Städtebahn Sachsen still. Damit sind die Fahrgäste auf gleich vier Strecken auf Busse angewiesen – zwischen Dresden, Kamenz und Königsbrück, im Müglitztal und zwischen Pirna und Sebnitz. Der VVO hat einen Ersatzfahrplan organisiert und mehrere Busfirmen daran beteiligt. Seit Montag gibt es auch für das Müglitztal einen neuen Plan; dort erschwert eine Straßenbaustelle noch bis Sonnabend den Busverkehr. Für nächste Woche wird es dort noch einmal einen neuen Plan geben.

Ersatzfahrplan im Internet: www.vvo-online.de; Telefonauskunft des VVO bis 19 Uhr: 0351/852 65 55

Wann können wieder Züge auf den vier Strecken fahren?

In drei Wochen ist Schulanfang in Sachsen, dann sind wieder mehr Menschen täglich mit der Bahn unterwegs. VVO-Sprecher Schlemper will nicht versprechen, dass bis dahin ein Nachfolger für die Städtebahn gefunden ist. Drei Wochen als Vorgabe seien „sportlich“. Zwar muss der Verkehrsverbund nicht mit einer europaweiten Ausschreibung nach Bewerbern unter den Bahnunternehmen suchen, sondern darf eine „Notvergabe“ machen. Allerdings gelten die Verträge dann auch nur für zwei Jahre. Für eine längerfristige Lösung muss dann doch eine Ausschreibung folgen.

Welche Unternehmen können die Städtebahn ersetzen?

Der VVO wird zunächst mit drei Bahn-Unternehmen sprechen, die ohnehin schon in der Region arbeiten: mit der Deutschen Bahn über ihre Tochter DB Regio Südost. Mit der Länderbahn, die hier unter der Marke Trilex bekannt ist und der italienischen Staatsbahn gehört. Und mit der Mitteldeutschen Regiobahn, die zu Transdev mit Sitz in Paris gehört. Ob sie sich bewerben, war am Montag noch nicht zu erfahren. „Kein Kommentar“, hieß es bei der Länderbahn, das sei ein heißes Eisen. Von der DB Regio ist bekannt, dass sie sich 2010 schon um die Strecken beworben hatte, aber damals der Städtebahn unterlag.

Die Zukunft der Städtebahn-Mitarbeiter ist noch offen.
Die Zukunft der Städtebahn-Mitarbeiter ist noch offen. © Marko Förster

Was wird aus den Lokführern und anderen Städtebahn-Beschäftigten?

Die Städtebahn hat etwa 85 Lokführer, Zugbegleiter und Disponenten. Am Donnerstag sollen sie bei einer Betriebsversammlung im Dresdner Hauptbahnhof informiert werden. Am Montag fanden Gespräche zwischen VVO, Betriebsrat, Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und Wirtschaftsministerium statt. Laut Staatssekretär Stefan Brangs wurde darüber gesprochen, wie ein Betriebsübergang organisiert werden kann – sodass möglichst alle Beschäftigten zu gleichen Tarifbedingungen in einer anderen Firma weiter arbeiten. Zunächst haben sie Anspruch auf Insolvenzgeld, das drei Monate lang vom Staat bezahlt werden kann. Das Amtsgericht Aschaffenburg bestellte den Anwalt Stephan Laubereau zum Insolvenzverwalter, denn der Firmensitz ist in Franken.

Werden die Mitarbeiter denn bleiben – und die Züge auch?

Die Gewerkschaft GDL hat Tarifverträge mit allen drei Bahn-Unternehmen, die für die Städtebahn-Nachfolge zunächst infrage kommen. Der stellvertretende Bezirksvorsitzende Klaus-Peter Schölzke sagte nach dem Treffen am Montag, falls eine Firma mit „Lohndumping“ beauftragt werde, sei der Betrieb bald durch Arbeitskampf gefährdet. VVO-Sprecher Schlemper sagte, die Mitarbeiter der Städtebahn würden für den Betrieb benötigt. Er hoffe, dass sie nicht zur Gütereisenbahn oder zu anderen Firmen wechseln. Die Städtebahn besitzt keine Züge, sondern hatte 15 Züge vom Unternehmen Alpha Trains geliehen und einen von einem anderen. Der VVO ist mit Alpha im Gespräch, damit die Züge in Ostsachsen bleiben. Den rund zehn Beschäftigten in der Städtebahn-Werkstatt bei Ottendorf-Okrilla droht allerdings die Kündigung. Die GDL will sich für sie einsetzen, sie hält alle Werkstätten für nötig.

Wer trägt die Schuld an Insolvenz und Zugstillstand?

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Als die Züge der Städtebahn am Donnerstag nicht abfuhren und die Mitarbeiter ihre Büroschlösser ausgewechselt fanden, zeigten sich VVO und Wirtschaftsministerium überrascht. Der Städtebahn-Geschäftsführer Torsten Sewerin allerdings hat den Verdacht, der VVO habe sein Unternehmen gemeinsam mit Alpha Trains aushebeln wollen. Er sei ein unbequemer Vertragspartner gewesen, der auch wegen gestiegener Personalkosten mehr Geld pro Kilometer verlangt habe. Alpha Trains wollte keine Fragen der SZ beantworten. Der VVO weist alle Vorwürfe zurück und lässt sich nicht auf einzelne ein. Laut Sewerin hat Alpha am 17. Juli den Leasingvertrag über die Züge gekündigt und am 24. Juli im Beisein des VVO die fristlose Kündigung bestätigt. Alpha wolle wohl fünf zusätzliche Triebwagen in Sachsen einsetzen, die 2020 aus Tschechien zurückkämen. Das komme dem VVO für den geplanten Halbstundentakt zwischen Dresden und Kamenz entgegen, der mit dem Städtebahn-Vertrag nicht möglich sei. Laut Sewerin hat seine Städtebahn zudem finanziell unter Reparaturkosten gelitten: 60 Zusammenstöße mit Bäumen im Gleis habe es zwischen 2011 und 2018 gegeben. Die zuständige Deutsche Bahn vernachlässige die „Vegetationskontrolle“. Sie wies die Vorwürfe zurück.

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