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Freital

So sucht das Edelstahlwerk neue Lehrlinge

Mit allerlei Tricks versuchen Firmen, gute Schulabgänger zu binden. Freitals größer Industriebetrieb geht neue Wege.

Azubi Lukas Bohrmann (5.v.r.) erklärt den Neuntklässlern, wie spannend die Arbeit im Edelstahlwerk Freital ist.
Azubi Lukas Bohrmann (5.v.r.) erklärt den Neuntklässlern, wie spannend die Arbeit im Edelstahlwerk Freital ist. © Oberthür

Die drei Eimer sehen alle schwer aus, aber welcher hat nun das größte Gewicht? Die Neuntklässler machen abschätzende Gesichter. Aluminium ist am leichtesten“, sagt einer schließlich. Aber ist nun der Stahlschrott schwerer oder das Niob? Gute Frage, die Lucas Bohrmann beantworten kann, zumal neben ihm eine Waage steht. Bohrmann ist Lehrling im Freitaler Edelstahlwerk und soll nun die jungen Leute vor ihm für eine Karriere in der Metallindustrie begeistern. Denn es werden Auszubildende gesucht – und zwar überall.

Die Zeiten, in denen Minister übers Land rollten und bei Firmen und Handwerkern vorsprachen, um Ausbildungsstellen zu schaffen, sind längst vorbei. Heute sind es die Unternehmen, die auf Messen, am Tag der offenen Tür oder direkt in den Schulen um die jungen Leute werben. Ob Bäckermeister, Steuerberater oder die Stadtverwaltung – alle sind hinter den Schulabgängern her. Freitals größter Industriebetrieb, in dem 755 Beschäftigte arbeiten, macht da keine Ausnahme. 80 Mitarbeiter werden innerhalb der nächsten fünf Jahre das Rentenalter erreichen – und müssen ersetzt werden. „Wir wollen jedes Jahr 14 Lehrstellen besetzen. Das ist ehrgeizig und da müssen wir uns etwas einfallen lassen“, sagt Dietmar Pilz, Personalleiter im Edelstahlwerk.

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Eingefallen ist den Stahlwerkern, die Neuntklässler zu einem Schnuppertag mit Stationen im Stahl- und Walzwerk einzuladen. Gestaltet haben den Rundgang die derzeitigen 44 Azubis. Geboten bekommen die Schüler einiges. Sie sehen den riesigen Schmelzofen, in dem bei 1 500 Grad die Stahlsuppe brodelt. Sie sehen Hallen voller Edelstahlrohlinge, die wiedererhitzt und anschließend geformt werden. Kräne rollen unter den Decken lang und transportieren glühend heiße Bottiche und Behälter voller Stahlschrott. Es ist ein typischer Männerberuf: schmutzig, schwer, laut. Wie kann man Jugendliche dafür begeistern?

Das sei die große Kunst, sagt Personalleiter Pilz. Ein Argument ist das Geld. Das Edelstahlwerk zahlt Tarif. Ein Auszubildender verdient bereits im ersten Lehrjahr monatlich 1 000 Euro plus Zuschläge. Sechs verschiedene Metallberufe werden im Edelstahlwerk ausgebildet. Aber für jeden braucht man auch Köpfchen und nicht nur Muskeln. „Auf den Zeugnissen müssen in Mathe und Physik mindestens Dreien stehen“, sagt Dietmar Pilz. Man sucht also die guten Realschüler. Genau die, auf die auch die Konkurrenz scharf ist. Demzufolge offen ist das Rennen mitunter bis zum Schluss: Im Augenblick sind im Edelstahlwerk noch drei Lehrstellen fürs neue Ausbildungsjahr unbesetzt.

Personalleiter Pilz schiebt dem Mangel an Nachwuchs auch auf die Schulpolitik. „Viele Eltern schicken ihre Kinder lieber ans Gymnasium. Dabei gehen der Wirtschaft aber viele gute Realschüler verloren.“ Und dadurch sinke das Niveau an den Oberschulen. Was das bedeutet, macht sich in der Berufsschulen bemerkbar. Selbst gute Oberschulabgänger hätten dort plötzlich Probleme, schildert Dietmar Pilz. Deshalb hat das Edelstahlwerk für Anfang August und noch vor offiziellen Beginn der Ausbildung einen Schnellkurs eingerichtet. In zwei Wochen werden die neuen Azubis – auf freiwilliger Basis – in Mathe und Physik fit für die Berufsschule gemacht.

Um sich bei den zukünftigen Schulabgängern überhaupt herumzusprechen, setzt das Edelstahlwerk auch auf eine alte Erfindung aus DDR-Zeiten: praktischer Unterricht im Stahlwerk. Vor 1989 hieß das PA oder auch UTP und war reguläres Schulfach. In Kooperation mit der Waldblick-Oberschule verbringen die Schüler mehrere Schultage im Jahr im Edelstahlwerk, wo für sie extra eine Werkstatt eingerichtet wurde. Hier können sie Metall bearbeiten und sich ausprobieren. An manchen Tagen geht es auch in die Produktion, wo sie als Helfer eingesetzt werden. Für das Edelstahlwerk ist das zusätzliche Arbeit, doch es lohnt sich: Jedes Jahr bewerben sich zwei bis drei Waldblick-Schüler um einen Ausbildungsplatz im Stahlwerk. Dort lernt man auch schnell, dass Niob deutlich schwerer als Alu und Stahlschrott ist.

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