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Keine Angst um die deutsche Sprache!

Wir nutzen Immer mehr Fremdwörter, Englisch ist längst Weltumgangssprache. Germanist Karl-Heinz Göttert findet, wir sollten trotzdem entspannt bleiben.

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Quo vadis, Deutschland?
Quo vadis, Deutschland? © dpa

Schmach über jeden Deutschen, der seine heilige Muttersprache schändet!  So wetterte ein preußischer Beamter 1914 gegen all jene, die es wagten, Fremdwörter zu benutzen. Der Beamte hieß Otto Sarrazin und war Vorsitzender des Allgemeinen deutschen Sprachvereins. 

Dieser Verein gab zwischen 1886 und 1943 eine Zeitschrift heraus, die sich aus Liebe zur deutschen Sprache in einen Gesinnungsfanatismus hineinsteigerte, der vom Fremdworthass geradewegs zum Fremdvölkerhass führte. So beschreibt es der emeritierte Kölner Germanistikprofessor Karl-Heinz Göttert, der die Zeitschrift analysierte. Die Sächsische Zeitung sprach mit ihm über die „Sprachreiniger“ von gestern und heute:

Kaufen Sie ein Ticket, ein Billett oder eine Fahrkarte, wenn Sie mit der Bahn reisen, Herr Professor Göttert?

Ich kaufe eine Fahrkarte.

Was haben Sie gegen die anderen beiden Wörter?

Gar nichts. Aber wenn es eine deutsche Alternative gibt, die mir geläufig ist, nehme ich gern diese.

Bis 2009 war Karl-Heinz Göttert Professor für Germanistik an der Uni Köln. Der 76-Jährige hat mehrere Bücher über die deutsche Sprache, über Dialekte und Rhetorik veröffentlicht.
Bis 2009 war Karl-Heinz Göttert Professor für Germanistik an der Uni Köln. Der 76-Jährige hat mehrere Bücher über die deutsche Sprache, über Dialekte und Rhetorik veröffentlicht. © Repro_sz

Sind englische Vokabeln im Deutschen ein „Symptom des US-amerikanischen Kulturimperialismus“, wie der Verein Deutsche Sprache meint?

Das halte ich für Unsinn. In der globalisierten Welt hat das Englisch-Amerikanische nun mal einen wichtigen Platz. Das wird in manchen Gebieten auch gar nicht angezweifelt, etwa bei den elektronischen Medien. Es wäre doch verrückt, wenn jedes Land sein eigenes Vokabular dafür erfinden würde. Da ergeben sich Übernahmen von ganz allein.

So selbstverständlich scheint das nicht zu sein. Gilt nicht Frankreich als viel widerständiger gegenüber fremdsprachigen Einflüssen?

Ich fürchte, dafür gibt es keine konkreten Belege. Die Franzosen haben zwar viele Vereine gebildet, um Anglizismen zu unterdrücken. Aber sie sind damit wenig erfolgreich gewesen. Man kennt das zum Beispiel aus dem Sport. Bei Olympischen Spielen bekamen französische Journalisten Karten ausgehändigt mit zu vermeidenden Anglizismen. Das hat kaum etwas genützt. Ich halte von solchen Vorschriften nichts. Man kann höchstens beratend tätig sein. Und man kann selber Vorbild sein.

Sie kämpfen also für den Erhalt der deutschen Sprache.

Na klar. Aber ich würde es so nicht formulieren. Ich glaube nicht, dass die deutsche Sprache von irgendwem erhalten werden muss. Sie erhält sich von ganz allein durch die Sprecher.

Was aber, wenn die Sprecher in einer Schulklasse mehr in der sogenannten Kanaksprache reden als hochdeutsch?

In solchen Klassen gibt es sicher riesige Probleme. Die Lehrer tun mir leid. Ich erinnere mich aber auch an ein Berliner Gymnasium, das mich eingeladen hatte. In dieser Schule war man stolz auf die Mehrsprachigkeit. Lehrer und Eltern hatten Wege gefunden, um Probleme zu lösen, mit Geduld und entsprechendem Unterricht. Man darf nur nicht in Panik verfallen.

Finden Sie es gut, dass in Ihrer Heimatstadt Köln manche Läden und Restaurants nicht in Deutsch beschriftet sind?

Sie meinen die Keupstraße, wo sich viele türkische und kurdische Geschäfte befinden. Warum sollen sie nicht in ihrer Sprache firmieren, wenn sie vor allem türkische und kurdische Gäste haben? Entweder gehe ich da nicht hin, oder ich frage – und in der Regel bekomme ich Hilfe. Denn sie laden auch gern jeden ein, der ihre Sprache nicht kann.

Sie haben mit Parallelgesellschaften kein Problem?

So etwas gibt es überall in der Welt. London hat ein Chinesenviertel, New York hat eines. In den Großstädten funktioniert das. In Kleinstädten sicher nicht, da gehört es nicht hin. Aber wenn es Einwanderung gibt, muss man damit umgehen, dass die Einwandernden ihre Restaurants haben und ihre Geschäfte.

Wird die Sprachgeschichte der Deutschen in einem mehrsprachigen Deutschland enden?

Sie wird nicht enden, sie wird sich verändern. Wir werden wohl wirklich zweisprachig werden. Ich komme gerade aus China und hätte dort nicht überleben können ohne Englisch. Ich bin sehr froh, dass sich die globalisierte Welt auf das Englische als Weltumgangssprache geeinigt hat. Die deutsche Sprache kommt wunderbar mit Anglizismen zurecht, sie übernimmt welche, schmeißt andere raus, wie das immer in der Geschichte der Sprache der Fall ist. Die meisten Deutschen werden Wörter wie Manager, Sex oder Jeans kaum noch als Fremdwort empfinden.