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Dynamo-Fans schwören sich mit der Mannschaft ein

Mit leuchtenden Fackeln und Gesängen stimmen die Anhänger den Tabellenletzten auf den Abstiegskampf ein. Doch das ging auch schon mal schief.

Von Sven Geisler & Daniel Klein
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Mit bengalischen Fackeln feiern die Dynamo-Fans am Montagabend im Stadion die Mannschaft.
Mit bengalischen Fackeln feiern die Dynamo-Fans am Montagabend im Stadion die Mannschaft. ©  dpa/Robert Michael

Es ist eine ungewöhnliche Aktion. Am Montagabend, kurz nach 18 Uhr, strömen etwa 3.000 Fans in den K-Block des Harbig-Stadions. Auf dem neu verlegten Rasen trainieren die Dynamo-Profis, wer genau hinschaut, kann die mögliche Startelf für das Heimspiel am Mittwoch gegen den Karlsruher SC erkennen: die gleiche wie beim geheimen Test in Stuttgart, der 1:3 verloren wurde.

Doch darum geht es nicht bei dieser für eine halbe Stunde öffentlichen Einheit. Vielmehr soll die Aktion ein Mutmacher sein für den Zweitliga-Tabellenletzten. Sie ist Teil einer Kampagne, die in Plakatform im gesamten Dresdner Stadtgebiet zu sehen ist: „Wir. Zusammen. Jetzt.“ Das Motto hängt auch Gelb auf Schwarz am Zaun. Dynamo demonstriert den Schulterschluss. Bengalische Feuer und Nebeltöpfe werden gezündet, für die Ultras ein Ausdruck ihrer Fankultur.

Die Gesänge hallen durch das sonst leere Stadion, und sie werden noch einmal lauter, als die Mannschaft sich auf den Weg macht. "Olé, olé - oh SGD!" Nach einem Übungsspiel und einigen Torabschlüssen beendet Trainer Markus Kauczinski die Einheit, die Spieler gehen unter dem Jubel und Beifall der Fans in den Block.

Schlechte Stimmung vor der Pause

Trainer Markus Kauczinski verfolgt das Training, im K-Block gegenüber versammeln sich etwa 3.000 Fans.
Trainer Markus Kauczinski verfolgt das Training, im K-Block gegenüber versammeln sich etwa 3.000 Fans. ©  dpa/Robert Michael

Diese Unterstützung sollte selbstverständlich sein in einem Verein, dessen Urkraft laut Leitbild im Zusammenhalt liegt. Doch so einfach ist das nicht. Vielmehr sind die emotionalen Schwankungen extrem. Im Dezember reagierten die Dynamo-Anhänger noch ganz anders. Bei der Auswärtsniederlage in Osnabrück verließen sie Minuten vor dem Abpfiff frustriert und geschlossen den Gästeblock, in Nürnberg beschimpften sie die Spieler nicht nur. „Es wird gespuckt, beleidigt, Becher werden geworfen“, beschrieb Torhüter Kevin Broll die Szenen damals. Neben der sportlichen gab es in der Winterpause eine zweite Baustelle: den Konflikt mit der aktiven Fanszene.

Der wurde ausgeräumt. Kauczinski listet den Punkt auf, als er die Gründe aufzählt, die ihn optimistisch auf die 16 Endspiele blicken lassen. Und er steht weit oben in seiner Liste. „Ich freue mich über den Zusammenschluss mit den Fans, weil ich gemerkt habe, dass die Mannschaft das belastet hat, dass da etwas unausgesprochen war“, erklärte er im Rahmen der Pressekonferenz zwei Tage vor dem Duell gegen seinen Ex-Verein Karlsruhe. „Ich glaube, dass es wichtig ist, wenn man frei in diese Spiele gehen kann.“

Im Trainingslager in Andalusien hatte sich die Mannschaft mit den rund 40 mitgereisten Anhängern zusammengesetzt. Man sei respektvoll miteinander umgegangen und habe Dinge ausgeräumt, fasste Kauczinski das Treffen im Teamhotel zusammen. Es wurde vor allem Klartext geredet. Dies deuten jedenfalls die Details an, die der neue Kapitän Florian Ballas verrät. „Es war enorm wichtig, weil man sich mal von der Seele reden konnte, was uns angekotzt hat und andersrum, was die Fans angekotzt hat.“ Die Mannschaft kritisierte dabei offenbar die Stimmung auf den Rängen. Und bekam von den Fans zu hören, dass ihre Vorstellungen auf dem Rasen „teilweise blutleer“ gewirkt hätten.

Minge spricht von Schulterschluss

Etwa eine halbe Stunde trainieren die Dynamo-Profis öffentlich, danach gehen sie selbst in den K-Block.
Etwa eine halbe Stunde trainieren die Dynamo-Profis öffentlich, danach gehen sie selbst in den K-Block. ©  dpa/Robert Michael

Doch nun ist alles wieder geglättet, Sportdirektor Ralf Minge spricht von einem „Schulterschluss mit der aktiven Fanszene. Wir hätten vor Weihnachten nicht daran gedacht, dass man atmosphärisch gemeinsam noch mal so eine Kampfstimmung erzeugen kann.“

Angesichts der Mammutaufgabe, einen Sieben-Punkte-Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz aufholen zu müssen, ist die Unterstützung von den Rängen extrem wichtig. Zumal Kauczinski am Mittwoch wie auch am Sonntag bei der Auswärtspartie in Heidenheim auf einen wichtigen Spieler verzichten muss. Neuzugang Josef Husbauer fällt mit einem fiebrigen Infekt aus. Sein erst am Sonntag verpflichteter Landsmann Ondrej Petrak könnte ihn zwar im defensiven Mittelfeld vertreten, aber, so Kauczinski, wohl „nicht von Beginn an. Die Zeit ist wirklich knapp.“

Die Plakate, der Fanbesuch beim Training – das alles kann helfen, eine so wichtige Aufbruchstimmung zu erzeugen. Doch es könnte auch dazu beitragen, den ohnehin schon gewaltigen Druck, der auf der Mannschaft lastet, weiter zu erhöhen. Es ist ein schmaler Grat. Vor gut sechs Jahren wurde mit ähnlichen Aktionen eher das Gegenteil erreicht.

Mannschaft vor den Fans, Fans hinter der Mannschaft

Das Gruppenbild zum Abschluss. Die Mannschaft sowie Trainer Markus Kauczinski und Sportdirekor Ralf Minge stellen sich zum Foto vor den Fans auf. Die Botschaft: Wir. Zusammen. Jetzt.
Das Gruppenbild zum Abschluss. Die Mannschaft sowie Trainer Markus Kauczinski und Sportdirekor Ralf Minge stellen sich zum Foto vor den Fans auf. Die Botschaft: Wir. Zusammen. Jetzt. ©  dpa/Robert Michael

Wenige Tage vor dem entscheidenden Duell gegen Arminia Bielefeld hatten sich Fans und Mannschaft bei einem Grillabend getroffen. Am Spieltag selbst fuhr der Mannschaftbus die letzten Kilometer bis zum Stadion durch ein Fanspieler, Bengalos wurden gezündet, Böller explodierten. Sebastian Schuppan saß mit im Bus, Jahre später erinnerte sich der Verteidiger in einem Gespräch mit der Internetplattform Rasenfunk.de an die Situation. „Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte: War das Aufmunterung oder Einschüchterung? Die Stimmung war eigenartig, so wie: Wenn Ihr jetzt verliert, geht hier alles verloren.“

Das Spiel ging tatsächlich mit 2:3 verloren, Dynamo verpasste die Relegation und stieg in die 3. Liga ab. Die Fans entrollten im Stadion eine unmissverständliche wie geschmacklose an die Profis gerichtete Botschaft: „Ihr habt eine Stunde Zeit, die Stadt zu verlassen.“

Ein Endspiel, das betonen Kauczinski wie Ballas, ist das am Mittwochabend nicht. Der Druck sei aber immer da, ein ständiger Begleiter“, sagte der Trainer. „Damit muss man lernen zu leben. Die Frage ist, wie man ihn zulässt.“

Am Montagabend stehen sie fürs Foto eng zusammen: Die Mannschaft vor den Fans – oder eben die Fans hinter der Mannschaft. So, wie es sein sollte.