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So verkürzt falsche Ernährung das Leben

Übergewicht, Fehl- und Mangelernährung: Essen die Deutschen so weiter, ist das nicht nur ihr Privatproblem. Es bringt die alternde Gesellschaft an ihre Grenzen.

Ertappt: Die meisten wissen sehr wohl, dass zu viel Süßes dick macht, können aber den Versuchungen nicht widerstehen.
Ertappt: Die meisten wissen sehr wohl, dass zu viel Süßes dick macht, können aber den Versuchungen nicht widerstehen. © 123.rf

Der Nacktmull ist ein hässliches Tier. Und doch wünschen sich einige, so wie er zu sein – in gewisser Weise. Denn Nacktmulle haben keine messbaren Alterungserscheinungen. Sie sind resistent gegen Schmerzen, Entzündungen und Krebs – und sterben bei bester Gesundheit. „Für den Menschen bleibt das eine Illusion“, sagt Adelheid Kuhlmey. Die Direktorin des Instituts für medizinische Soziologie an der Charité Berlin betreibt seit vielen Jahren Altersforschung. Mit der massiven Zunahme Hochbetagter, sagt sie, kommt ein Problem auf Deutschland zu. Und das hat nichts mit dem kollabierenden Rentensystem zu tun.

Im Grunde ist es eine gute Nachricht, die Kuhlmey auf einer Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Jena verkündet: Die Lebenserwartung wird weiter steigen. Konnte der weltweit älteste Mensch den 122. Geburtstag feiern, hält die Professorin 150-Jährige bald nicht mehr für ausgeschlossen. „Jedes zweite heute geborene Mädchen erreicht das 100. Lebensjahr“, prognostiziert sie.

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Die schlechte Nachricht: Turnen bis zur Urne ist selbst in einer fitnesszentrierten Gesellschaft ein Trugschluss. „Nicht nur die gesunden, sondern auch die Lebensjahre mit Einschränkungen, Krankheiten und Pflegebedarf nehmen zu“, sagt Kuhlmey. Spätestens wenn die 13 Millionen Babyboomer – die 1955 bis 1965 Geborenen – ins Alter kommen, werde das ein ernstes Problem für das Gesundheits- und Sozialsystem. Kuhlmey: „Wir steuern auf eine riesige Versorgungslücke zu.“

Das Bundesinstituts für Berufsbildung schätzt, dass bis 2030 mehr als 270.000 Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen fehlen werden. Kuhlmey fordert deshalb ein radikales Umdenken. „Statt immer mehr Geld für Operationen auszugeben, sollten wir mehr in Prävention und Rehabilitation investieren“, sagt sie. Das heißt, sich nicht nur auf Krankheiten zu konzentrieren, sondern dafür zu sorgen, dass Menschen länger gesund und bis ins hohe Alter selbstständig leben können. 

Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Ernährung zu. „Denn mehrere Studien belegen, dass unsere Lebensdauer nur zu 20 bis 30 Prozent genetisch vorbestimmt ist“, sagt Professor Gerhard Jahreis vom Institut für Ernährungswissenschaften in Jena. „Den Rest machen Ernährung, Lebensstil und Umweltfaktoren aus. Doch während die Ernährung im Kleinkind und Schulalter gut erforscht ist und gefördert wird, wissen wir über die speziellen Bedürfnisse im Alter noch wenig.“ Denn Altern sei mit vielfältigen Veränderungen verbunden – bedingt durch den körperlichen Niedergang.

Doch ab wann ist man heutzutage überhaupt alt? Ratgeber preisen die 60 als die neue 40. 70-Jährige joggen oder jetten noch um die Welt. „Die Biomedizin definiert ,alt‘ als den Zeitpunkt, ab dem die Hälfte des eigenen Geburtsjahrgangs verstorben ist“, sagt Adelheid Kuhlmey. Das sei derzeit etwa bei 82 Jahren. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen spricht ab 65 von jungen Alten, ab 85 von Hochbetagten. Diesen Menschen, fürchten die Wissenschaftler, können vier große Probleme das Leben verleiden – oder es sogar verkürzen.

1. Problem Übergewicht

Viele unterschätzen den Körperumbau im Alter. Die Muskelmasse und der Ruheenergieverbrauch sinken, der Fettanteil steigt. „Ein 70-Jähriger verbrennt etwa 15 bis 20 Prozent weniger als ein 20-Jähriger“, sagt Professor Hans Hauner, Direktor des Zentrums für Ernährungsmedizin der TU München. Insofern müsse er auch weniger Kilokalorien zu sich nehmen. Zudem verteilt sich das Körperfett um und sammelt sich im Bauchraum, was das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs erhöht. „Auch in der Leber, in der Bauspeicheldrüse und sogar im Gehirn konnten wir Fetteinlagerungen nachweisen, die die normalen Funktionen stören“, sagt der Ernährungsmediziner.

Der westliche Lebensstil mit zu viel Fett und Zucker begünstigt Übergewicht und damit schwere Folgeerkrankungen. In Deutschland sind derzeit schon etwa 30 Prozent der 70- bis 80-Jährigen adipös – etwas mehr Frauen als Männer. Das heißt, ihr Body-Mass-Index (BMI) liegt über 30. Berechnet wird er aus Gewicht, geteilt durch Größe in Metern zum Quadrat. „Das Problem steigt im höheren Lebensalter kontinuierlich an“, sagt Hauner. Bereits 100 Kilokalorien pro Tag zu viel genügen auf Dauer.

Das andere Extrem: Fehl- und Mangelernährung. 
Das andere Extrem: Fehl- und Mangelernährung.  © Foto: 123.rf

Landläufig gilt „ein bisschen was zum Zusetzen“ im Alter als gar nicht so schlimm. „Das mag vielleicht nach einer OP zutreffen“, so Hauner. „Generell aber gibt es kein gesundes Übergewicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Beschwerden auftreten.“ Laut einer Studie aus Holland hätten ältere Menschen mit Adipositas ein zweifach höheres Risiko, ins Pflegeheim zu kommen. Denn mit sinkender körperlicher Mobilität steigt die Gebrechlichkeit. Und mit dem Gewicht nimmt auch das Sterberisiko zu. Drei bis vier Prozent der 70- bis 80-jährigen Frauen in Deutschland sind mit einem BMI von über 40 schwer adipös. Das kann bis zu zehn Jahre Lebenszeit kosten.

Bis vor Kurzem hätten Ärzte bei Übergewicht im Alter noch abgewunken: Ihre letzten Jahre sollen die Betroffenen doch noch genießen. Medizinische Leitlinien schließen Operationen wie Magenverkleinerungen für Patienten über 65 Jahre aus. Doch das ändert sich gerade. Hauner spricht von einer Adipositasepidemie: „Die darf nicht länger unterschätzt werden.“

Noch gibt es allerdings nur wenige Studien, die neben dem Nutzen auch das Risiko eines Gewichtsverlusts speziell im Alter untersuchen. „Reduzieren Senioren die Energiezufuhr sehr stark, besteht die Gefahr eines übermäßigen Abbaus von Muskelmasse und damit von Knochenbrüchen“, sagt Hauner. Er empfiehlt eine moderate Änderung des Lebensstils: Maximal 500 Kilokalorien weniger pro Tag, sicherheitshalber kombiniert mit Vitamin D und Calcium. Dazu dreimal wöchentlich je 90 Minuten Kombitraining aus Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und Flexibilität.

Noch kaum beachtet wird, dass viele Medikamente eine Gewichtszunahme fördern können. Hauner: „Hier sollte nach Alternativen innerhalb der Substanzklasse gesucht werden.“

2. Problem Mangelernährung

Ab 75 Jahre aufwärts haben es Ärzte aber auch zunehmend mit dem gegenteiligen Trend zu tun: einem unbeabsichtigten Gewichtsverlust und dem schleichenden Übergang in eine gesundheitsgefährdende Fehl- und Mangelernährung. Ursachen dafür gibt es viele: nachlassender Geschmackssinn und Hunger, chronische Beschwerden, Depressionen, sinkende Selbstständigkeit, Zahnverlust. Fast jeder dritte 65- bis 74-Jährigen muss mit einer Totalprothese klarkommen.

Dr. Carolin Hauck vom Institut für Ernährungspsychologie in Göttingen weiß, dass auch Einsamkeit, Verlust von sozialen Kontakten und Trauer die Motivation zum Essen sinken lassen. „Versuche haben gezeigt, dass Menschen, die alleine essen, bis zu 30 Prozent weniger Kilokalorien aufnehmen als in Gesellschaft“, sagt sie. Angesichts immer mehr allein lebender Rentner könnten mehr regionale Mittagstische schon viel bewirken.

Manchmal sind es aber auch scheinbare Kleinigkeiten, die älteren Menschen die Lust am Essen verleiden. Professor Holger Zellmer von der Hochschule für Technik in Leipzig gehört zu den wenigen in Deutschland, die sich mit seniorengerechten Lebensmittel-Verpackungen beschäftigen. „Zwei Drittel der Generation 65 Plus haben Probleme beim Öffnen“, sagt er, „vor allem von Eingeschweißtem, Tetrapacks, Zugdeckel-Dosen und Getränkeflaschen.“ 

Entweder funktioniere der Öffnungsmechanismus nicht, die Aufreißlasche sei nicht zu finden oder Kraft und Geschick würden nicht mehr ausreichen. Zellmer hat mit dem Fraunhofer-Institut für Verpackungen in Dresden herausgefunden, dass die Kraft der über 60-Jährigen beim Aufreißen etwa der von acht- bis zehnjährigen Kindern entspricht. „Da können die 25 Newton für eine Siegelnaht am Joghurtbecher schon zum Handicap werden“, sagt er. Hinzu komme, dass viele Ältere das Kleingedruckte nicht mehr lesen könnten. Von der Industrie seniorengerechte Produkte zu fordern, ist für Zellmer aber keine Lösung: „Die verkaufen sich nicht, wie Senioren-Handys zeigen.“ Vielmehr brauche Deutschland „barrierefreie“ Verpackungen, von denen alle Verbraucher profitieren.

Altert nicht: der Nacktmull. 
Altert nicht: der Nacktmull.  © Foto: Imago

Noch höher als zu Hause ist das Risiko einer Mangelernährung in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Patienten beziehungsweise Bewohner haben oft keinen Appetit, dürfen oder können nichts essen, sind zu müde oder geistig beeinträchtigt. Dabei benötigen gerade Kranke und Pflegebedürftige mehr Energie und Nährstoffe.

Nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für den noch unveröffentlichten Bundesernährungsbericht sind bis zu 30 Prozent der Patienten in deutschen Kliniken und bis zu 25 Prozent der Pflegeheimbewohner mangelernährt – mit gravierenden Folgen. Laut der Studie verbrachten unterernährte Patienten im Schnitt nicht nur ein bis drei Tage länger im Krankenhaus. Die Sterblichkeit stieg mit schlechter werdendem Ernährungszustand auch deutlich an. Insofern sieht Studienautorin Professor Dorothee Volkert vom Institut für Biomedizin des Alterns in Nürnberg dringenden Handlungsbedarf: Es fehle an ernährungsmedizinisch geschultem Personal. In allen Kliniken müsse ein Screening auf Mangelernährung etabliert werden.

3. Problem Flüssigkeitsmangel

Auch die Gefahr zu dehydrieren nimmt im Alter zu. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für gesunde Menschen ab 65 Jahre etwa zwei Liter Flüssigkeit pro Tag – davon zwei Drittel über Getränke, vorzugsweise Wasser, Schorlen oder Tees. Doch das schaffen viele nicht. Denn das Durstempfinden sinkt. Die Senioren vergessen zu trinken oder vermeiden es bewusst, weil sie inkontinent sind oder nachts nicht raus wollen. „Im Pflegeheim leiden 15 bis 20 Prozent unter einem Flüssigkeitsmangel, im Krankenhaus sogar über 30 Prozent“, sagt Dr. Eva Kiesswetter vom Institut für Biomedizin des Alters. 

Die Folgen seien abnehmende geistige und körperliche Leistungsfähigkeit, Kreislaufprobleme, Nierenversagen. Anzeichen für eine Dehydrierung können plötzliche Verwirrtheit oder trockene Schleimhäute sein. Kiesswetter: „Gewissheit bringt aber nur eine Blutanalyse.“

Zwar lassen sich vor allem Hochbetagte schwer bewegen, mehr zu trinken. Doch die Wissenschaftlerin schlägt ein paar simple Tricks vor: immer ein volles Glas in Sichtweite positionieren, regelmäßig nachschenken, zuprosten, beim Trinken helfen und geeignete Gefäße wählen. Kiesswetter: „Versuche haben gezeigt, dass ältere Menschen im Heim aus bunten Gefäßen mehr trinken als aus durchsichtigen Gläsern oder weißen Tassen.“

4. Problem Demenz

Professor Gunter Eckert vom Institut für Ernährungswissenschaften in Gießen forscht daran, wie sich nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Fitness länger bewahren lässt. Im Gehirn, sagt er, findet kaum eine Regeneration der funktionellen Zellen statt. Die Folge seien Vergesslichkeit, sinkende geistige Fähigkeiten bis hin zu Demenz, vor allem Alzheimer. „Möglicherweise kommen die bisherigen pharmakologischen Maßnahmen hier zu spät“, so Eckert. 

Demenz lasse sich zwar nicht heilen, aber das Risiko senken – durch eine überwiegend pflanzenbetonte, mediterrane Ernährung schon im jüngeren Erwachsenenalter. Die Hoffnung der Wissenschaftler liegt dabei auf den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. „Studien zeigen, dass Nahrungsinhaltsstoffe wie Antioxidantien ihre Funktion verbessern und geistige Fähigkeiten länger aufrechterhalten können“, sagt Eckert. 

Unter „mediterraner Diät“ versteht er allerdings nicht den Besuch beim Italiener um die Ecke, sondern: weniger rotes Fleisch, tierische Fette und Süßigkeiten, ein moderater Verzehr von Milchprodukten, weißem Fleisch, Eiern und ab und an auch von Rotwein sowie ein hoher Konsum von fettem Seefisch, Olivenöl, Nüssen, Gemüse und Früchten. Dazu Bewegung, kognitives Training und regelmäßige Kontrolle der Herz-Kreislauf-Gesundheit.

Fazit

Wer länger jung und fit bleiben will, muss früher damit anfangen, ausgewogen und abwechslungsreich zu essen. Die Deutschen lassen sich eine gesündere Ernährung allerdings nur ungern vorschreiben, wie der Widerstand gegen einen Veggietag in Kantinen gezeigt hat. Doch angesichts steigender Kosten für die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten im Alter kann das Thema nicht mehr nur Privatsache sein. Es bedarf mehr gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, mehr Ernährungsbildung, mehr Geld für die Vorsorge. Thüringen zum Beispiel denkt über eine staatlich geförderte Vernetzungsstelle für die Ernährung im Alter nach. „In Sachsen ist das aktuell nicht geplant“, sagt Manja Kelch, Sprecherin des Sozialministeriums.

Zudem braucht es mehr positive Lebenseinstellung. „Studien mit 100-Jährigen zeigen, dass es sich in der Regel um optimistische, zufriedene Menschen handelt, die ihr Leben in der Balance zwischen Arbeit und Freizeit geführt haben“, sagt Soziologin Adelheid Kuhlmey. Mit den Babyboomern komme jetzt eine wohlstandsbehütete Generation ins Alter, über die man leider sehr wenig wisse.

Auch das Geheimnis des Nacktmulls ist noch nicht gelüftet. Das kleine Tier nimmt seine ausgeschiedene Nahrung ein zweites Mal auf, um sie effizienter zu verwerten. Abwegig für Menschen, die wie der Nacktmull sein möchten: jung bis ins Alter.


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  • Iss nur, wenn Du hungrig bist und hör auf, sobald Du satt bist.
  • Ernähre Dich ballaststoffreich mit viel Obst, Gemüse und Vollkorn.
  • Bevorzuge unverarbeitete Lebensmittel.
  • Wähle gesunde Fettquellen wie Nüsse, pflanzliche Öle und Fisch.
  • Iss mehr pflanzliche und weniger tierische Lebensmittel.
  • Bewege Dich ausreichend.
  • Nimm Dir bewusst Zeit zum Entspannen.
  • Pflege Deine sozialen Beziehungen.
  • Rauche nicht und beschränke Deinen Alkoholkonsum auf ein Minimum.
  • Gib Deinem Leben Sinn.

Quelle: Suse Friedrich, Alexander Halbauer, Chiara Seiler, Studenten am Institut für Ernährungswissenschaften Jena

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