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„So viele Uhren habe ich nie wieder verkauft“

Für Rainer Kammbach tickte die Zeit nach dem D-Mark-Start in neuem Rhythmus. Aber nicht immer anders.

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Von Anja Beutler

Rainer Kammbach hatte keine Zeit, um sich an die neue Zeit zu gewöhnen. Oder an das neue Geld, das Westgeld. Das alles kam einfach über ihn. Der Löbauer Uhrmachermeister erinnert sich noch gut an die Tage im Juli 1990, an denen sich in seinem Geschäft vieles verändert hat: „Die Vertreter der Uhrenfirmen haben sich bei uns die Klinke in die Hand gegeben“, schildert er. Meist wollten sie hochpreisige Uhren loswerden, doch Kammbach war vorsichtig genug, sagt er heute.

Das Löbauer Geschäft in der Inneren Zittauer Straße war all die Jahre privat geblieben. Hier kauften die Löbauer Armbanduhren von Ruhla für den kleinen und von Glashütte für den größeren Geldbeutel. Im Angebot hatte Kammbach auch Weimarer Großuhren und Importe aus der Sowjetunion. Allerdings immer nur in knappen Kontingenten und niemals ausreichend: „Es gab 36 verschiedene Armbanduhren, davon waren vier da, der Rest war mit Glück höchstens unterm Ladentisch zu kriegen“, beschreibt der heute 67-Jährige.

Genau das änderte sich nun aber schlagartig: Uhren, vor allem auch qualitativ gute Uhren, waren plötzlich keine Bückware mehr. Und sie gingen gerade am Anfang der 90er Jahre auch noch oft über den Ladentisch: „Das Geld war bei den Leuten noch da“, erinnert sich Rainer Kammbach. Verkauft wurden durchaus viele edle Uhren und auch Echtgold-Uhren im Damen- und Herrensortiment. „Ich glaube, so viele Uhren wie damals habe ich nie verkauft“, sagt der Uhrmachermeister.

Um bekannte Marken ging es den Kunden nach der Wende übrigens nicht – anders als bei Autos, Fernsehern oder auch Jeans. Die Kunden ließen sich gern beraten. Der Trend, dass man sich auch eine Uhr einfach aus modischen Gründen kauft oder sich auch einfach nur mit billigen Zeitmessern begnügt, der sei erst viel später aufgekommen, sagt Kammbach. In der ersten Zeit sei es den Kunden vor allem um Qualität gegangen. Sie haben etwas auf- oder eben nachgeholt: „Zu DDR-Zeiten hat man zur Jugendweihe oder Konfirmation die Uhr fürs Leben bekommen“, erinnert sich Kammbach. Und wenn die dann mal kaputt ging, musste sie eben immer wieder repariert werden.

Uhren wieder in Gang gebracht haben Kammbach und seine Kollegen auch nach der Wende. Natürlich ist die Nachfrage zurückgegangen. Aber Stammkunden oder Uhrenbesitzer, die an ihrem guten Stück hängen, gibt es nach wie vor. Dabei können die Uhrmacher heute viel mehr für alte Uhren tun: „Wenn eine Uhr einen Totalschaden am Uhrwerk hat, konnten wir das zu DDR-Zeiten mitunter nicht ersetzen“, erklärt Rainer Kammbach die Problematik. Das war danach einfacher.

Mit Ersatzteilen – auch für DDR-Uhren – kennt sich auch sein Zittauer Kollege Gunnar Maßlich aus. Er war von 1978 bis 1990 auf der Zittauer Uhreninsel beschäftigt. Dort hatte die DDR eine Uhrenwerkstatt eingerichtet, den VEB Dienstleistungsbetrieb Zittau. Hier wurde nur repariert – und gar nicht neu verkauft. Von überall her kamen die Uhren zur Reparatur, erinnert sich Maßlich, der sich 1990 mit seinem Kollegen Hartmut Jung dann aus dem alten Betrieb heraus selbstständig gemacht hat.

Beide Uhrenexperten erinnern sich an die Tage der Währungs-Umstellung durchaus als eine Zeit ohne Zeit: „Wir mussten uns schnell umstellen, die D-Mark war dann halt in der Kasse“, sagt Maßlich und zuckt ein bisschen mit den Schultern. Als historischen Moment haben weder der Löbauer noch der Zittauer diese Veränderungen wahrgenommen: Ware und Kunden waren da – Händler und Handwerker hatten gut zu tun und wenig Zeit für anderes.

Was am neuen Geld und der Marktwirtschaft abseits des Ladentisches noch „dranhing“, habe man nebenbei eben auch erledigt: Die Sache mit der Mehrwertsteuer hat das Steuerbüro eingerichtet – all die neuen Vorschriften haben sich Stück für Stück eingespielt.

Manches jedoch blieb gleich: „Die Technik – auch die Quarztechnik – kannten wir, das mussten wir nicht neu lernen“, betont Kammbach. Auch der Umgang mit den Kunden haben sich nicht mit der Wende nicht ändern müssen – als Privatgeschäft hat Kammbach darauf immer Wert gelegt. Und das Geschäft gibt es jetzt immerhin schon seit 114 Jahren.