merken
PLUS Feuilleton

So war die Konzertsaison in Sachsen

Abschiede und Rückkehrer, ungehörte Farben und trotziger Mut – es klang facettenreich. Die SZ-Musikkritiker ziehen Bilanz der Spielzeit 2018/19.

Wie Musik entsteht – das dokumentiert ein spektakulärer Bildband: Der preisgekrönte Fotograf Lois Lammerhuber durfte das bei Proben vom Dresdner Staatskapellen-Chef Christian Thielemann.
Wie Musik entsteht – das dokumentiert ein spektakulärer Bildband: Der preisgekrönte Fotograf Lois Lammerhuber durfte das bei Proben vom Dresdner Staatskapellen-Chef Christian Thielemann. © Lois Lammerhuber / Edition Lammerhuber

Das Lächeln der Pianistin

Überragende Solisten, starke Dirigenten, leere Plätze: Jens-Uwe Sommerschuh zieht Bilanz

Am Ende dieser spannungsreichen Spielzeit stand der emotionale Abschied von Chefdirigent Michael Sanderling, der nach einer weiteren überragenden Saison die Dresdner Philharmonie verlassen hat und von Altmeister Marek Janowski beerbt wird, der dieses Orchester bekanntermaßen schon einmal leitete. 

Klinik Bavaria Kreischa
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Sanderling hielt das Niveau hoch, von Schostakowitschs Neunter im Oktober bis zur Alpensinfonie von Strauss im Juni, und er stand auch am Pult, als der grandiose „Artist in Residence“ Christian Tetzlaff das Publikum mit Beethovens Violinkonzert unwiderstehlich in den Bann zog. 

Der Rückkehrer Marek Janowski, der vorab gastierte, wusste ebenfalls mit Strauss zu gefallen, dessen „Sinfonia domestica“ er im Herbst darbot, und er setzte einen besonderen Farbtupfer mit den „Nuits d’été“ des Franzosen Berlioz, sechs Liedern, bei denen, von der Philharmonie kongenial begleitet, die russische Mezzosopranistin Marina Prudenskaya brillierte. 

Als Gast überzeugte auch der gebürtige Texaner Robert Trevino, der im Oktober bei „Pelleas et Mélisande“ Schönbergs mäandernde Klangströme fließen und strudeln ließ, dass das Publikum den Atem anhielt.

Ähnliches geschah auch im Juni in der Semperoper, als die Staatskapelle unter dem Dirigat des Kolumbianers Andrés Orozco Estrada die grandiose Pianistin Anna Vinnitskaya bei Prokofjews Klavierkonzert Nr. 2 begleitete.

Die 35-jährige Russin vereinte technische Brillanz mit atemberaubender Spielfreude, sie legte, auswendig, eines der schwierigsten Werke der Klavierliteratur mit einem Lächeln hin, als würde sie Blumen pflücken, das war der solistische Höhepunkt einer auch für die Sächsische Staatskapelle großartigen Saison.

Geprägt wurde sie von spektakulären Abenden mit Chef Christian Thielemann am Pult, der Anfang des Jahres unter anderem Bruckners Zweite und Schuberts große C-Dur-Sinfonie dirigierte. Ein besonderes Erlebnis war auch Mendelssohns Violinkonzert, bei dem Thielemann und „Capell-Virtuos“ Frank Peter Zimmermann exzellent harmonierten. Ein Teil dieses Programms war dann auch bei den Opernfestspielen in Salzburg zu erleben, wo die Kapelle ihr sehr gutes Standing untermauerte.

Großartige Musikfestspiele

Das Gastdirigat von Vladimir Jurowski, der einen Abend rund um Shakespeares „Sommernachtstraum“ strickte, hatte ebenfalls seinen Reiz – hier allerdings überzeugten die eingestreuten Textbeiträge der exaltiert agierenden, stimmlich indisponierten Aktrice Isabell Karajan weniger, was dem Wirken der Musik aber keinen Abbruch tat.

Einen äußerst starken Jahrgang steuerten die Dresdner Musikfestspiele zum Konzertgeschehen bei, wobei einmal mehr Valery Gergiev mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters zu gefallen wusste, diesmal mit zwei ekstatischen Werken von Skrjabin und Tschaikowskis Vierter.

Dirigent Valery Gergiev und sein  Orchester im Dresdner Kulturpalast.
Dirigent Valery Gergiev und sein Orchester im Dresdner Kulturpalast. © Oliver Killig

Ein geradezu überwältigendes Erlebnis war die Interpretation der „Symphony fantastique“ durch das Dresdner Festspielorchester, das an diesem denkwürdigen Abend vom Griechen Constantinos Carydis geleitet wurde: ein gigantisches Plädoyer für die historische Aufführungspraxis auch im romantischen Repertoire.

Schatten lagen über der hochkarätig besetzten Klavierreihe „Dresden-Musik“ der Agentur Alegria: Selbst bei Stars wie Daniel Barenboim, Khatia Buniatishvili und Grigory Sokolov, die durchweg faszinierten, blieben viele Plätze im Kulturpalast frei. Zu teuer? Zu wenig Werbung? Zu viele Angebote? Tolle Abende waren das dennoch.

Klang der Gegenwart

Packendes, Mitreißendes, Befreiendes – auch jenseits der Zentren: So sieht Karsten Blüthgen die Saison

Alle Jahre wieder – nicht nur zu Weihnachten. Kritiker dürfen dieses Lied jede Saison singen, dürfen eine Fülle an Konzerten innerlich nachhören, um Herausragendes zu finden. Und den Maßstab dafür. Ragt zu viel heraus, gibt es am Ende keine Höhepunkte und keinen Überblick mehr. Andererseits wirkt ein strenges Urteil schnell anmaßend. Was tun? Eine schöne Bescherung ist das.

Sehr viel Packendes, Mitreißendes, auch Befreiendes hatten die Konzerte der letzten Spielzeit zu bieten, erfreulicherweise und stetig auch abseits der Dresdner Zentren Kulturpalast und Semperoper. Ewa Strusinska, neue Generalmusikdirektorin an der Neiße, erweist sich als Glücksfall, um künstlerische Arbeit unter stark begrenzenden wirtschaftlichen und strukturellen Bedingungen sichtbar zu machen. 

Die neue Generalmusikdirektorin am Theater Görlitz-Zittau, Ewa Strusinska, erweist sich als Glücksfall.
Die neue Generalmusikdirektorin am Theater Görlitz-Zittau, Ewa Strusinska, erweist sich als Glücksfall. © Wolfgang Wittchen

Die Polin führte die Neue Lausitzer Philharmonie mit Schwung und Pfiff durch Programme, die geografisch und stilistisch breit aufgefächert waren, die das Publikum forderten, sich Unbekanntem zu öffnen – mit Erfolg. Es strömte in Görlitz, Zittau und Bautzen geradezu in die Säle, ließ sich begeistern von motorisch treibender Musik von Grazyna Bacewicz und hinabziehen in die Düsternis von Dvoráks Siebenter.

Die Elbland Philharmonie Sachsen musizierte die Neunte des Tschechen „Aus der neuen Welt“ aufgefrischt, nicht ohne daneben in weit neuere Welten vorzudringen, kundig und unbeirrbar geführt von Chefdirigent Ekkehard Klemm, der seine ambitionierte, zugleich etwas trotzige Serie „composers in region“ fortschreibt.

Während andere, finanziell besser ausgestattete Institutionen Komponisten von weit her einfliegen lassen, setzt Klemm auf das eher ungehörte Mitteldeutschland. Im März spielte sein Orchester erstmals beim „Tonlagen“-Festival in Hellerau, nachdem Klemm den Dresdner Wilfried Krätzschmar ermuntert hatte, nach 34 Jahren sein sinfonisches Schweigen zu brechen.

Die Staatskapelle glänzte nicht nur mit Kernrepertoire und unter dem Dirigat Christian Thielemanns und seiner Maestro-Kollegen. Orchestermitglieder profilieren unter dem Label „kapelle 21“ wachsende Lust am Klang der Gegenwart. Erst jüngst beim Aufführungsabend debütierte zudem die junge Litauerin Giedre Slekyte, ließ bei Bizet mediterranes Flair von einer baltischen Brise umwehen.

Auch die Chorszene begeisterte

Gäste kamen und brillierten in der Landeshauptstadt. In der Frauenkirche verzauberte die Filharmonia Wroclawska bei Rimski-Korsakows „Scheherazade“. Im Kulturpalast empfing die Dresdner Philharmonie Martin Helmchen für Brahms’ erstes Klavierkonzert. Der scheidende Chef Michael Sanderling leitete eine fesselnde, tief lotende Interpretation mit Musizierpartnern auf Augenhöhe.

Unerreicht blieb für mich eines der Palastkonzerte der Dresdner Musikfestspiele: Im Oktober sang Barbara Hannigan, begleitet von den Bamberger Symphonikern, den jungen Liederzyklus „Let me tell you“ des Dänen Hans Abrahamsen auf Worte Shakespeares. Eine existenzielle Erfahrung.

Weiterführende Artikel

So war die Tanzsaison in Sachsen

So war die Tanzsaison in Sachsen

Krimis und Kraftpakete an der Semperoper, viele Produktionen für junges Publikum sachsenweit: Die SZ-Kritiker ziehen Bilanz der Spielzeit 2018/19.

So war die Theatersaison in Sachsen

So war die Theatersaison in Sachsen

Regietheater für Sechsjährige, ungewöhnliche Talente und endlich wieder mehr Politik auf den Bühnen: Die SZ-Kritiker ziehen Bilanz für 2018/19.

Begeisterndes bot die Dresdner Chorszene, Hoffnungsvolles die vielen Initiativen für den Nachwuchs und für Bereicherung in Regionen, die von Austrocknung bedroht sind. Nach dem Start im vergangenen Jahr wird „Kommen und Gehen“ im Spätsommer die zweite Runde wagen. Das „Sechsstädtebundfestival“ ist ein neuer kultureller Impuls in der Oberlausitz, bietet Veranstaltungen zwischen Kamenz und Luban. Mehr Angebote wie diese braucht es, damit aus Kommen und Gehen ein Bleiben wird.

Mehr zum Thema Feuilleton