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So weit die Füße tragen und wollen

Zwei Weißwasseraner laufen den Honolulu-Marathon – und träumen vom 42,195-km-Wettkampf in ihrer Heimatstadt.

Uli Hayne (links) und Bodo Raschke (rechts) in Honolulu mit ihren originalen Startnummern vor einem Plakat mit der offiziellen Streckenführung.
Uli Hayne (links) und Bodo Raschke (rechts) in Honolulu mit ihren originalen Startnummern vor einem Plakat mit der offiziellen Streckenführung. © Foto: privat

Von Steffen Bistrosch

Weißwasser/Honolulu. Bodo Raschke und Uli Hayne blicken auf Pokale, Medaillen, Urkunden und Plakate auf Regalen und an der Wand: Berlin, Paris, Rom, Wien, New York, Tokio, Sydney, Athen, Jerusalem, Bombay, Havanna, London, Reykjavik, Vancouver und Dutzende andere Städtenamen mehr sind da zu lesen. Orte der Erinnerung für Bodo. Der Achtundsechzigjährige ist dort „gelaufen“, wie er es selbst nennt. Viel, weit, ziemlich schnell. Halbmarathon, Marathon, Ultramarathon. Er tut das für sich selbst – und das seit Jahrzehnten. Früher lief er auch mal einhundert Kilometer am Stück.

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Sportgeräte, ein Hometrainer in einer anderen Ecke des Raumes. Darüber ein weißer und ein gelber Helm. Auf einem steht „VEAG“, auf dem anderen „Vattenfall“. Daneben Bilder und Broschüren, auf denen ein Kraftwerk zu erkennen ist: Boxberg. Bodo hat sein ganzes Berufsleben dort verbracht. Nebenbei ist er „gelaufen“. Hunderte, Tausende Kilometer gerannt. Bodo meint, irgendwie sei er schon immer „gelaufen“. In der Schule, auf der Penne, bei der Armee, beim Studium in Zittau. So „richtig los“ ging es, als er im Kraftwerk arbeitete. Sein Schichtleiter hat ihn mal „zur Entspannung“ mitgenommen – und dann hat ihn das Laufen nie mehr losgelassen.

Früh raus, spät daheim

Seit einiger Zeit begleitet ihn Uli. Beide kennen sich aus der Weißwasseraner Laufgruppe, die ihren Ursprung vor langer Zeit bei der TSG Kraftwerk Boxberg hatte. Uli erläuft sich „Bestätigung durch Leistung“. Seit der Schulzeit. Er hat zwischendurch dieses oder jenes probiert: Radsport, Boxen zum Beispiel. Als Schüler ist er viel unten am Käseteich gelaufen, erinnert er sich. Im direkten Vergleich mit anderen war er ganz gut darin. Bei Kreisspartakiaden, bei der Armee hatte er schon den Drang, vorne zu sein. „Du musst es wollen“, sagt er leise. Am liebsten läuft er jeden Tag. Zehn Kilometer sind kein Problem für den Körper. Die Zeit ist da eher das Problem – für die Familie und angesichts des Hauses mit Grundstück. Obgleich früh um drei der Wecker klingelt, ist vor 18 oder 19 Uhr selten Schluss in seinem Job als Tischler. Er muss Zeit für den Sport, für die weiten Reisen, rausarbeiten.

Rennsteiglauf als Ur-Erlebnis

Auch Bodo kennt die Schwierigkeiten, alles unter einen Hut zu bringen. Es sind nicht nur ein paar Läufchen. Vor gut fünfunddreißig Jahren, ein halbes Jahr, nach der ersten „Entspannungsrunde“ startete Bodo bereits beim Rennsteiglauf. Startplätze für dieses Mega-Ereignis in der DDR waren rar. Die für den kürzeren Marathon vergab die SED-Kreisleitung. Keine Chance für ihn. Also wählte er den „großen Kanten, 72 Kilometer Supermarathon. Bodos Augen glänzen noch heute, wenn er von damals erzählt. Freudestrahlend sei er ins Ziel gekommen, mit Tränen in den Augen. Die schmerzenden Muskeln habe er nicht gespürt. Zuhause habe er den Eltern fast so lange von dem Lauf erzählt, wie der Lauf dauerte. Am 26. Mai 1984 sei das gewesen, 7:55 h habe er gebraucht. „Hier“, sagt er und zieht ein Büchlein aus der Schublade. Alle Läufe sind darin dokumentiert, jeder Trainingskilometer. „Einmal um die Erde“ will Bodo symbolisch rennen. Zu den 40.075,017 Kilometern, die es dazu rechnerisch exakt braucht, fehle nicht mehr viel.

Uli hingegen zählt die Kilometer nicht. Wozu auch? Beim Laufen findet er Erfüllung und erdenke Lösungen, manchmal „badet“ er im Wald. Er will im Einklang mit der Natur sein: „Ich bin so.“ Beim Laufen treffen sie Gleichgesinnte. Es gibt nie Streit. Hier nicht, auch nicht in Ost, West, Nord oder Süd. Ihre Frauen und die Familie stehen bei beiden Sportlern immer hinter den Laufprojekten. Anders funktioniere es nicht. Uli profitiert von der Erfahrung seines älteren Partners. „Bodo managt alles.“

Auch den Hawaii-Marathon 2019. Schon 2018 begannen die Planungen: Wer aus der Weißwasseraner Laufgruppe hat Interesse? Und vor allem: Zeit? Der Aufwand ist enorm. Und die Umsetzung nicht billig. Den Jahresurlaub der Familie opfern – nicht logisch. So mal eben nach Honolulu fliegen: Anspruchsvoll. Doch es gelang, alle Schwierigkeiten zu überwinden und ein weiteres Glanzlicht zu schaffen.

Zurück nach; nein: von Hawaii

Bodo und Uli sind vom Honolulu- sprich: Hawaii-Marathon 2019 zurückgekehrt. 30.000 Teilnehmer zählte diese Laufveranstaltung; mittlerweile wohl New York, London oder Boston (der Mutterveranstaltung aller Marathons) ebenbürtig. Auch in Hawaii gab es die Massen von Schaulustigen und Unterstützern an den Straßenrändern, Musik, Livebands, Verpflegungsstände. Früh um fünf: Start in fast vollkommener Dunkelheit. Mittags herrschen über dreißig Grad Celsius, neunzig Prozent Luftfeuchte, dazu kommt ein anspruchsvolles Streckenprofil. In der ersten Gruppe starten die Kenianer. Die sind immer vorn, bis zum Schluss. Bodo und Uli starten weiter hinten. „Nach einhundert Metern bist du klatschnass“, sagt Uli. Adrenalin pur.

Und die Angst, es nicht zu schaffen. Uli hatte im Vorfeld muskuläre Probleme. Aber ein Aufgeben gibt’s nicht. Die Muskeln müssen locker bleiben, Stürze vermieden werden. Der innere Schweinehund lauert immer auf seine Chance. Die beiden sind die 42,195 Kilometer dann gemeinsam gelaufen. Kurz vor Schluss, am Strand von Waikiki in Honolulu, scherzte Bodo, die Reststrecke vergleichend: „Jetzt noch einmal Trebendorf und zurück“. Die beiden kommen ins Ziel. Tumult, Glücksgefühle, Männer können weinen, Fotos für die Ewigkeit, Mädchen hängen ihnen die riesige Medaille, Blumengirlanden und Muschelketten um die Schultern. Ein Plakat nehmen sie später noch mit. Vom Klo ... Das hängt jetzt in Weißwasser. Uli geht anschließend im Pazifik statt im Wald baden. Bodo geht ins Hotel. Am Abend wird das Gelingen, versteht sich, gefeiert.

Nur manchmal ...

Der Nachhauseweg führt über San Francisco. Bodo zeigt Uli die Stadt. Er ist hier ja schon mal Marathon gerannt. Die Welt ist ein Dorf. Es gibt Pläne für 2020. Und es gibt da diesen Traum: Marathon in Weißwasser! Was spricht dagegen? So einiges. Und dafür? So einiges. Seinen hundertsten Marathon wird Bodo in Rio de Janeiro laufen. 2021; da wird er siebzig. Das steht fest.

Vielleicht kommt Uli wieder mit. Er ist da erst sechsundfünfzig. „Junger Hüpfer“, sagt Bodo. Beide grinsen. Sie schätzen aneinander die absolute Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und den Humor. Sie empfinden Freude am Leben, nur manchmal wollen sie ein paar Tage jünger sein. Dem Alter kann niemand davonlaufen. Aber auch im Alter kann es gut laufen. Überall.

Uli Hayne (re) hatte das Büchlein, in dem Bodo Raschke (li) seine gesamten Wettkampf- und Trainingskilometer aufzeichnet, noch nie gesehen. Staunend nimmt er die detaillierte Buchführung zur Kenntnis. „Einmal um den Erdball rennen“, lautet das ebenso ehrg
Uli Hayne (re) hatte das Büchlein, in dem Bodo Raschke (li) seine gesamten Wettkampf- und Trainingskilometer aufzeichnet, noch nie gesehen. Staunend nimmt er die detaillierte Buchführung zur Kenntnis. „Einmal um den Erdball rennen“, lautet das ebenso ehrg © Foto: Steffen Bistrosch

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