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So werden Angehörige fit für die Pflege

Immer mehr Sachsen pflegen ihre Liebsten zu Hause. In Kursen lernen sie, wie das leichter geht. Ein Selbsttest.

Redakteurin Gabriele Fleischer lernt in einem Pflegekurs der Johanniter Handgriffe, mit denen sie eine Pflegebedürftige leichter im Bett drehen kann – hier eine Kursteilnehmerin.
Redakteurin Gabriele Fleischer lernt in einem Pflegekurs der Johanniter Handgriffe, mit denen sie eine Pflegebedürftige leichter im Bett drehen kann – hier eine Kursteilnehmerin. © Jürgen Lösel

Mein Vater ist im Pflegeheim, und auch meiner Mutter geht es nicht immer gut. Oft überlege ich, wie ich meine Eltern unterstützen kann. Wie helfe ich Vater, aus dem Rollstuhl aufzustehen? Wie animiere ich Mutter zum Essen? Spezielle Pflegekurse für Angehörige wollen mehr Sicherheit geben. Und so melde ich mich bei einem Kurs der Johanniter in Dresden an – sechs Abende mit jeweils drei Stunden. Die Pflegekassen übernehmen die Kosten.

Die Zahl der zu Pflegenden in Sachsen, die ausschließlich durch Angehörige versorgt werden, steigt stetig. Waren es 2009 noch etwa 51.000, wurden 2017 schon knapp 93.500 daheim betreut. Denn oft reichen die Kapazitäten von Heimen und ambulanten Pflegediensten nicht aus. Mit der Coronakrise hat sich die Situation in der häuslichen Pflege weiter verschlechtert. Denn die Unterstützung durch Tagespflege, ambulante Pflegedienste und osteuropäische Pflegekräfte fehlt.

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Kursleiterin Charlotte Schröder konfrontiert die Teilnehmer gleich mit schwierigen Fragen: Was bedeuten Gesundheit und Krankheit für einen selbst? Freude am Leben haben, den Alltag meistern, sportlich unterwegs sein, mit Freude den Beruf ausüben. Doch Pflegebedürftige sind sehr eingeschränkt, können vieles davon nicht mehr. Konflikte bei der Pflege bleiben da nicht aus.

Zuhören, ausreden lassen

„Wie vermeiden Sie Konflikte bei Gesprächen?“, fragt Charlotte Schröder. „Ich muss zuhören, ausreden lassen, Geduld haben und die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen ernst nehmen“, sage ich. Die Kursleiterin nickt. Dabei weiß ich, wie schwierig es ist, wenn Fragen dreimal gestellt und Antworten immer wieder vergessen werden. Damit Hektik und Stress nicht erst aufkommen, sollten Pflegende für ausreichend Schlaf und einen Ausgleich sorgen, sagt Schröder. Gar nicht so einfach, wenn Angehörige rund um die Uhr pflegen.

Dann geht es im Kurs ans Praktische. Wie bewege ich den Pflegebedürftigen im Bett ans Kopfende? „Zunächst müssen Sie das Pflegebett in Hüfthöhe bringen, damit es für Sie rückenschonend ist“, sagt Sonngard Seidelmann, Dozentin für Altenpflege. Sie erklärt, wie die Lagerung im Bett auch für den zu Pflegenden leichter wird. Seidelmann stellt dafür Griffe der Kinästhetik vor – ein Konzept, mit dem die Bewegung des zu Pflegenden schonend unterstützt und der Pflegebedürftige selbst motiviert wird. Meine erste Aufgabe: eine Testperson aus der Gruppe von der Bettmitte ans Kopfende lagern. Ich bringe das Kopfteil in die Waagerechte, lege Decken und Kissen beiseite. Die Dozentin führt meine Hand, mit der ich zunächst den mir gegenüberliegenden Arm der zu Pflegenden auf ihre Brust lege. Dann stelle ich das Bein auf der gleichen Seite an, fasse mit einer Hand oberhalb des Knies auf den Oberschenkel und mit der anderen flachen Hand auf den Fußspann. Nun gebe ich Druck Richtung Fuß. Die andere Hand dreht den Oberkörper seitlich. Jetzt bewege ich mich mit der Bettlägrigen Richtung Kopfende. Dann kommt die andere Seite dran. Es ist nicht so einfach, alle Griffe zu behalten.

Schließlich stelle ich das Kopfteil des Pflegebettes senkrecht, lege auf Hinweis von Seidelmann zwei Handtücher an die Wirbelsäule, um das senkrechte Sitzen zu unterstützen. Anschließend schiebe ich noch ein zusammengefaltetes Handtuch unter den Kopf. So sitzt die Pflegebedürftige bequem, kann gut essen, ohne sich zu verschlucken. Die Testperson ist zufrieden. „Diese Haltung ist angenehmer, weil die Speiseröhre nicht zusammengedrückt wird und der Patient so mehr Appetit hat“, sagt die Dozentin. Dann zeigt sie noch das Umsetzen vom Rollstuhl aufs Bett. Auch hier sind es drehende und gewichtsverlagernde Bewegungen, die es Pfleger und Pflegeperson leichter machen.

Körperpflege kostet Überwindung

Weiter geht es mit Ernährung und Körperpflege. Was kann, was will der zu Pflegende? Was traut sich der Pflegende zu? „Hat der Pflegebedürftige keinen Appetit, helfen kleine Tricks“, sagt Schröder. Anreger wie ein Glas Wein oder Saft zum Beispiel. Alkohol mag meine Mutter gar nicht. Aber warum nicht mal ein besonderer Saft oder ein Kompott?

Für Carina Frey, die den Ratgeber „Pflege zu Hause“ geschrieben hat, heißt das aber auch, appetitlich zubereitete, gegebenenfalls klein geschnittene Speisen, Gabeln und Messer mit dickerem Griff und standfestes Geschirr. Schlecht sitzende Prothesen, Druckstellen oder Krankheiten im Mundraum könnten Ursache für Schwierigkeiten beim Essen sein, Schluckprobleme dagegen Folge neurologischer Erkrankungen. Mithilfe des Arztes und durch Therapien ließe sich das in der Regel beheben, so Frey. Immer wieder muss auf ausreichendes Trinken geachtet werden.

Bei der Diskussion im Seminarraum wird klar, dass für viele Angehörige die Körperpflege am meisten Überwindung kostet. Dabei könnten sie sich Hilfe bei ambulanten Pflegediensten holen, sagt Charlotte Schröder. Was zu tun ist, sollte aber jedem klar sein: Von vorn nach hinten, von oben nach unten waschen und die richtige Wasser- und Raumtemperatur finden. Denn Ältere frieren schneller. Der Pflegebedürftige muss die Möglichkeit haben, sich zu setzen und festzuhalten. Danach darf die Hautpflege nicht vergessen werden. „Wichtig ist es, trockene Haut mit Panthenol und Harnstoff oder auch Kokosfett zu versorgen, am besten tupfend“, sagt Schröder. Besondere Pflege sei bei künstlichem Darm- und Blasenausgang nötig, weil Katheter zu Druckstellen führen. Bettlägrige leiden zudem oft unter Druckgeschwüren (Dekubitus) vor allem im Rücken- und Gesäßbereich, die sehr schmerzhaft sind. Regelmäßiges Umlagern, Bewegung und Pflege können hier lindern helfen.

Verband fordert Lohnersatz für pflegende Angehörige

Je mehr Aufgaben dazukommen, umso mehr Respekt habe ich vor allen, die zu Hause pflegen. Laut VdK Deutschland, hat Journalistin Ruth Schneeberger für ihr Buch „Mama, du bleibst bei mir“ recherchiert, würden Angehörige in Deutschland die Arbeit von 3,2 Millionen Vollzeitpflegekräften leisten und dem Staat 100 Milliarden Euro Lohnkosten im Jahr sparen. Ihre Unterstützung ist aber gering. Sie können sich zwar bis zu sechs Monate für die Pflege von der Arbeit freistellen lassen, aber unbezahlt. Die Möglichkeit eines Lohnausgleichs durch Pflegeunterstützungsgeld gibt es für maximal zehn Tage im Jahr.

Je nach Pflegegrad erhält der Bedürftige zwischen 316 und 901 Euro Pflegegeld im Monat. Zudem gibt es einen monatlichen Entlastungsbeitrag von 125 Euro für zusätzliche Unterstützung. Pflegeverbänden ist das zu wenig. Der Bundesverband „wir pflegen“ fordert zum Beispiel eine Pflegezeit mit Lohnersatz für berufstätige pflegende Angehörige. Der Entlastungsbetrag von 125 Euro solle nicht mehr an Bedingungen geknüpft sein. Pflegende Angehörige in Sachsen wünschen sich vor allem zentrale und unabhängige Beratungsstellen, wie es sie mit Pflegestützpunkten in anderen Bundesländern gibt.

Oft ist aber auch zu wenig bekannt, wo es Hilfe gibt. So erklärt Schröder, dass die Pflegekassen für Umgestaltungen in der Wohnung etwa für Rollstühle, aber auch für Kurzzeit- oder Verhinderungspflege Kosten übernehmen. Allerdings, und diese Erfahrung habe ich gemacht, stehen nicht immer Plätze zur Verfügung, wenn sie gebraucht werden. 

Nach sechs Kursabenden gibt es ein Zertifikat. Als perfekte Pflegerin für daheim würde ich mich trotzdem noch nicht bezeichnen. Doch ein breit gefächertes Rüstzeug vermittelt so ein Kurs allemal.

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  • Anbieter von Kursen für Angehörige finden sich in der Pflegedatenbank im Pflegenetz Sachsen

  • Der nächste Pflegekurs der Johanniter in Dresden z.B. beginnt am 9. Juni.

  • Konkrete Termine können bei den jeweiligen Pflegekassen erfragt oder online gesucht werden

  • Online-Kurse bieten u.a. die AOK Plus, die Techniker Krankenkasse und die DAK. Die Barmer bietet Videoanleitungen.

  • Die Johanniter bieten für pflegende Angehörige ein kostenloses Online-Kursprogramm: www.johanniter-pflegecoach.de

  • Literaturtipp: Ratgeber der Verbraucherzentrale „Pflege zu Hause. Was Angehörige wissen müssen“, Carina Frey.

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