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Dresdens Bombentote als Opfer des Sozialismus

Der NS-Staat eine linke Diktatur? Mit dieser Umdeutung der Geschichte begibt sich Sachsens CDU tief hinab. Ein Widerspruch von SZ-Redakteur Oliver Reinhard.

Diese Fotomontage verbreitete die CDU Sachsen im Internet und erklärt damit den NS-Staat zu einer linken Diktatur.
Diese Fotomontage verbreitete die CDU Sachsen im Internet und erklärt damit den NS-Staat zu einer linken Diktatur. © Facebook: Die Sächsische Union / Screenshot: SZ

Kurz nach Hitlers „Machtergreifung“ lief auch in Sachsen der Unterdrückungsapparat an. Vornehmliches Ziel waren alle politischen Gegner, hauptsächlich die „Linken“. Strukturen und Organisationen von KPD und SPD wurden zerschlagen, Mitglieder zu Tausenden in KZs gesperrt und misshandelt, viele ermordet.

Gleichwohl hindern diese Fakten manche nicht daran, den Nationalsozialismus zu einer „linken Diktatur“ umzudeuten. In Dresden etwa tat das 2014 Pegida: Einer ihrer Führer behauptete, Hitler sei bekennender Linker gewesen, was man schon am Begriff National-Sozialismus erkenne. Nicht erst seither gehört jener Umdeutungsversuch zum geschichtspolitischen Besteck etlicher Neuer Rechter, die den NS gerne aus dem eigenen historisch-ideologischen Vorfeld entfernen und den „Linken“ in deren Traditions-Knobelbecher schieben wollen. Jetzt aber beteiligt sich auch Sachsens CDU an dieser Geschichtsverzerrung.

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Möglicherweise ist es nur im Kontext des Wahlkampfes zu verstehen, dass die Regierungspartei in ihrem Abwehrkampf gegen die erstarkte AfD der Neuen Rechten auch dieses revisionistische Kampfmittel nicht überlassen will. Und nun selber falschbehauptet, was vor fünf Jahren noch Pegida falschbehauptet hat: dass der NS eine linke Diktatur gewesen sei.

So jedenfalls stellt es die CDU Sachsen in einem Facebook-Post dar. Die Partei reagiert damit auf die Wahlkampfwerbung der Linkspartei für einen „modernen Sozialismus“. Und schreibt: „Wer vergessen hat, was Sozialismus – egal ob national oder ,real existierend’ – angerichtet hat, sollte die Bilder vom zerbombten Dresden 1945 und der Görlitzer Innenstadt 1990 anschauen“, die im Post mitgeliefert werden.

© Facebook: Die Sächsische Union / Screenshot: SZ

Diese Analogieziehung zwischen NS- und SED-Staat ruft auf vielen Seiten heftige Empörung hervor. Die äußert sich in Vorwürfen wie Geschmacklosigkeit, fehlendes Geschichtsverständnis und Holocaust-Relativierung. Die CDU bleibt stoisch. 

Generalsekretär Alexander Dierks beharrt auf der Darstellung, auch Ministerpräsident Michael Kretschmer bekräftigte auf SZ-Nachfrage: „Die beiden Bilder zeigen, wohin sozialistische Experimente geführt haben. Wir haben kein Interesse an Wiederholung.“ Und möglicherweise auch kein Interesse an jenem aufgeklärten Geschichtsverständnis, das sich unter jahrzehntelangen Forschungs- und Debattenmühen entwickelt hat. 

In Sachsen etwa gab es einen langen, bundesweit aufsehenerregenden Streit um das Gedenkstättengesetz, das angeblich einer Relativierung des Nationalsozialismus durch tendenzielle Gleichsetzung mit der DDR-Diktatur nahelegte. Erst nach Jahren konnte der Dissens dadurch beigelegt werden, dass die Neufassung des Gesetzes die kategorialen Unterschiede zwischen NS- und SED-System extra betont. Allerdings: Offenbar schrumpft die Nachhaltigkeit des Lerneffektes, sobald der Erfolgsdruck im Wahlkampf wächst.

Ein waghalsiger ideologischer Trick

Auch Panik kann geschichtsblind machen und dazu führen, dass man heute noch der anfänglichen taktisch motivierten Selbstdarstellung des Nationalsozialismus auf den Leim geht. Der hatte sich das Attribut „sozialistisch“ vor allem deshalb angeheftet, um Arbeiter von SPD und KPD wegzulocken und sich zugleich von den anderen rechten Parteien des damaligen Spektrums abzuheben. Zwar gab es in der NSDAP zeitweise einen oberflächensozialistischen Flügel unter den Brüdern Strasser. Doch wurde das Paar 1930 von Hitler entmachtet, Otto Strasser vertrieben, Gregor Strasser 1934 auf „Führerbefehl“ ermordet. Einmal im Machtsattel, ließ der seither auch offen bekennende Linkenhasser Adolf Hitler das taktische Sozi-Fähnchen endgültig fallen.

Vordergründig mag manches am NS-System, etwa die umfassenden wirtschaftlichen Lenkungs- und Kontrollmaßnahmen, durchaus an vergleichbare Strategien in sozialistischen Staaten wie der DDR erinnern. Tatsächlich aber geht nichts davon als wirklich „sozialistisch“ durch. Vielmehr fand eine Verstaatlichung von Privat- zu „Volkseigentum“ nicht statt, war der NS rassenkämpferisch statt klassenkämpferisch, beruhte die „Volksgemeinschaft“ mitnichten auf der Aufhebung der Klassen, war das Selbstverständnis radikal nationalistisch statt internationalistisch. Die NSDAP, so deutet es auch der Historiker Heinrich August Winkler, „war das organisierte und extremste Nein zu allem, wofür linke Parteien standen. Rechter kann man gar nicht stehen.“

Mithin bleibt von der Behauptung, der Nationalsozialismus sei eine linke Diktatur oder ein „sozialistisches Experiment“ gewesen, nichts übrig – außer dem ideologischen Taschenspielertrick dahinter. Dessen Waghalsigkeit wird überdeutlich, wenn die CDU Sachsen die Toten des 13. Februar 1945 faktisch missbraucht und aus ihnen Opfer des Sozialismus macht.

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Insofern wäre es noch eine milde Sichtweise, diese Geschichtsverbiegung auf bedauerliche Ahnungs- und Instinktlosigkeit zurückzuführen, motiviert durch das Verlangen, sich im Landtagswahlkampf möglichst hart nach links und möglichst weich nach rechts abzugrenzen. In jedem Fall aber ist dieser Vorstoß ein Indikator dafür, wie groß die Verzweiflung in der Regierungspartei inzwischen sein muss.

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