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Erstes Hospiz in Dresden - Warum es so wichtig ist

Derzeit entsteht die erste Pflegeeinrichtung für unheilbar Kranke in der Johannstadt. Eine Betroffene erzählt, warum diese längst überfällig ist.

Pflege bis zum Schluss erhalten unheilbar Kranke bald auch direkt in Dresden. Vorher bekamen sie nur einen Hospizplatz in Radebeul - wenn sie Glück hatten.
Pflege bis zum Schluss erhalten unheilbar Kranke bald auch direkt in Dresden. Vorher bekamen sie nur einen Hospizplatz in Radebeul - wenn sie Glück hatten. © dpa

Für Anrufer ist Herbert Brandt* noch präsent – zumindest, wenn der Anrufbeantworter anspringt und er in lockerem Ton erzählt, dass gerade niemand zu Hause ist. Die reale Welt hat Brandt vergangenes Jahr verlassen. Im Alter von 62 Jahren ist er an den Folgen von Lungenkrebs und einer Autoimmunerkrankung gestorben.

Auf seinem letzten, schweren Weg hatte Brandt irgendwie auch noch einmal Glück – zumindest sieht es seine Frau Jutta* so. Brandt hat einen Platz im Hospiz in Radebeul bekommen. Zwei Wochen und einen Tag hat er dort noch verbracht, bevor er starb. So schlimm der Weg ins Hospiz in Anbetracht der Endgültigkeit auch war, so war er für die heute 59-jährige Dresdnerin doch auch eine Erleichterung.

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„Ab dem ersten Moment haben die Schwestern gesagt, dass ich mich um keine pflegerischen Dinge mehr kümmern muss. Ich hätte jetzt nur noch Zeit für meinen Mann.“ Das Paar konnte wichtige letzte Absprachen treffen, aber vor allem die gemeinsamen Jahre noch einmal Revue passieren lassen. „Wir haben auch viel gelacht in dieser Zeit. Es ist nicht so ein trauriges Haus, wie man vielleicht denkt“, sagt sie.

Doch nicht alle Sterbenskranken bekommen einen solchen Hospizplatz. Laut Ansgar Ullrich vom ambulanten Hospizdienst Dresden ist der Bedarf groß. „Dresden aber hat bisher kein Hospiz und das in Radebeul ist immer voll“, sagt er. 130 Ehrenamtliche helfen in dem Verein mit und begleiten dabei pro Jahr rund 350 Patienten in Dresden auf ihrem letzten Weg. Oft übernehmen sie, wenn den Patienten im Krankenhaus nicht mehr geholfen werden kann und sie nach Hause entlassen werden. Dabei geht es nicht nur um die mentale Unterstützung der Patienten und ihrer Angehörigen, sondern auch darum, mal für einige Stunden die Betreuung abzusichern, damit Angehörige wichtige Dinge erledigen können.

Die Sterberate liegt bei nahezu 100 Prozent

Den Bedarf nach einem Hospiz in Dresden hat auch das Krankenhaus St. Joseph-Stift erkannt. Unter dem Motto „Herzenssache Hospiz für Dresden“ lässt es auf dem gegenüberliegenden Grundstück an der Ecke Wintergarten-/Canalettostraße deshalb derzeit ein vierstöckiges Haus bauen, in dem ein eigenes Hospiz mit zwölf Betten untergebracht wird. „Zwölf Plätze sind aus pflegerischer Sicht eine gute Größe“, sagt Chefärztin Barbara Schubert. Sie leitet die Palliativstation am St. Joseph-Stift.

Auch dort spielt der Tod täglich eine Rolle. Etwa die Hälfte der schwerkranken Patienten stirbt. Die andere Hälfte kann wieder entlassen werden. „Das Hospiz hingegen ist eine spezialisierte Pflegeeinrichtung. Die Sterberate liegt bei nahezu 100 Prozent“, sagt Schubert. Bis auf dass täglich der Arzt vorbeikommt, sei alles andere wie zu Hause organisiert. Im Schnitt würden die Patienten bis zu ihrem Tod 18 Tage im Hospiz verbringen. „Aber das ist zu kurz, weil sie dann noch nicht einmal richtig angekommen sind“, sagt Schubert.

Sie hofft, dass durch das neue Angebot am St. Joseph-Stift todkranke Dresdner schneller einen Hospizplatz bekommen und dort dann ausreichend Zeit haben, in Würde diesen letzten Weg zu gehen. „Wenn die Zeit im Hospiz zu komprimiert ist, haben die Menschen oft nicht mehr die Kraft dafür, noch einmal auf ihr Leben zu schauen, zu sehen, was ihnen noch wichtig ist oder wen sie noch einmal treffen wollen“, so Schubert.

Dass es überhaupt so lange kein Hospiz in Dresden gegeben hat, hängt ihrer Meinung nach mit der „anhaltenden angespannten Finanzierungssituation“ zusammen. Früher mussten demnach zehn, mittlerweile noch fünf Prozent der Kosten für den laufenden Betrieb der Häuser selbst getragen werden. Der kaufmännische Direktor des St. Joseph-Stifts Peter Pfeiffer geht davon aus, dass das neue Hospiz jährliche Betriebskosten von rund einer Million Euro haben wird. 50.000 Euro müssen vom St. Joseph-Stift somit selbst aufgebracht werden. Den Rest übernehmen die Kranken- und Pflegeversicherungen.

"Wir haben uns mit Blicken verständigt"

Dass wiederum die Investition in den Bau überhaupt möglich ist, verdankt das Krankenhaus der Förderstiftung des eigenen Ordens. Aus dem Stiftungsvermögen wird für den 2,74 Millionen Euro teuren Bau eine Million Euro beigesteuert. „Für besondere Projekte ist eine solche Finanzierung möglich. Aber das passiert höchst selten“, sagt Pfeiffer. Der Freistaat steuert wiederum rund 444.000 Euro Fördermittel bei. Auch das Bistum Dresden-Meissen sowie der Rotaryclub gehören zu den Großspendern. Weitere Unterstützer werden für den Bau und den Betrieb noch gesucht.

Das Bauvorhaben in der Johannstadt ist schnell vorangeschritten. Der Rohbau des neuen Maria-Merkert-Hauses steht bereits. Die Eröffnung ist für Herbst 2020 geplant. Es soll ein heller Bau mit großen Räumen werden. Das Hospiz entsteht in der vierten Etage auf rund 900 Quadratmetern Fläche. Die zwölf Patientenzimmer haben ein separates Bad, teilweise umlaufende Balkons und bieten so viel Platz, dass auch Angehörige mit übernachten können. Im Aufenthaltsraum ist ebenfalls Platz für ein Pflegebett vorgesehen, damit jene, die keine Kraft mehr zum Gehen haben, trotzdem am Leben im Haus teilnehmen können.

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Mindestens 30 Mitarbeiter, die die Todkranken rund um die Uhr versorgen, sind für das Hospiz vorgesehen. Jutta Brandt hat die Fähigkeiten des Fachpersonals sehr geschätzt, als ihr Mann in Radebeul gestorben ist. „Als er nicht mehr richtig ansprechbar war, blieben die Schwestern dezent im Hintergrund. Wir haben uns mit Blicken verständigt, was ich in dem Moment brauche.“ Als er gestorben war, wurde sie von einer Schwester in den Arm genommen.

* Name von der Redaktion geändert

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