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So will Zittau Dresden und Chemnitz ausbooten

Die Kleinstadt an der Neiße will Europas Kulturhauptstadt 2025 werden und muss sich nicht vor der großen Konkurrenz verstecken.

Mit Herz und Sympathie kann es Zittau gelingen, strahlkräftigere Konkurrenten im Rennen um den Kulturhauptstadt-Titel auszustechen.
Mit Herz und Sympathie kann es Zittau gelingen, strahlkräftigere Konkurrenten im Rennen um den Kulturhauptstadt-Titel auszustechen. © Rafael Sampedro

Drei Städte aus Sachsen bewerben sich um den Titel als Kulturhauptstadt Europas 2025: Chemnitz, Dresden und Zittau. In gut drei Wochen, am 12. Dezember, trifft eine Jury eine Vorauswahl. 

Am Ende der Vorauswahl benennt diese dann per Shortlist einige deutsche Städte. Die Auserwählten können ihre Bewerbung bis Sommer 2020 detaillierter ausarbeiten.

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In loser Folge stellt die SZ bis dahin die Konzepte der drei Bewerber vor und analysiert anhand der Bewerbungsbücher, den sogenannten BID-Books, deren Stärken und Schwächen. Heute: Zittau. Mit dem Motto „365 Grad Leben“ bewirbt sich der sympathische Außenseiter im östlichsten Zipfel des Freistaates um eine zentrale Rolle in Europa.

Die Stärken von Zittau

  • Auf den Rückhalt aus der Bevölkerung kann die Stadt bauen. Als erste Bewerberin um den Kulturhauptstadt-Titel überhaupt ließ Zittau per Bürgerentscheid über die Teilnahme am Wettbewerb abstimmen. Gut drei Viertel aller Zittauer stimmten mit Ja. Doch damit entließen die Planer die Einwohner nicht aus der Verantwortung. Am 1. Oktober ging mit der Plattform Herzidee ein Portal online, auf dem Bürger ihre Ideen für die Kulturhauptstadt vorstellen und umsetzungsfähige Netzwerke bilden können. Räume zur Entfaltung neuer Ideen bietet Zittau genug.
  • Zittau will maximalen Mehrwert aus dem Titel ziehen. Darum legt die Stadt das Hauptaugenmerk ihrer Bewerbung auf Konzepte zur Umnutzung von Brachflächen und auf die Entwicklung von Strategien gegen Abwanderung und Überalterung in der Region. Dabei helfen sollen junge, kreative Eliten. Die haben die Vorteile der Dreiländerregion mit ihrer landschaftlich reizvollen Lage und ihren bezahlbaren Immobilien inzwischen erkannt und sind enthusiastisch genug, den gebotenen Freiraum auf unkonventionelle Art zu nutzen.

Die Schwächen von Zittau

  • Zittau ist, anders als viele andere Bewerberstädte, in den Köpfen eines überregionalen Publikums kaum präsent. Traurige Berühmtheit erlangte die Stadt allenfalls durch ihre Nähe zum benachbarten Ostritz. Das kleine Dorf machte in der Vergangenheit immer wieder als Austragungsort nationalsozialistischer Festivals von sich reden. Der zunehmende Rechtspopulismus in der Region kommt allerdings in der Bewerbung nicht zur Sprache.
  • Gemessen am gesamtsächsischen Tourismus fällt die Grenzregion hinsichtlich der Besucherzahlen ab. Um das zu ändern, muss sich die Erreichbarkeit Zittaus deutlich verbessern. Die geplante Fertigstellung der B 178 ist ein wichtiger Schritt. Nachholbedarf hat die Stadt auch hinsichtlich ihrer Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer nicht recht früh am Abend den Absprung gen Dresden oder Görlitz schafft, sitzt derzeit noch über Nacht in Zittau fest. Nicht die besten Bedingungen für Tagesausflügler. In ihrem BID-Book kündigt die Stadt daher an, marode Bahnstrecken ins benachbarte Tschechien sanieren und die Taktzahl auf deutschen Strecken erhöhen zu wollen. Wenn das klappt, kann auch das direkte Umland profitieren.
  • Die Bildsprache der Kampagne, entworfen von der ortsansässigen Agentur zh2, macht einen überfrachteten Eindruck und lässt einen ein wenig ratlos zurück: Da wäre zunächst das Kulturstadtherz, mit dem die Stadt vor allem in sozialen Netzwerken wirbt. Symbolisch stark aufgeladen greift es Elemente und Merkmale des Zittauer Markenlogos, des Dreiländerecks und der Oberlausitz auf – was man erst einmal verstehen muss. In der Bewerbungsmappe selbst bleibt die Bildmarke aber gänzlich unberücksichtigt. Hier wird stattdessen mit dem Motto „365 Grad Leben“ und gänzlich anderem Signet geworben. Auch dessen Hintergrund erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung der Bewerbung.

Das Fazit

Nicht umsonst wähnt die Hannoversche Allgemeine Zeitung in ihrem Vergleich aller acht Kulturhauptstadtbewerber Zittau als heißen Anwärter auf den Titel: Die Stadt kokettiert mit ihren Schwächen, wohlwissend, dass die Intention des Titels auch Hilfe zur Selbsthilfe ist. Trotz aller strukturellen und demografischen Probleme lässt es sich im Dreiländereck gut leben, das betonte Oberbürgermeister Thomas Zenker zuletzt wieder auf der Präsentation der Bewerberstädte bei der Kultusministerkonferenz in Berlin. 

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Das Wissen, dass Zittau ein hervorragender Aspirant auf den Titel ist, verleiht der Bewerbung Lässigkeit. Dennoch wird es eines gemeinsamen Kraftakts aller beteiligten Kommunen bedürfen, den Glauben an die Umsetzung all der großen Visionen zu festigen. Gelingt das, hat Zittau gute Chancen, aus der letzten Reihe heraus als Sieger ins Ziel zu gehen.

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