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So wohnt es sich als Kruzianer

Xbox, Bier und Heimwehtropfen – das Leben im Alumnat ist streng geregelt. Warum es die Sänger trotzdem lieben.

Leander und Nikolai wohnen freiwillig im Wohnheim des Kreuzchors. Das hat für sie viele Vorteile.
Leander und Nikolai wohnen freiwillig im Wohnheim des Kreuzchors. Das hat für sie viele Vorteile. © Marion Doering

Das Ohr an die uralten Wände gelegt – was würde das Gemäuer nicht alles erzählen. Viele Generationen der Kruzianer hat es beherbergt. „Und ich wünsche mir, dass unser neues Alumnat irgendwann auch so viele Geschichten erzählen kann, wie das alte Haus“, sagt Timo in seiner kleinen Rede zur Eröffnung. 

Zu Schuljahresbeginn hat der Zwölftklässler sein Zimmer im Neubau direkt neben der altehrwürdigen Villa auf dem Schulcampus des Evangelischen Kreuzgymnasiums bezogen. Nun wurde der knapp fünf Millionen Euro teure Komplex offiziell eingeweiht – ein schöner Grund für Timo und seine Chorfreunde, die Türen des neuen Heims einmal für jene zu öffnen, die sonst keine Gelegenheit haben, zu sehen, wie die berühmten Knaben eigentlich leben.

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Über eine Brücke gelangt man von einem Gebäude ins andere. Knarrende Dielen hier, blitzende Armaturen dort. Fließender Übergang von tradiert zu modern. Es riecht neu. Nach Farbe, Fußboden, Mobiliar. Riesige Fenster, helle Gänge, cooles Design. Leander geht voraus. Auch er ist im Sommer ins neue Alumnat gezogen. So heißt das Internat, in dem die jungen Sänger entweder die ganze Woche über wohnen oder sich zumindest tagsüber aufhalten, wenn nicht gerade Unterricht, Chorproben oder Konzerte auf dem Plan stehen.

Moderne trifft Tradition: Der Neubau des Alumnats. 
Moderne trifft Tradition: Der Neubau des Alumnats.  © Marion Doering

Letzteres gab es bisher nicht. Mit dem neuen Gebäude hat der Kreuzchor in 22 zusätzlichen Wohnräumen 44 weitere Plätze gewonnen. Zuvor hatten die sogenannten Kurrendaner – Sänger, die bei ihren Eltern wohnen, doch in den Pausen auch Hausaufgaben erledigen, für Klassenarbeiten lernen, Klavier üben oder einfach mal entspannen müssen – keinen Raum. Sie ließen sich mit ihren Schulsachen in freien Klassenzimmern, auf den Schulgängen oder in der Kantine mehr schlecht als recht nieder.

Dass der Kreuzchor seine Sänger besser unterbringen muss, das war Kreuzkantor Roderich Kreile schon klar, als er vor rund 20 Jahren die Chorleitung übernahm. „Damals habe ich auf eine alte Sporthallenbaracke auf dem Schulgelände gezeigt und gesagt: Dort wird in fünf Jahren unser neues Alumnat stehen“, erzählt er. Es hat länger damit gedauert. Doch dann ging es recht schnell.

Vor knapp zwei Jahren war Grundsteinlegung. Als die Jungs aus den Sommerferien zurückkamen, war möglich, was sie kaum glauben konnten: Fertig eingerichtete Zimmer warteten auf ihre Bewohner. Zu ihnen gehören wie Timo auch Leander und Nikolai. Sie leben freiwillig im Alumnat. In ihrem Alter steht ihnen frei, ob sie dort bleiben oder am späten Nachmittag zu ihren Familien zurückkehren – vorausgesetzt die Entfernung lässt das zu. 

„Wir wohnen immer zu zweit und dürfen uns aussuchen, mit wem wir das Zimmer teilen wollen“, erzählen sie. Betten, Schreibtische, Schränke, clevere Stauräume und ein kleines Bad gehören zur Ausstattung. 

Duschen gibt es auf dem Gang und in jeder der insgesamt vier Etagen ein Übungsstübchen mit Klavier sowie einen Gemeinschaftsraum. „Wir hätten ja nie zu träumen gewagt, dass wir sogar eine Xbox für Computerspiele haben“, sagt Timo.

Auf jeder Etage gibt es Übungszimmer für die Kruzianer.
Auf jeder Etage gibt es Übungszimmer für die Kruzianer. © Marion Doering

Das ruft nach Regeln, doch die sind Kruzianer ohnehin gewöhnt. Schließlich hausen sie nicht einfach unbeaufsichtigt. Erzieher betreuen die Schüler. Auch sie haben ihre Zimmer auf den Etagen. Die Obererzieherin heißt hier Alumnatsleiterin. Martina Schellhorn begann 1996 als Betreuerin im Alumnat zu arbeiten, seit 2002 ist sie die Chefin. Sie kennt sich aus mit allem, was außerhalb der Schulstunden und der Chorarbeit für die Knaben relevant ist – vom Verabreichen der Heimwehtropfen für die ganz Kleinen bis zur Erlaubnis fürs abendliche Bier für die ganz Großen. 

Doch auch für die volljährigen Abiturienten gilt: Um Mitternacht ist jeder im Haus. Wann wer schlafen geht, das entscheiden Martina Schellhorn und ihre Kollegen nach dem Alter des jeweiligen Kindes. Zwischen 20.30 Uhr und null Uhr gehen die Lichter aus. „Wir bringen die Kinder ins Bett und sagen ihnen Gute Nacht“, erzählt die 53-Jährige. Das ist der Moment, in dem die meisten Heimwehtränen fließen. Im Laufe von mehr als 20 Jahren hat die Alumnatsleiterin gelernt, auf jeden Seelenschmerz einfühlsam und individuell einzugehen. 

„Manchen Kindern hilft es, wenn die Eltern öfter vorbeikommen oder sie nicht alle Nächte der Woche im Alumnat bleiben“, sagt sie. Wunder wirken aber auch ihre Heimwehtropfen. Die hauchen manch ängstlichem Häschen Löwenmut ein. Das neue Haus bietet zudem etwas, woran früher nicht zu denken war: ein Gästezimmer, in dem auch Eltern übernachten können.

Leander und Nikolai haben ihren Rundgang beendet. Jetzt ist Feiern angesagt. Vielleicht wird ja noch die Feuerschale entzündet, die das Stadtoberhaupt, Dirk Hilbert, den Kruzianern zum Einzug mitgebracht hat. Auf jeden Fall wird es ein heimeliger Abend.

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