merken
PLUS Zittau

Für das Boahnl kommt es ganz knüppeldick

Als wären die Corona-Folgen nicht genug, muss die Zittauer Schmalspurbahn jetzt schwere Probleme lösen. Nur für einige gibt es bereits Lösungen.

Soeg-Geschäftsführer Ingo Neidhardt am Vorstadtbahnhof in Zittau.
Soeg-Geschäftsführer Ingo Neidhardt am Vorstadtbahnhof in Zittau. © Matthias Weber/photoweber.de

"Ohne Gefährdung, aber mit Delle", dieses Zitat des Soeg-Wirtschaftsprüfers findet Ingo Neidhardt zutreffend, wenn er danach gefragt wird, wie die Zittauer Schmalspurbahn durch die Corona-Pandemie kam beziehungsweise ja noch kommen muss. Der Geschäftsführer der Sächsisch-Oberlausitzer Eisenbahngesellschaft (Soeg) setzt dabei aber auch auf einen Hoffnungsschimmer in Gestalt eines Hilfsschirmes des Bundes für den öffentlichen Nahverkehr. Mit insgesamt fünf Milliarden Euro will der Staat diesen unterstützen und damit die Corona-bedingten Verluste etwas ausgleichen helfen. 

Dennoch wird 2020 finanziell für die Zittauer Schmalspurbahn ein kritisches Jahr. In Abstimmung mit dem Landratsamt hatte das Eisenbahnunternehmen für seine Mitarbeiter auf Kurzarbeit verzichtet. "Wir haben das aus sozialem Gewissen heraus getan und auch, weil wir unsere guten Leute halten wollen", berichtet Ingo Neidhardt.

Anzeige
Ihre Karriere als Steuerfachangestellte(r)
Ihre Karriere als Steuerfachangestellte(r)

Die Managementgesellschaft Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz mbH sucht: Steuerfachangestellte (m/w/d) für die Abteilung Finanzen!

Die Mitarbeiter haben in der Zeit Pflegearbeiten und kleinere Reparaturen an den Fahrzeugen, Bahnhöfen und entlang der Strecke durchgeführt, die sonst an andere Firmen vergeben worden wären. So sind Wasserkräne lackiert, Signale gewartet, auf Bahnhöfen Dächer, Treppenaufgänge und anderes gestrichen worden.

Seit dem 15. Mai fährt das Boahnl mit seinen Dampfloks und fast allen Themenzügen nach dem Fahrplan der Hauptsaison. Normal und so wie immer ist es trotzdem nicht. Das Boahnl hat nun ein Fahrproblem. Es muss aufholen. Viel aufholen. Und das macht es jetzt unter Volldampf. 58.000 Kilometer soll die Zittauer Schmalspurbahn jährlich zwischen Zittau, Jonsdorf und Oybin auf den Schienen rollen. So ist es vertraglich für den öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) geregelt. Da gibt es auch in einem Corona-Jahr keine Ausnahmen. 

Haushaltssperre - alle Investitionen für 2020 ausgesetzt

Mit 4.250 Kilometern ist die Soeg wegen des eingeschränkten Verkehrs im März und April in Verzug. Aber das Eisenbahnunternehmen weiß schon, wie es die verlorenen Kilometer rausholt. Seit dem 15. Mai wird nicht nur wieder das volle Programm angeboten. Eigentlich fahren die Dampfloks bis in den Herbst hinein im Drei-Zug-Betrieb nur sonnabends und sonntags stündlich von Zittau ins Gebirge und wieder zurück. Jetzt machen sie das auch freitags. Und das nicht, wie sonst üblich bis zum 1. November, sondern in diesem Jahr bis zum 8. November. Von Montag bis Donnerstag wird dagegen weiter im Zwei-Stundentakt gefahren.

Für das Boahnl geht es aber nicht allein darum, die Kilometer nachzuholen. Allein in einem Corona-Monat wurden etwa 110.000 Euro an Fahrgeld eingebüßt. Auf das Jahr gerechnet, könnten das etwa 300.000 Euro Verlust sein. "Wir haben deshalb eine Haushaltssperre verhängt und alle für dieses Jahr geplanten Investitionen ausgesetzt", schildert Ingo Neidhardt. Davon betroffen sind unter anderem das Einrichten einer weiteren Ferienwohnung in Jonsdorf "Haltestelle", Sanierungsarbeiten am Bahnhof Oybin und die geplanten zwei großen braunen Werbeschilder für die Zittauer Schmalspurbahn an der Autobahn (A4) Anschlussstelle Weißenberg in beide Richtungen.

Die Reparatur dieser Lok wird 200.000 Euro teurer

Die Dampflok 99758 sollte in dieser Hauptsaison die Hauptlast des Bahnverkehrs tragen. Nun kommt die Lok erst im September aus der Lok-Werkstatt zurück nach Zittau und ihre Reparatur wird 200.000 Euro teurer.
Die Dampflok 99758 sollte in dieser Hauptsaison die Hauptlast des Bahnverkehrs tragen. Nun kommt die Lok erst im September aus der Lok-Werkstatt zurück nach Zittau und ihre Reparatur wird 200.000 Euro teurer. ©  Matthias Weber (Archiv)

Und als wäre Corona mit all seinen Folgen nicht schon genug, muss in diesem Jahr die Zittauer Schmalspurbahn auch noch ein schweres, unvorhersehbares technisches Problem lösen. Eisenbahnfreunde horchen sofort auf, wenn sie hören, dass es dabei um die Dampflok 99758 geht. Die sollte in dieser Hauptsaison nämlich die Hauptlast des Bahnverkehrs tragen. Die Lok kommt nun aber erst im September zurück nach Zittau. Außerdem ist ihre Reparatur in der Lok-Werkstatt in Meiningen nun 200.000 Euro teurer als ursprünglich angeboten geworden.

Und wenn es schon knüppeldick kommt, dann richtig. Bei einer anderen Dampflok ist der Dampfzylinder gerissen. Der Soeg-Geschäftsführer rechnet hier mit zusätzlichen Reparaturkosten im sechsstelligen Bereich. "Derartige Schläge dürfen sich nicht jedes Jahr wiederholen, wenn wir das verkraften wollen", sagt er. Um den Fahrbetrieb zu sichern, ist kurzfristig eine andere Lok nach einer Frist-Untersuchung bis zum Herbst verlängert worden. 

Der Himmel über den Dampfloks sah schon mal wesentlich besser aus. Schon jetzt wissen die sächsischen Dampflokbetreiber bereits, dass im nächsten Jahr eine weitere Herausforderung auf sie zukommt. Nach den Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft GDL werden die Soeg-Gehälter steigen.

Zudem wird 2021 die CO2-Steuer eingeführt. Nach der Koalitionseinigung werden gleich 25 Euro pro Tonne CO2 fällig. Später soll die Steuer noch weiter auf 55 Euro je Tonne steigen. Für jede Dampfbahn in Sachsen wären das in etwa 150.000 Euro Mehrkosten im Jahr. "Wir sind deshalb bereits mit den Politikern im Gespräch und haben auf das Problem aufmerksam gemacht", berichtet Ingo Neidhardt. Es muss ein Weg gefunden werden, dieses Problem gemeinsam abzufedern. "Denn das kann man nicht allein über den Fahrpreis lösen", sagt er.  

Die seit 2018 zweite Ausgabe der Tourismuszeitung

Das Deckblatt Zeitung "Links & Rechts der Zittauer Schmalspurbahn".
Das Deckblatt Zeitung "Links & Rechts der Zittauer Schmalspurbahn". © SOEG

Um so wichtiger werden die Fahrgäste für die Zittauer Schmalspurbahn. Und in punkto Werbung dafür hat die Soeg jetzt einen großen Erfolg zu verbuchen. Zum zweiten Mal nach 2018 hatte sie eine Tourismuszeitung herausgebracht. Mit "schwierige Zeiten benötigen besondere Initiativen", begründete dies Ingo Neidhardt. Die kostenlose Zeitung ging weg wie warme Semmeln. Immerhin bei einer Auflage von 40.000 Exemplaren.

Weiterführende Artikel

Welche Idee jetzt dem "Boahnl" hilft

Welche Idee jetzt dem "Boahnl" hilft

Die Soeg setzt auch auf Ferienwohnungen. Eine Neuheit in einer Pension gleicht derzeit die auf Eis liegenden Pläne in Jonsdorf aus.

Rückblick: Waldschrat wird Verschwörungstheoretiker

Rückblick: Waldschrat wird Verschwörungstheoretiker

ÖffÖff wurde als liebenswerter Aussteiger bekannt - jetzt wirft er der Regierung "Massenmord" vor - die Geschichte dazu ist die klickstärkste der Region seit Montag.

Klickstark: Fürs Boahnl kommts dick

Klickstark: Fürs Boahnl kommts dick

Die Zittauer Schmalspurbahn muss Probleme lösen. Nur für einige gibt es Lösungen. Einer der Beiträge aus Löbau-Zittau, über den wir berichteten.

Boahnl kommt an die Autobahn

Boahnl kommt an die Autobahn

Vier Jahre hat der Schmalspurbahn-Betreiber Soeg um braune Hinweisschilder an der A4 gekämpft. Plötzlich könnte es schnell gehen - wenn Corona nicht wäre.

"Boahnl-Zeitung" lockt Touristen an

"Boahnl-Zeitung" lockt Touristen an

Mit einer deutschlandweiten Aktion macht die Zittauer Schmalspurbahn auf sich und den Naturpark aufmerksam.

"Boahnl" muss mehr Kilometer schrubben

"Boahnl" muss mehr Kilometer schrubben

Wegen Corona ist die Zittauer Schmalspurbahn mit 4.250 Fahr-Kilometern in Verzug. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Die Soeg leistet damit als Betreiber der Zittauer Schmalspurbahn einen Beitrag für den Tourismus im Naturpark Zittauer Gebirge. Zusammen mit den Gesellschafter-Kommunen und Großschönau entwickelte sie in nur zehn Tagen die Zeitung „Links und Rechts der Zittauer Schmalspurbahn“. 70 bis 80 Prozent der Fahrgäste, die das Boahnl von Zittau ins Gebirge und zurück befördert, sind Urlauber oder tschechische Touristen. Und die finden in der Zeitung beispielsweise die aktuellen Öffnungszeiten aller Betriebe und Einrichtungen.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Zittau