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Militär trifft auf Mittelalter

Zum Familienfest auf der Albrechtsburg wurde das neue Histopad vorgestellt. Unter anderem mit Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg.

Kinder sind nicht nur von den Tablets angezogen. Auch die Porzellanmalerei begeistert die Tochter von Diana Düning.
Kinder sind nicht nur von den Tablets angezogen. Auch die Porzellanmalerei begeistert die Tochter von Diana Düning. © Claudia Hübschmann

Meißen. Diana Düning aus Jena ist begeistert. „Diese Tablets sind toll. So entdeckt man die alten Räume ganz neu.“ Den Vergleich macht sie deshalb, da sie ein paar Tage zuvor ohne Histopad, dem neuen Tablet-Führer, durch die Säle der Albrechtsburg gegangen ist. Diana Düning ist mit ihrer Familie für ein paar Tage nach Meißen gefahren, um Urlaub zu machen. Dieses Jahr in Deutschland wegen Corona. Meißen sei wunderbar, um ein paar Tage zu entspannen, sagt sie. „Mich irritiert allerdings, warum Wehrmachtssoldaten vor der Burg stehen.“

„Dawai, dawai“

Das ist jedoch schnell geklärt. Auf den alten Militärfahrzeugen lagen Flyer aus. Die Interessengemeinschaft Militärtechnikfreunde Sachsen hat ihren Fuhrpark samt Enthusiasten mitgebracht. In den vergangenen Jahren erregten sie immer mal wieder Aufsehen, da sie mit Wehrmachtsuniformen auftraten. Wie zum Beispiel bei einem Dorffest in Colmnitz oder beim Tag der Sachsen in Freiberg. Auf der Albrechtsburg waren die Besucher hingegen begeistert. Besonders Kinder liebten die Motorräder der Militärtechnikfreunde. Sie turnten auf ihnen herum. Die Militärtechnikfreunde freuten sich darüber und posierten gern gemeinsam mit ihnen auf Fotos.

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Die Militärtechnikfreunde waren mit Waffen und Uniform dabei und stellten die Ein- und Auslagerung der Kunstschätze in der Albrechtsburg nach.
Die Militärtechnikfreunde waren mit Waffen und Uniform dabei und stellten die Ein- und Auslagerung der Kunstschätze in der Albrechtsburg nach. © Claudia Hübschmann

Torsten Etterich, Schirrmeister und Mitglied der Militärtechnikfreunde, sagt, dass sie auf vielen Festen unterwegs sind. „Wir rücken bestimmt im Jahr 30 Mal aus, wenn es gut läuft.“ Dieses Wochenende wurden sie von der Albrechtsburg engagiert, um einen Ausschnitt ihrer Geschichte darzustellen: die Ein- und Auslagerung von Kunstschätzen in der Albrechtsburg während des Zweiten Weltkrieges. Dafür kamen zuerst Darsteller in Wehrmachtsuniformen, die Kunstschätze wie die Sixtinische Madonna in der Albrechtsburg einlagerten. Immer mit einem Augenzwinkern in Richtung Publikum, das eifrig mit den Smartphones Bilder schoss.

Ganz anders war die Vorstellung der sowjetischen Truppen, die damals nach dem Krieg die Kunstwerke aus der Albrechtsburg geholt haben, um sie unter anderem nach Moskau zu transportieren. Unter Einsatz der sowjetischen Hymne kamen sie mit einem riesigen Militär-Lkw und Pathos. Auf dem Domplatz verteilte sich dann der Dieselgeruch sehr schnell. Unter Aufsicht eines Soldaten mit Maschinengewehr und Wachhund wurden die Kunstwerke eingelagert. Mit vielen Pausen und „Dawai, dawai“-Rufen, was auf Russisch so viel wie „los, vorwärts, weiter“ bedeutet. Das wurde insgesamt zweimal aufgeführt und war auf dem Burghof zu sehen.

Jung und Alt nutzen interessiert die HistoPads, die es sonst in keinem Museum so gibt.
Jung und Alt nutzen interessiert die HistoPads, die es sonst in keinem Museum so gibt. © Claudia Hübschmann

Deutschlandweit einzigartig

Das Militärschauspiel sei dabei nur ein Baustein am Tag des Familienfestes, sagt Uwe Michel. Der Schlossleiter erklärt dazu, dass in der Albrechtsburg verschiedene Epochen aufeinander treffen. Vom Mittelalter bis zur Neuzeit: Unterschiedliche Nutzungen haben die Burg geprägt. So war die Albrechtsburg vor etwa 500 Jahren als Residenz für die Brüder Herzog Albrecht und Kurfürst Ernst geplant, im 18. und 19. Jahrhundert zog die Porzellanmanufaktur zeitweise ein, und heute befindet sich das Museum in den Räumen, die restauriert wurden. All das konnte zum Beispiel mit dem Histopad erkundet werden. Dafür wurden zum Familienfest insgesamt 180 kostenlos zur Verfügung gestellt. Gegen Mittag waren alle schon vergriffen, und die Gäste mussten warten.

Wer dann aber durch das Museum streift, sieht überall nur Tablets, hinter denen sich Köpfe verstecken. Die meisten Besucher waren äußerst vertieft darin, auf den elektronischen Führern zu klicken und zu wischen. Besonders Kinder, die sich wie wild durch die Säle drehten: um die virtuelle Welt überall zu sehen. Mit dem deutschlandweit einzigartigen Projekt entdecken Besucher die unterschiedlichen Zeitschichten im Museum. Ein paar von ihnen entlockt dies ein erstauntes Aha. Wenn sich zum Beispiel die gotischen Räume plötzlich auf dem Tablet zur Porzellan-Werkstatt wandeln.

Auch August der Starke war beim Familienfest dabei.
Auch August der Starke war beim Familienfest dabei. © Claudia Hübschmann

Auch wenn das Familienfest gut besucht wurde, bleibt es wohl einmalig, so Uwe Michel. Denn es ist nur anlässlich des Histopads ins Leben gerufen worden. „Natürlich freuen wir uns auch, dass wir wieder ein größeres Fest ausrichten dürfen.“ Denn die Burgfestspiele fallen dieses Jahr wegen Corona aus. Zum Familienfest gibt es dafür Clownerie, den Akkordeonspieler Matthieu Pallas, die genannten Soldatenvorstellungen sowie eine abgespeckte Variante des lebendigen Fürstenzugs aus Dresden, unter anderem mit August dem Starken. Dieser traf gegen frühen Nachmittag auf dem Burghof ein. Zudem gab es thematische Führungen: zum Beispiel mit dem Museologen Falk Dießner, verkleidet als Johann Friedrich Böttger, Miterfinder des Porzellans.

Weil so viel angeboten wurde, freut sich der Schlossleiter deshalb umso mehr, dass so viele Menschen das Schauspiel bewundern. Hunderte Gäste waren vor Ort. Trotz schwülen Wetters und beschwerlichen Aufstiegs. Verschiedene Imbissbuden, ein Bier- sowie Weinausschank laden ein, den Sonntag gemütlich ausklingen zu lassen.

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