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Soll die Fußball-Saison abgebrochen werden?

Dass Fans nicht ins Stadion können, ist längst ausgemacht. Aber ob Geisterspiele stattfinden dürfen – daran entzündet sich die Debatte. Unser Pro und Kontra.

Steht Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Minge bald vor leeren Rängen beim Spiel im Rudolf-Harbig-Stadion? An Geisterspielen scheiden sich die Geister.
Steht Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Minge bald vor leeren Rängen beim Spiel im Rudolf-Harbig-Stadion? An Geisterspielen scheiden sich die Geister. © Robert Michael

Seit Wochen arbeitet der Profifußball auf nichts anderes hin als die Fortsetzung der Saison, am Ende aber entscheidet darüber allein die Politik. Sagt zumindest Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und befeuert zudem gern die wieder zunehmenden Diskussionen über den weiteren Spielbetrieb in der 1. und 2. Bundesliga – allerdings unter Ausschluss der Zuschauer. Das also, was derzeit allerorten mit dem einen Wort zusammengefasst wird: Geisterspiele. Für denkbar halte er das, betont Söder und hat gemeinsam mit dem Amtskollegen aus Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, inzwischen bereits den 9. Mai als Termin genannt.

Selbst Sachsens Ministerpräsident hat sich mittlerweile in die Debatte eingebracht: „Geisterspiele sind besser als nichts. Viele Deutsche freuen sich auf die Fußballübertragung. Ich auch“, sagt Michael Kretschmer. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ... hat alldem bislang nicht widersprochen, umso heftiger aber die Fanszene in Deutschland. Auch der Fußball gehöre in Quarantäne, erklärte das Bündnis in der vergangenen Woche. Eine Fortsetzung der Saison sei unverantwortlich, meinen immer wieder auch Virologen und verweisen auf das Ansteckungsrisiko.

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Am Donnerstag beraten die Vertreter der 36 Profivereine in einer weiteren Telefonkonferenz, wie ein Neustart in der Corona-Krise aussehen könnte. Nur ein schlüssiges Konzept könnte den Weg für Geisterspiele freimachen. Dabei gibt es tatsächlich einige Argumente, die Saison sofort abzubrechen, aber ebenso viele, die dagegen sprechen.

Pro: Das Geld darf kein Argument sein

SZ-Sportredakteur Daniel Klein (46)
SZ-Sportredakteur Daniel Klein (46) © Robert Michael

Olympische Sommerspiele, Fußball-Europameisterschaft, Tour de France, aber auch Turnfeste und Kreismeisterschaften – alles verschoben oder abgesagt. In den nächsten Wochen und Monaten macht der Sport eine Zwangspause. Der gesamte Sport? Nein, eine elitäre – oder besser monetäre – Ausnahme soll es hierzulande geben. Dass mit den 36 Fußball-Erst- und Zweitligisten ausgerechnet die Großverdiener im deutschen Sport weiterspielen wollen, ist schon grotesk.

Noch bizarrer sind die Bedingungen, unter denen die Saison zu Ende gebracht werden soll. Keine Zuschauer in den Stadien, 20.000 Corona-Tests und womöglich eine wochenlange rigorose Abschottung aller Mannschaften und Betreuer, um eine Ansteckung – auch durch die Spielerfrauen und Kinder – zu verhindern. Ist es das wirklich wert? Was passiert, wenn am vorletzten Spieltag trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein Profi positiv getestet wird? War dann alles umsonst?

Natürlich wäre es von allen möglichen Lösungen die sportlich fairste, wenn der Ball im Mai und Juni wieder rollt. Dann gäbe es Auf- und Absteiger und Mannschaften, die sich für die Europacup-Wettbewerbe qualifizieren.

Der wichtigste Grund, warum die 1. und 2. Bundesliga weitermachen will, ist natürlich das Geld, vor allem vom TV-Rechteinhaber Sky, der die letzte Rate für diese Saison noch nicht überwiesen hat. Weigert er sich, droht einigen Vereinen die Insolvenz. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, welche Spiele Sky künftig übertragen will, wenn die halbe Liga pleite ist. Der Sender wird also auch aus Eigeninteresse zahlen, selbst wenn die Saison abrupt enden sollte.

Das müsste sie aber gar nicht. Die Tabellen bleiben einfach so lange eingefroren, bis Zuschauer wieder ins Stadion dürfen, alles wieder einigermaßen normal läuft. Wenn man eine Fußball-WM kurz vor Weihnachten austrägt, warum sollte man dann nicht Arbeitsverträge verlängern und eine Transferperiode verschieben können? Der Meister wird halt im Herbst gekürt.

Wahrscheinlich kommt es jedoch anders, und das ist auch politisch so gewollt. Der Fußball ist der ideale Stimmungsaufheller in diesen Zeiten. Brot und Spiele – das funktioniert immer.

Kontra: In einen Alltag finden, der anders bleibt

SZ-Sportredakteur Sven Geisler (53)
SZ-Sportredakteur Sven Geisler (53) © Robert Michael

Es wäre ein sauberer Schnitt: Schluss, vorbei. Die Saison jetzt abzubrechen, ist allerdings eine ähnlich gruselige Vorstellung, wie sie mit Geisterspielen zu Ende zu bringen. Um das vorweg zu schicken: Es darf nur unter der Voraussetzung weitergehen, dass es Experten für gesundheitspolitisch vertretbar halten und keine Kapazitäten etwa für Corona-Tests verbraucht werden, die anderswo fehlen könnten. Das wäre unverantwortlich.

Wenn es aber eine Chance gibt, den Ball zumindest in den beiden höchsten Ligen wieder rollen zu lassen, sollte man diese unbedingt ergreifen. Für die Klubs geht es um Millionen, für manchen um die Existenz. Das kann jedoch kein ausschlaggebendes Argument sein. Was die finanziellen Folgen betrifft, haben Gastronomen, Reisebüros, Konzertveranstalter und andere Branchen eher berechtigten Grund, sich über unabsehbare Folgen zu beklagen. Der Profi-Fußball bekäme durch die Corona-Krise die Quittung für seinen Größenwahn, für die Geldverschwendung, die in keinem Verhältnis steht zum gesellschaftlichen Wert des Spiels. Wie peinlich weit entrückt dieses Konstrukt der Realität ist, wird deutlich, wenn jetzt Krankenschwestern und Pflegekräfte 4.000 Euro brutto anstatt Applaus fordern.

Trotz dieser Auswüchse fasziniert das Spiel Millionen Menschen, die mit ihrem Verein hoffen oder bangen. Dass sich die Ultras, also die aktive Fanszene, dagegen aussprechen, mit Geisterspielen weiterzumachen, ist konsequent. Schließlich kämpfen sie seit Jahren gegen den Zuschauer-Ausschluss als Bestrafung durch das Sportgericht. Die Stimmung auf den Rängen gehört für sie zum Fußball wie die Tore. Und das ist gut so. Prinzipiell.

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Doch jetzt, das ist eine Ausnahmesituation. Bei einem Abbruch gäbe es, darin sind sich alle einig, keine gerechte Lösung. Auf einen Meister kann man mal verzichten, auf Absteiger erst recht, zumal dann Dynamo in der zweiten Liga gerettet wäre. Doch was ist mit denen, die eine vielleicht einmalig starke Saison spielen und nicht aufsteigen könnten wie Arminia Bielefeld?

Der Fußball mit seinen emotionalen Ausschlägen könnte hilfreich sein, in einen Alltag zu finden, der anders bleiben wird. Das löst kein Problem, aber etwas Ablenkung würde sicher vielen gut tun.

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