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Soll die Riesenantenne gerettet werden?

Das Wahrzeichen an der A4 in Wilsdruff ist beliebt. Hier sagen zwei Journalisten ihre Meinung dazu.

Früher Antenne, heute beliebte Landmarke: der Sender Wilsdruff an der A4.
Früher Antenne, heute beliebte Landmarke: der Sender Wilsdruff an der A4. © Andreas Weihs

Die Riesenantenne ist eine Landmarke, deutlich sichtbar weit über die Stadtgrenzen von Wilsdruff. Damit soll es Ende des Jahres vorbei sein. Der Besitzer der Antenne, die Kölner Firma Media Broadcast, möchte den Turm abreißen. Das Unternehmen begründet das mit den hohen Unterhaltungskosten, den faktische keine Einnahmen entgegenstehen, weil die Antenne nicht mehr genutzt wird.

Gegen den Abriss hat sich Widerstand formiert. Die Limbacherin Sabine Neumann initiierte eine Unterschriftensammlung im Internet. An dieser Onlinepetition haben sich inzwischen mehr als 3 000 Bürger beteiligt, davon knapp 1 700 aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Um die Unterschriftensammlung, die sich an Landrat Michael Geisler (CDU) und den Kreistag wendet, erfolgreich abzuschließen, müssen 2 100 Bürger aus dem Kreis dieses Anliegen unterstützen. Die Petition läuft noch zwei Wochen. Der Unmut der Bürger ist „absolut nachvollziehbar“, sagt Wilsdruffs Bürgermeister Ralf Rother (CDU). Denn seit seinem Bau vor 66 Jahren habe sich der Turm zu einer Landmarke entwickelt. Der Stadtrat habe deshalb den Abriss abgelehnt. 

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Pro: Nicht immer alles schleifen

SZ-Redakteurin Annett Heyse findet es wunderbar, die Antenne auf der Heimfahrt nach Dresden zu erblicken. 
SZ-Redakteurin Annett Heyse findet es wunderbar, die Antenne auf der Heimfahrt nach Dresden zu erblicken.  © Andreas Weihs

Ich erinnere mich an Urlaubs-Heimfahrten in meiner Kindheit: Mein Bruder und ich eingequetscht zwischen Rucksäcken auf dem Rücksitz das Trabis, die Sonne knallte aufs Autodach und unsere Geduld war nach vier Stunden Fahrzeit deutlich strapaziert. Wie schön war es dann, endlich den Wilsdruffer Sendemast auftauchen zu sehen. Wenn ich heute auf der Autobahn unterwegs bin und die Riesenantenne sehe, muss ich immer daran denken. Und ich gebe es zu, wenn meine eigenen Kinder auf dem Rücksitz zum gefühlt einhundertsten Mal fragen, wenn wir endlich da sind, sage ich immer: Schaut nach dem Mast, wer ihn zuerst sieht, bekommt den letzten Keks.

Vielen Menschen in der Umgebung geht es ähnlich – das haben die Reaktionen auf Facebook und die Leserzuschriften in den vergangenen Wochen gezeigt. Der Sendemast in Wilsdruff ist ein Wahrzeichen geworden, eine Landmarke, ein Orientierungspunkt – so wie die Leuchttürme an der Küste. Die Wilsdruffer verbinden mit ihm Heimat.

Viele Bauwerke oder Einrichtungen werden für die Nachwelt für viel Geld erhalten, obwohl sie ihre ursprüngliche Funktion längst verloren haben. Die Festung Königstein, die Weißeritztalbahn oder die Schaubergwerke im Erzgebirge sind nur noch für den Tourismus da, ansonsten braucht sie kein Mensch mehr. Halt, das ist falsch. Auch da geht es um Heimat, um Traditionspflege, um das Landschaftsbild. Und es geht auch um Wissens- und Geschichtsvermittlung. Aber warum will dann keiner den Wilsdruffer Sendemast erhalten, der sogar auf der Denkmalliste steht? Da wird mit zweierlei Maß gemessen.

Genau so, wie für viel Steuergeld Burgen, Dampfeisenbahnen oder Bergwerke erhalten werden, könnte auch der Funkmast in Wilsdruff gerettet werden. Dabei ist doch ganz egal, welche Eigentumsverhältnisse rund um die Antenne bestehen. Es wird dort kein Publikumsverkehr stattfinden. Der Mast soll einfach nur zeigen: Es ist nun nicht mehr weit bis nach Hause.

Kontra: Erhalt scheitert an Realität

SZ-Redakteur Tobias Winter sieht zwei Punkte, die gegen eine Rettung des Riesenspargels sprechen.
SZ-Redakteur Tobias Winter sieht zwei Punkte, die gegen eine Rettung des Riesenspargels sprechen. © Andreas Weihs

Natürlich ist es nicht schön, wenn etwas Gewohntes und Liebgewonnenes verschwindet. Wir leben in einer Umwelt, die ständigen Veränderungen unterworfen ist. Die Globalisierung, die Digitalisierung oder der Klimawandel stellen unsere bisherige Lebensweise infrage. Da ist es schön, wenn es im Leben Konstanten gibt – so wie die Riesenantenne an der Autobahn. Doch so ehrenhaft der Einsatz des Wilsdruffer Technikvereins und anderer Abrissgegner ist, so sehr scheitern deren Ideen, wie sie die Antenne erhalten werden wollen, an der Realität.

Zwei Punkte sind dabei entscheidend: Die immensen jährlichen Wartungskosten und die Eigentumsverhältnisse an der Antenne.

Eine mittlere fünfstellige Summe wäre mindestens jährlich aufzubringen, um den Mast in Schuss zu halten. Wie soll das refinanziert werden und von wem? Ein Museum oder ein Erlebnispark rund um das Thema Mittelwelle und Radio würde wohl kaum solch eine Summe einspielen. Dafür ist die Fangemeinde zu klein. Und nur Steuergelder für den Erhalt aufzubringen, wäre ein Irrsinn. Nur um die Heimatgefühle mancher zu befriedigen, würde über 50 Jahre gesehen, der Gegenwert eines Kita-Neubaus verpulvert.

Letztlich scheitern alle gut gemeinten Ideen aber an den Eigentumsverhältnissen vor Ort. Die Antenne gehört der Media Broadcast, das Gebäude darunter der Telekom-Tochter Deutsche Funkturm und das Gelände ringsherum einem Privatmann. Dieser hat bislang wenig Lust gezeigt, sein Grundstück zum öffentlichen Museum zu machen, was auch sein gutes Recht ist. Insofern ist der öffentlichen Nutzung des Areals von vornherein ein Riegel vorgeschoben.

So bitter es ist: Die Fans der Riesenantenne müssen sich mit dem Abriss des Wahrzeichens abfinden. Als Kompromiss sollte man aber versuchen, Teile der alten Sendertechnik und Teile der Antenne zu erhalten. Diese könnten dann ihren Platz in einem Technikmuseum finden, um die Erinnerung an die Landmarke zu bewahren.

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