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Sollen Kassen für Homöopathie zahlen?

Kritiker fordern ein Ende der Finanzierung der Homöopathie, die in Sachsen besonders verbreitet ist. Die Analyse eines komplizierten Streits.

Die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln ist höchst umstritten.
Die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln ist höchst umstritten. © plainpicture

Die zweijährige Lina* aus Grimma hatte immer wieder Mittelohrentzündungen und hörte deshalb schlecht. Eine Operation – der Einsatz eines sogenannten Paukenröhrchens – sollte das Trommelfell entlasten. Doch die Eltern wollten es zunächst homöopathisch versuchen. Paula Huchting, Ärztin aus Großpösna bei Leipzig, behandelt ihre Patienten sowohl klassisch als auch homöopathisch. Sie gab dem Mädchen nach ausführlicher Diagnostik Globuli mit Calcium Carbonicum – das ist Austernmuschelkalk. Schon nach ein paar Tagen zeigte die Hörprüfung ein viel besseres Ergebnis. Dem Mädchen blieb eine OP erspart.

Fälle wie diese sind es, die die Ärztin Paula Huchting bestärkt haben, eine Zusatzqualifikation für Homöopathie zu erwerben. Sie ist in Deutschland Voraussetzung, um homöopathische Leistungen bei den Krankenkassen abrechnen zu können. Die entsprechende Prüfung wird bei der Landesärztekammer abgelegt. Doch damit könnte bald Schluss sein. Denn die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln ist höchst umstritten. Zudem kommen mit der Corona-Pandemie nun ungeplante Kosten auf die Kassen zu, zum Beispiel für Tests auf Infektionen und Antikörper.

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Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Wissenschaftler aus Medizin, Physik, Mathematik und Ethik, die sich im sogenannten Münsteraner Kreis zusammengeschlossen haben, kämpfen bereits seit Jahren gegen die aus ihrer Sicht unwissenschaftliche Methode. Ihr Ziel: Die Zusatzqualifikation abschaffen und den Zusatz „Homöopathie“ auf den Praxisschildern entfernen lassen. Unterstützung bekommen sie jetzt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Diese fordert von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Finanzierung homöopathischer Mittel durch die Krankenkassen zu stoppen. „Die Finanzen sind begrenzt“, sagt Bundeskassenärztechef Andreas Gassen. „Auf der einen Seite gibt es extrem harte Maßstäbe für die Bewilligung von Therapien für lebensbedrohlich kranke Menschen. Auf der anderen Seite wird Geld rausgeworfen. Für mich als Arzt ist das unerträglich.“ Wenn Patienten an die Wirkung der Homöopathie glaubten, dann müssten sie dafür selber zahlen.

Im Repertorium, einem Nachschlagewerk für Homöopathie, sucht Dr. Katharina Tost aus Chemnitz das Mittel mit der größten Trefferquote gegen die Beschwerden.
Im Repertorium, einem Nachschlagewerk für Homöopathie, sucht Dr. Katharina Tost aus Chemnitz das Mittel mit der größten Trefferquote gegen die Beschwerden. © Andreas Seidel

Zwar ist die Homöopathie kein Bestandteil des gesetzlichen Leistungskataloges. Doch angesichts der Beliebtheit alternativer Heilmethoden und des Wettbewerbsdrucks zahlen die meisten gesetzlichen Krankenkassen dafür freiwillig – in unterschiedlichem Umfang. So übernehmen alle großen Kassen in Sachsen die Kosten für die Anamnese und die Findung geeigneter homöopathischer Mittel. Diese jedoch sind dann mit Ausnahme von Kindern bis zum zwölften Lebensjahr meist selbst zu tragen. Lediglich die IKK Classic erstattet auch dafür bis zu 50 Euro im Jahr. „Bundesweit machte etwa einer von 200 bei uns Versicherten Kosten für homöopathische Leistungen geltend“, sagt Andrea Ludolph, Kassensprecherin in Sachsen. Etwa 27 Prozent der Anträge und damit überdurchschnittlich viele kämen aus dem Freistaat.

Möglicherweise hat das etwas mit Tradition zu tun. Denn Sachsen gilt als Ursprungsland der Homöopathie. Hier hat der Meißner Arzt und Chemiker Samuel Hahnemann 1796 den Leitspruch „Ähnliches soll mit Ähnlichem geheilt werden“ geprägt. Die Grundidee ist aber schon viel älter und geht auf Paracelsus zurück. Der zeigte den biologischen Effekt, dass geringe Dosen schädlicher oder giftiger Substanzen eine positive Wirkung auf den Organismus haben können. Ein Beispiel sind Fingerhut-Alkaloide gegen Herzkrankheiten. Dieses Ähnlichkeitsprinzip hat Hahnemann dann weiterentwickelt – überprüft hat er es aber seinerzeit wohl nur im Selbstversuch.

Heutige Homöopathen behandeln Patienten mit einem Mittel, das bei Gesunden ähnliche Symptome hervorruft. Dieses Mittel wird jedoch in deutlich abgeschwächter Form gegeben – den sogenannten Potenzen.

Ein eindeutiger Nachweis fehlt

Um die wissenschaftliche Forschung an dieser Methode zu forcieren, gründeten der damalige Bundespräsident Karl Carstens und seine Ehefrau Veronika 1982 eine Stiftung. Seit 2010 gibt es zudem die wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie, die regelmäßig über den aktuellen Stand der homöopathischen Forschung berichtet. Den eindeutigen Nachweis des Ähnlichkeitsprinzips ist aber auch sie noch schuldig.

„Das Thema wurde noch viel zu wenig erforscht“, sagt Dr. Jens Behnke von der Carstens-Stiftung. Hinweise gebe es aber dennoch. Stellvertretend nennt er zwei aktuelle Untersuchungen. So wurden Wasserlinsen – auch als Entengrütze bekannt – mit Arsen und ähnlichen Substanzen vergiftet, was ihr Wachstum gehemmt hat. Die Pflanzen erholten sich schneller, wenn sie mit derselben Substanz in potenzierter Form behandelt wurden. Die zweite Untersuchung stamme von einer holländischen Arbeitsgruppe. Sie „stresste“ Zellkulturen zuerst mit einem Hitzeschock und behandelte sie anschließend mit niedrigen Dosen verschiedener Substanzen. „Die Überlebensrate der Zellen war umso höher, je ähnlicher die Substanz den durch den Hitzeschock gebildeten Eiweißen war“, so Behnke.

Viel stärker als das Ähnlichkeitsprinzip werden von Kritikern jedoch die homöopathischen Medikamente angegriffen. Zum Beispiel von Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin aus England: „Die allermeisten Homöopathika sind derart verdünnt, dass sie kein einziges Molekül der Substanz mehr enthalten, die auf der Packung angegeben ist“, sagte er in einem Interview. Die Praxis des Verreibens und Verschüttelns dieser Stoffe gehöre in den Bereich der Esoterik, nicht in die Medizin, argumentiert auch der Münsteraner Kreis.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) findet es „okay“, wenn die gesetzlichen Kassen für Homöopathie zahlen.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) findet es „okay“, wenn die gesetzlichen Kassen für Homöopathie zahlen. © Kay Nietfeld/dpa

Für Homöopathieforscher Jens Behnke jedoch hat der pharmazeutische Vorgang des Potenzierens messbare Effekte auf das Endprodukt. Die Herstellung sei mitnichten unwissenschaftlich oder gar esoterisch. „Es wird ja kein Ritual durch Besprechen vorgenommen, sondern stark physikalisch auf die Substanzen eingewirkt.“ Durch das Schütteln, Klopfen und Verreiben soll eine Energieübertragung stattfinden. Je stärker die Verdünnung, umso höher die Potenz und die Wirksamkeit, sagen Homöopathiker. Behnke verweist auf eine erst in diesem Jahr publizierte Untersuchung. Forscher aus Deutschland und der Schweiz ließen homöopathische Arzneimittel in unterschiedlichen Zubereitungen auf Objektträgern verdunsten. Anschließend wurden die Kristallisationsmuster unter dem Mikroskop mittels computergestützter Bildabtastung untersucht. „Es zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen potenzierten und lediglich verdünnten Substanzen.“ Weitere Experimente sollen folgen.

Kritiker überzeugt das nicht. Die Homöopathie verkehre das in der Pharmazie bewährte Dosis-Wirkungsprinzip ins Gegenteil. Für Edzard Ernst ist es deshalb „an der Zeit, die Homöopathie aus den Regalen der Apotheken zu entfernen und sich auf wissenschaftlich fundierte und klinisch gut belegte Therapien zu konzentrieren.“

Allerdings: Würde diese Forderung Realität, hätten Apotheken bald nur noch ein sehr überschaubares Angebot. Denn auch für viele klassische Medikamente fehlt der Nachweis des Wirkungsprinzips – allen voran für das beliebte Paracetamol. Laut Pharma-Wiki wurde „der Wirkmechanismus noch nicht abschließend aufgeklärt“. Von den Leitlinien zur Behandlung bestimmter Krankheiten sei nur ein geringer Teil evidenzbasiert, also eindeutig nachgewiesen, bestätigt die Cochraine Collaboration – ein globales, unabhängiges Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, das die Evidenz medizinischer Behandlungen überprüft.

"Wertvolle Ergänzung zur klassischen Medizin“

Dabei gibt es Ärzte, die diese beiden Bereiche gar nicht trennen wollen. So wie Dr. Katharina Tost aus Chemnitz. Ihr genügt, dass ihre homöopathische Behandlung den Patienten hilft. Tost leitet den sächsischen Landesverband im Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte. Um ein geeignetes Mittel zu finden, analysiert sie ausführlich die Symptome des Patienten. „Bei Husten zum Beispiel macht es nicht nur einen Unterschied, ob er trocken, mit Auswurf, bellend oder anfallsartig ist, sondern auch, ob die Beschwerden eher tags als nachts oder eher im Freien auftreten“, sagt sie. Im Repertorium, einem Nachschlagewerk für Homöopathie, sind alle etwa tausend Stoffe tierischen, mineralischen und pflanzlichen Ursprungs aufgeführt – mit den dazugehörigen Beschwerden, die sie bei gesunden Menschen ausgelöst haben. Nach dem Ausschlussprinzip kommt der Arzt dann im Idealfall auf den einen richtigen Stoff, den er dem Patienten in Form von Globuli verabreicht. „Je höher der Stoff potenziert ist, umso weniger gebe ich dem Patienten davon“, so Tost. „Oft genügen nur drei bis fünf Kügelchen, um die Beschwerden deutlich zu bessern.“ Gebe es mehrere Treffer im Repertorium, könne man wechseln, wenn bei akuten Beschwerden nicht innerhalb von Stunden eine Besserung eintritt. Bei chronischen Beschwerden könne es auch mehrere Tagen oder auch Wochen dauern, bis sich eine Wirkung zeigt.

Wie zufrieden die Deutschen mit der Homöopathie sind, hat der Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2014 untersucht. Demnach hatten 60 Prozent der Befragten bereits Homöopathie genutzt. Bei mehr als 80 Prozent dieser Patienten habe sich danach das Allgemeinbefinden und die seelische Verfassung gebessert. „Am deutlichsten gingen mit 85 Prozent körperliche Beschwerden zurück“, heißt es in der Studie. Homöopathie sei aber kein Allheilmittel und könne die klassische Medizin nicht ersetzen, so das Fazit.

Für Ärzte wie Katharina Tost ist das selbstverständlich. „Ich würde nie einen Krebspatienten ausschließlich homöopathisch behandeln. Das wäre unverantwortlich. Mit der Homöopathie kann ich aber wunderbar Nebenwirkungen der Chemotherapie lindern. Wir sehen sie als wertvolle Ergänzung zur klassischen Medizin.“

Und was ist mit den Kosten? Ließen sich die Corona-Mehrbelastungen nicht durch einen Finanzierungsstopp für homöopathische Behandlungen auffangen? Tatsächlich sind die Ausgaben für die Homöopathie gar nicht so hoch wie oft angenommen. 2018 setzten sächsische Krankenkassen dafür zwischen 0,02 und 0,07 Prozent ihres Budgets ein. Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geben die gesetzlichen Kassen im Jahr 40 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, aber nur 20 Millionen für Homöopathie – ein Anteil von 0,05 Prozent. Darüber könne man emotional diskutieren und dabei viele vor den Kopf stoßen, sagt er. Oder man könne sich fragen, ob es das angesichts der Größenordnung wert sei. Er habe sich entschlossen, dass „es so okay“ sei.

Zusatzbezeichnung Homöopathie abgeschafft

Wie lange der Gesundheitsminister sich mit seiner Meinung halten kann, ist angesichts der Entwicklung in anderen europäischen Staaten aber fraglich. So hat Frankreich beschlossen, dass die Kassen ab 2021 keine homöopathischen Leistungen mehr übernehmen. In Großbritannien, Spanien und Österreich ist das bereits gängige Praxis. Auch der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, spricht sich dagegen aus, dass Kassen für Homöopathie bezahlen. „Es ist schwer zu bewerten, ob homöopathische Methoden tatsächlich helfen, da es kaum wissenschaftliche Belege gibt. Deshalb müssen Ärzte genau überlegen, wann sie solche Methoden anwenden“, sagt er.

Die Ärztekammern in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind dem Aufruf des Münsteraner Kreises bereits gefolgt und haben die Zusatzbezeichnung Homöopathie abgeschafft. „Das wird viele Patienten künftig vor Scharlatanerie und falschen Therapien schützen“, so Kreismitglied Hans-Werner Bertelsen, Zahnarzt aus Bremen. „In Sachsen ist das derzeit nicht vorgesehen“, sagt Knut Köhler, Sprecher der Sächsischen Landesärztekammer. Allerdings werde an diesem Wochenende eine neue Weiterbildungsordnung beschlossen. „Sollte dort ein Antrag auf Abschaffung der Zusatzbezeichnung gestellt werden, müssten wir darüber entscheiden.“

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*Name des Kindes geändert.

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