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Sollte man vor verstörenden Bildern warnen?

Viele sagen, es sei wichtig, Fotos von ertrunkenen Geflüchteten zu zeigen. SZ-Redakteurin Johanna Lemke ist zwiegespalten.

© Dogan News Agency/epa/dpa

Bei Alan Kurdi war es mir zunächst noch gelungen. Jemand hatte mir damals gesagt: „Ich kann mir das nicht anschauen, das Bild!“ So hatte ich ein paar Tage lang Nachrichtenportale gemieden, um nicht mit dem Foto des ertrunkenen Kindes am Mittelmeerstrand konfrontiert zu werden. Später hatte ich mich auf den Anblick vorbereitet und sah das Foto: Kurdis toter Körper lag ziemlich genau so da, wie meine damals gleich alte Tochter gern schlief.

Dieses Mal wurde ich überrascht. Unachtsam öffnete ich die Seite eines sozialen Netzwerks und sah: zwei Leichen an einem Flussufer, ein Mann und ein Kleinkind, das sich an ihn klammert. Ich scrollte schnell weiter, in der Hoffnung, der Eindruck möge sich nicht in meinem Gedächtnis anhaften. Ich wünschte mir, dass der Moment des Sehens kurz genug ist, um das Bild wieder zu vergessen.

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Aber mein Gehirn war zu schnell, es merkte sich das Bild sofort, Löschen nicht möglich. Ich lese: Óscar Alberto Martínez Ramírez und seine an ihn geklammerte Tochter Valeria sind ertrunken beim Versuch, den Rio Grande zwischen Mexiko und den USA zu überqueren. Ihr Tod symbolisiert den Tod der Tausenden von Menschen, die auf der Flucht verenden.

Manche sagen, es ist wichtig, Fotos wie dieses zu zeigen. Ich verstehe das Argument. Susan Sontag schrieb, dass Bilder durch ihre Unmittelbarkeit eine unsagbare Macht haben, politisch fungieren können. Und es stimmt ja auch: Das genannte Bild von Alan Kurdi hat die Debatte über Europas Flüchtlingspolitik vorangetrieben. Jetzt wird über die Migrationskrise in den USA gesprochen. Trotzdem möchte ich mich schützen können.

Viele Zeitungen haben das Bild nicht gezeigt. Internetportale haben es zuerst unkenntlich gemacht,erst durch einen Klick wurde es erkennbar. Wir sind mündige Bürger, aber im Internet sind wir oft Dingen ausgesetzt, die wir nicht ertragen können. Darum werden schon oft Triggerwarnungen genutzt: Hinweise, dass folgende Inhalte verstören könnten. Das gibt uns die Möglichkeit, die Augen zu verschließen.

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Mit einer Triggerwarnung hätte ich mir das Foto von Óscar Alberto Martínez Ramírez und Valeria nicht angesehen. Es hätte mich nicht so verstört. Es hätte mich nicht dazu veranlasst, nachzulesen, warum der Weg über den Fluss vielen als letzter Ausweg scheint. Die Macht der Bilder ist schlimm, und sie ist gut.

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