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Kein Einzelfall: Gärtitzbach versiegt

Die Region erlebt den dritten Dürresommer in Folge. Nicht nur in der Natur gibt es Probleme. Auch die Grundversorgung der Menschen ist am Limit.

Im Gärtitzbach zwischen Großweitzschen und Döbeln befindet sich schon seit längerer Zeit kein Tropfen Wasser mehr. Stattdessen wächst dort Gras.
Im Gärtitzbach zwischen Großweitzschen und Döbeln befindet sich schon seit längerer Zeit kein Tropfen Wasser mehr. Stattdessen wächst dort Gras. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Ein viel zu trockener Juli und noch mehr Trockenheit im August: Das sind die Bilanz und die Prognose des Deutschen Wetterdienstes für Gesamtdeutschland. Die Wettersituation in Mittelsachsen bleibt auch im dritten Jahr in Folge kritisch – vor allem für die Natur, die Landwirtschaft und nicht zuletzt für die Menschen.

„Steigende Temperaturen, fehlende Niederschläge, stark ausgetrocknete Böden, die den Regen schlechter aufnehmen, und der Durst der Atmosphäre – das sind die Miseren der anhaltenden Trockenheit in Sachsen“, urteilt die Sprecherin des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) Karin Bernhardt.

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Durch die extrem trockene und heiße Witterung hat sich die Wassersituation in Sachsen weiter verschärft. An 60 Prozent der Pegel im Freistaat liegen die Durchflüsse im Niedrigwasserbereich, weitere 23 Prozent steuern darauf zu. Auch die Freiberger Mulde im Bereich Döbeln und Nossen, die Striegis sowie die Zschopau führen derzeit deutlich weniger Wasser.

Grundwasserspiegel in Mittelsachsen um halben Meter gesunken

Während die Pegel von Striegis und Mulde noch moderat gesunken sind, fiel dieser in der Zschopau um knapp 45 Prozent und in der Jahna gar um mehr als 60 Prozent.

„Die ergiebigen Niederschläge am 9. und 10. August konnten diese Situation nur kurzzeitig etwas abmildern“, erklärt Bernhardt. Weitere Bäche und Flüsse beziehungsweise Gewässerabschnitte führen mittlerweile schon gar kein Wasser mehr.

Beispielsweise sei der Schweimnitzer Bach in Zschaitz-Ottewig derzeit völlig ausgetrocknet, so Bürgermeister Immo Barkawitz (parteilos). Auch der Gärtitzer Bach von Großweitzschen nach Döbeln führt kein Wasser mehr, sagt Döbelns Baudezernent Thomas Hanns.

Selbst Tiefbrunnen sind in der Region betroffen. Wie Leisnigs Bauhofleiter Ralf Herrmann sagt, liegen diese schon seit 2019 trocken. „Das beweist, dass sich der Grundwasserspiegel deutlich gesenkt hat. Auch der Baumbestand, der bis 2018 noch in voller Pracht zu bewundern war, zeigt jetzt Vertrocknungserscheinungen.“

Rückblick: Schon 2018 ist der Bach im Garten von Stephan Liebscher aus Böhrigen voll ausgetrocknet.
Rückblick: Schon 2018 ist der Bach im Garten von Stephan Liebscher aus Böhrigen voll ausgetrocknet. © Archiv/André Braun

Dort, wo Flüsse oder Bäche trockenfallen, kann es nicht nur für Pflanzen und Lebewesen außerhalb des Wassers problematisch werden, sondern auch zur Beeinträchtigung der Fischfauna kommen. Aktuelle Meldungen zu Fischsterben liegen dem Landesumweltamt zwar nicht vor, das Risiko bestehe jedoch.

Seit 2013 verzeichne das Landesamt für Umwelt zudem überwiegend fallende Grundwasserstände in Sachsen. Im Freistaat herrscht eine ausgeprägte Grundwasserdürre. Derzeit unterschreiten knapp 100 Prozent der mittelsächsischen Messstellen den monatstypischen Grundwasserstand um durchschnittlich einen halben Meter, örtlich auch mehr.

Landratsamt kontrolliert Wasserentnahmeverbot streng

Aufgrund der geringen Wasser- und Grundwasserstände reagiert auch das Landratsamt Mittelsachsen. Bereits im Juli verfügte die Untere Wasserbehörde, dass aus oberirdischen Gewässern kein Wasser mehr abgepumpt werden darf.

Durch das Niedrigwasser „werden die Gewässer sowie die im und am Wasser lebenden Organismen und Pflanzen nachhaltig gestört. Das Abpumpen oder Ableiten von Wasser aus einem oberirdischen Gewässer verstärkt die Beeinträchtigung erheblich“, so die Behörde.

Deshalb seien Mitarbeiter des Landratsamtes auch unterwegs, um die Einhaltung der Verfügung zu kontrollieren. „Mutmaßliche Verstöße werden aufgenommen“, erklärt Pressereferentin Cornelia Kluge. Anschließend würden diese in einem Verwaltungsverfahren aufgearbeitet. „In diesem Zusammenhang sind auch Hinweise oder Anzeigen Dritter hilfreich.“

Blaualgen als Ursache für gesundheitliche Folgen

Der sinkende Wasserstand ist das eine Problem. Die Hitze bedroht außerdem bei dem verbleibenden Wasser die Qualität, wie LfULG-Pressesprecherin Karin Bernhardt mitteilt. Das Thema Blaualgen stehe weiterhin auf der Tagesordnung.

So sind laut mittelsächsischem Gesundheitsamt am 7. August Cyanobakterien (Blaualgen) in der Talsperre Kriebstein, an der es auch wilde Badestelle gibt, nachgewiesen worden. „Das Gesundheitsamt informiert nach einer Wasserprobe die Betreiber mit einer Warnung ‚Gesundheitsgefährdung‘“, so Peggy Zill, Pressesprecherin des Landkreises Mittelsachsen. „Diese stellen dann Warnschilder auf.“

Anfang August wurden an der Talsperre Kriebstein Blaualgen festgestellt. Die Talsperre ist eigentlich nur eine "wilde Badestelle".
Anfang August wurden an der Talsperre Kriebstein Blaualgen festgestellt. Die Talsperre ist eigentlich nur eine "wilde Badestelle". © Dietmar Thomas

Blaualgen könnten unter Umständen für den Badegast gesundheitliche Folgen haben, da Blaualgen-Toxine Haut- sowie Schleimhautreizungen hervorrufen. Zudem sei bei unzureichender Sichttiefe und einer fehlenden Aufsicht die Sicherheit der Badegäste nicht gewährleistet.

Stausee Baderitz weiterhin kein Badegewässer

„Daher empfiehlt das Gesundheitsamt, dass Badewillige im Landkreis Mittelsachsen auf die Freibäder ausweichen sollten. Das Badebeckenwasser wird aus hygienischer Sicht täglich durch den Betreiber und mindestens dreimal in der Saison durch das Gesundheitsamt geprüft, hier kann man bedenkenlos das kühle Nass nutzen“, meint Peggy Zill. 

Wer es dennoch nicht lassen kann, sich in einem wilden Badegewässer wie der Talsperre Kriebstein abzukühlen, solle sich nach dem Baden, spätestens am Abend, gründlich abduschen.

Der Stausee Baderitz wurde in diesem Jahr nicht auf Blaualgen getestet. Baden sollte dort aber niemand, wie Bürgermeister Immo Barkawitz sagt. „Getestet wurde in den letzten Jahren häufig. Und Blaualgen waren meistens Bestandteil der Probe.“

Region Döbeln: Wasserverbrauch um 30 Prozent höher

Blaualgen gibt es im Trinkwasser der Veolia Wasser Deutschland GmbH, zu der der Wasserverband Döbeln-Oschatz gehört, zwar nicht, aber Probleme macht die Trockenheit auch dem Wasserversorger trotzdem. „Einzelne Wasserfassungen und Wasserwerke sowie Pumpstationen haben zuletzt nahe an der Belastungsgrenze arbeiten müssen“, sagt der Referent für Unternehmenskommunikation bei der Veolia Olaf Modrozynski.

Der Wasserverbrauch liegt an Spitzentagen bei etwa 130 Litern pro Person am Tag und damit über 30 Prozent höher als im Jahresschnitt. Das seien – beim Blick auf die vergangenen beiden Hitzejahre – laut Modrozynski allerdings schon bekannte, extreme Hochsommerwerte. „Ob der Verbrauch in und wegen der Corona-Pandemie zusätzlich gestiegen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.“

Symbolfoto: Insgesamt steuert die Veolia 2020 das dritte Jahr in Folge auf eine rekordverdächtige Menge zu.
Symbolfoto: Insgesamt steuert die Veolia 2020 das dritte Jahr in Folge auf eine rekordverdächtige Menge zu. © dpa/Daniel Reinhardt

Die Wasserabnahme ist bei Hitze und Trockenheit erwartungsgemäß sehr hoch. Wiederum hat es auch etwas häufiger geregnet als in den vergangenen Jahren. Auf das gesamte Jahr gesehen, steuere der Wasserversorger aber das dritte Jahr auf rekordverdächtige Mengen zu.

Trotzdem: Die Trinkwasserversorgung im Gebiet des Wasserverbandes Döbeln-Oschatz sei sichergestellt, versichert der Unternehmenssprecher. Nicht zuletzt dank eines Verbundsystems, das ermöglicht, Wasser aus anderen Fassungen in umliegenden Gebieten dorthin überzuleiten, wo der Bedarf punktuell größer ist. 

Kommt der Stopp der Trinkwasserversorung?

Doch die anhaltende Trockenheit und Hitze zeige zweifellos, dass die Veolia auch in den kommenden Jahren gemeinsam mit dem Wasserverband weiter intensiv daran arbeiten muss, „das Verbundsystem der Trinkwasserversorgung zu ertüchtigen und zu qualifizieren“, sagt Modrozynski.

„Es ist deutlich zu beobachten, dass die Grundwasserleiter insbesondere nach den Dürrejahren 2018 und 2019 nicht wieder ihr ursprüngliches Niveau erreicht haben.“ Hinzu kämmen rechtliche Vorgaben zur Begrenzung der Förderung aus dem Grundwasser.

Jedoch geht der Wasserversorger auch weiter davon aus, dass es zu keiner Ausnahmesituation in naher Zukunft kommen wird. Einen kompletten Stopp der Trinkwasserversorgung habe es nach Angaben des Sprechers noch nicht gegeben.

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„Aber die Rahmenbedingungen können sich ändern, sodass wir reagieren und die Kunden unter Umständen bitten müssen, auf das intensive Bewässern ihrer Gärten zeitweise zu verzichten, um die Trinkwasserversorgung weiter in gewohnter Qualität zu ermöglichen“, erklärt Modrozynski. „Doch ein solches Szenario kann man nicht vorhersagen.“

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