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Unterwegs mit dem Fledermaus-Versteher

Wie klingt es, wenn die fliegenden Säugetiere fressen? Antwort gibt es bei einer Tour in Kamenz. Ein Tipp aus der Sommerserie "Abenteuer vor der Haustür".

Wenn über dem Kamenzer Tuchmacherteich die Dämmerung aufzieht, beginnt die Zeit der Fledermäuse. Bodo Plesky vom Museum der Westlausitz lädt zu einer Exkursion zu den „Jägern der Nacht“ ein.
Wenn über dem Kamenzer Tuchmacherteich die Dämmerung aufzieht, beginnt die Zeit der Fledermäuse. Bodo Plesky vom Museum der Westlausitz lädt zu einer Exkursion zu den „Jägern der Nacht“ ein. © SZ/Uwe Soeder

Kamenz. Eine fünfköpfige Enten-Männer-WG zieht ihre Runden über den Tuchmacherteich in Kamenz. Mücken-Kolonien schwirren über dem Wasser. „Kjück-Kjück-Kjück-Kjück“ klingt es aus den Bäumen. Bodo Plesky lauscht: „Das war ein Grünspecht“, sagt der Mitarbeiter des Museums der Westlausitz. Ein schillernder Eisvogel schickt ein pfeifendes „tit-tit-tit“ hinterher. Irgendwo in der Ferne knattert ein Motorrad.

Doch Bodo Plesky ist an diesem lauen Sommerabend nicht wegen der ornithologischen Vielfalt an den Teich gekommen. Der Landschaftsökologe wartet auf die Dämmerung und die „stillen Jäger der Nacht“. „Die Oberlausitz und noch mehr das Heide- und Teichland sind deutschlandweit ein Hotspot der Fledermäuse, vor allem weil sie hier genügend zu fressen finden“, sagt der 47-Jährige. Regelmäßig teilt er bei Führungen sein Wissen über die einzigartigen, fliegenden Säugetiere. Die machen sich in ihren Tagesquartieren höchstwahrscheinlich gerade startklar für ihren Beutezug am Stadtrand.

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Der Abendhimmel senkt sich über das Wasser. Die Mücken führen in der Luft ihr Ballett auf. Für die Summer – besonders aber für die Eintagsfliegen – interessiert sich Bodo Plesky schon seit seiner Kindheit. Als Schüler war er Mitglied in der AG „Junge Naturforscher“ in Görlitz. Doch an diesem Abend stehen Mücken und Fliegen auf der Speiseliste der Fledermäuse. Die großen Varianten der Nachtschwärmer vertilgen Tausende Insekten pro Nacht. Aber was heißt schon groß? Der Abendsegler mit einem Gewicht von 50 Gramm gehört zu den größeren Vertretern in der Region. Die Zwergfledermaus bringt gerade mal fünf Gramm auf die Waage.

© SZ Grafik

Fledermäuse, schon das Wort löst bei manchen Menschen ein Schaudern aus. Seit der Corona-Krise werden die Tiere zudem mit der Übertragung der Krankheit in Verbindung gebracht. Doch Angst müsse man vor den Tieren nun wirklich nicht haben, sagt der Museumsmitarbeiter. „Eine Bockwurst wiegt 100 Gramm, die Fledermäuse dagegen nur einen Bruchteil davon. Wir haben doch auch keine Angst vor der Bockwurst“, sagt er augenzwinkernd.

Noch einmal jagt der Eisvogel über das Wasser, die Enten suchen sich schnatternd einen Schlafplatz. Der Waldkauz gibt den gefiederten Fliegern das Signal: Es ist Zeit, die Köpfchen unter das Gefieder zu stecken. Bodo Plesky packt zwei Bat-Detektoren aus, die die Ultraschall-Rufe der Fledermäuse hörbar machen. Im Sommer leben oft Hunderte Weibchen in der Wochenstube in alten Häusern, Kirchen oder auch im Wald und ziehen gemeinsam die Jungen auf. „Die Kerle dagegen führen ein Eigenleben. Sie fressen, schlafen und warten. Im späten Sommer kommt ihre große Zeit“, sagt der Görlitzer. Denn Fledermäuse bekommen ihre Frühlingsgefühle erst im Herbst.

Detektoren machen die Ultraschallrufe der Fledermäuse fürs menschliche Ohr hörbar.
Detektoren machen die Ultraschallrufe der Fledermäuse fürs menschliche Ohr hörbar. © SZ/Uwe Soeder

Kühle Feuchtigkeit zieht auf. Das Abendrot spiegelt sich im Tuchmacherteich. Bodo Plesky reguliert mit ein paar Knöpfen den Empfang. Mit einem mehrfachen „Fröt“ schießt der erste Abendsegler über das Wasser. Er saust mit über 90 Dezibel durch die Luft auf der Suche nach Nahrung. Mit der Ultraschall-Echoortung erfasst er die Beute. 

„Stellen Sie sich vor, wir würden schreiend mit dem fortwährenden Ruf nach Milch durch den Supermarkt gehen – bis eine Antwort kommt“, erklärt der Fledermaus-Versteher das Beuteverhalten. Fledermäuse schlagen sich nur im Dunkeln die Bäuche voll. Deshalb mögen sie lange August-Nächte lieber als helle Juni- Nächte.

Der zweite Bat-Detektor springt an: „Plip, plip, plip“ tönt es aus dem kleinen Gerät. Die Wasserfledermäuse jagen nun gemeinsam mit den Abendseglern über den Teich. Insgesamt sind im Heide- und Teichland 20 Fledermausarten nachgewiesen. Auch eine Rauhautfledermaus oder eine Mückenfledermaus könnten sich zum Schmaus am Tuchmacherteich dazugesellen. Deutschlandweit sind 25 Fledermausarten heimisch. Bedroht sind alle von ihnen, weiß Bodo Plesky. Da die Zahl der Insekten immer weiter zurückgeht, fehlt das Nahrungsangebot.

Das Abendbrot fliegt über den Teich

Eindrucksvoll zeigt sich das an diesem Abend auch in Kamenz. Obwohl die Straßenlaternen hell erleuchtet sind, umschwirren keinerlei Schnacken, Mücken oder Nachtfalter das Licht. Über dem Teich dagegen fliegt ausreichend Fledermaus-Abendbrot. Die nächsten Flugakrobaten jagen kurz über der Wasseroberfläche heran. Das andauernde „Plip, plip, plip“ aus dem Detektor wird jeweils kurz schneller und dann für einen Mini-Augenblick unterbrochen. So hört sich Fressen an.

Die Abendsegler dagegen bevorzugen höhere Gefilde. Sie jagen über den Baumkronen. Ein paar Frösche stimmen das Abendkonzert an. Das Geschnatter der Ente wird auf einmal wieder lauter, aufgeschreckt flattern sie von ihrem Schlafplatz ein paar Meter weiter ins sichere, tiefe Wasser. Hier haben Fuchs oder Marder keine Chance. Bodo Plesky packt nach zwei Stunden seine Bat-Detektoren wieder ein, bis zur nächsten Exkursion zu den stillen Jägern der Nacht.

Familienexkursion zu den Jägern der Nacht

Treffpunkt: „Fledermäuse – Jäger der Nacht“ ist das Motto einer Familienexkursion am 8. August in Kamenz, Start ist um 20 Uhr. Der Treffpunkt wird bei Anmeldung bekannt gegeben.

Kosten: Die Teilnahme an der Tour kostet 6,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Die Exkursion dauert ungefähr zwei Stunden. Organisiert wird das Angebot durch das Museum der Westlausitz. Dort können Familien und Gruppen auch individuelle Fledermaus-Touren buchen, Telefon 03578 78794123.

Ferienprogramm: Das Museum der Westlausitz bietet zudem einen vollen Sommerferienkalender unter anderem mit der „Eltern-Entlastungs-Stunde“. Sie findet in den Ferien jeweils dienstags und freitags um 11 Uhr statt. Dann dürfen Eltern und Großeltern dem Nachwuchs beim Ferienprogramm über die Schulter schauen. Wichtig ist für alle Angebote eine vorherige Anmeldung.

Kontakt: Museum der Westlausitz Kamenz / Elementarium, Pulsnitzer Straße 16, 01917 Kamenz, Telefon 03578 788310, E-Mail: [email protected]

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr sowie an allen Feiertagen.
www.museum-westlausitz.de/sommerferien

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