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Wo das Geheimnis des Granits enthüllt wird

Wer spannende Geschichten liebt, ist in Demitz-Thumitz richtig. In einer geht es sogar um den Henker von London. Ein Tipp aus der Serie "Abenteuer vor der Haustür".

Jörg Nadolny führt Besucher auf der Granitroute durch Demitz-Thumitz. An vielen Stellen gibt es alte Technik zu sehen, so wie hier eine Kabelkrananlage und alte Loren, mit denen Steine aus dem Bruch transportiert wurden.
Jörg Nadolny führt Besucher auf der Granitroute durch Demitz-Thumitz. An vielen Stellen gibt es alte Technik zu sehen, so wie hier eine Kabelkrananlage und alte Loren, mit denen Steine aus dem Bruch transportiert wurden. © SZ/Uwe Soeder

Demitz-Thumitz. Blau-türkis schimmert das Wasser im Großen Bruch. Imposant ragt der Granit heraus. Auf der Kuppe wiegen sich Bäume in der Vormittagssonne. Aus der Ferne ist ein andauerndes Rattern zu hören. „Das ist das Brecherwerk im aktiven Steinbruch, das den Granit in Schotter oder Splitt zerschrotet“, sagt Jörg Nadolny. Er kennt sich bestens mit der Geschichte des Granits in Demitz-Thumitz aus, regelmäßig lädt der langjährige Leiter der Schule im Ort die Gäste zu Erlebnisführungen ein und enthüllt manches Geheimnis um den sagenumwobenen Stein.

Jörg Nadolny betrachtet die Schautafel neben dem Großen Bruch. Hier endete die Rohsteingewinnung bereits 1990 – nach über 100 Jahren. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Jahr 1895 erzählt von den Anfängen. „Sehen Sie das Gewimmel auf dem Bild? 194 Arbeiter sind darauf zu sehen, damals wurde der Stein noch mit Loren herausgefahren“, sagt der 79-Jährige.

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Die Granitroute führt Besucher durch Demitz-Thumitz. An vielen Stationen erfährt man Interessantes über das Gestein, seinen Abbau und die Verwendung.
Die Granitroute führt Besucher durch Demitz-Thumitz. An vielen Stationen erfährt man Interessantes über das Gestein, seinen Abbau und die Verwendung. © SZ/Uwe Soeder

Die Steinindustrie kommt Mitte des 19. Jahrhunderts in das kleine Dorf am Klosterberg. Auslöser ist der Bau der Eisenbahn. 1844 plant die Sächsisch-Schlesische Eisenbahngesellschaft ein Steinviadukt mit elf Bögen über das moorige Schwarzwasser. Bis dahin wurden Brücken aus dem leicht zu bearbeitenden Sandstein gebaut. Angeliefert wurde das Material recht mühselig mit dem Pferdefuhrwerk.

Doch in Demitz-Thumitz kommt es anders, denn hier ist der Granit schon längere Zeit als Baustoff bekannt. „Die Menschen haben die Steine vom Waldboden geholt und die Brocken zerklopft“, berichtet Jörg Nadolny.

Für das Bahnviadukt braucht man allerdings solide Quader und keinen Bruch. Deshalb betrachten die Brückenbauer den Stein genauer und stellen fest, dass die mineralogischen Spaltbarkeitseigenschaften des Materials ihrem Vorhaben entgegenkommen: Der Granit ist „gewillt“, in Blöcke zu zerfallen. 

Das ist die Geburtsstunde des Granitdorfs. Wo vorher zusammen gerade einmal 300 Dörfler wohnten, entstand bis in die 1930er-Jahre hinein eine Siedlung mit mehr als 3.000 Einwohnern. Der Granit ist ihr Brot, und auch Demitz-Thumitz macht bald von sich reden – mit zahlreichen Erfindungen rund um den Stein.

© SZ Grafik

Einige dieser Neuerungen sind in der „Alten Steinsäge“ gegenüber des Dorfplatzes zu sehen. Vom Bruch am Klosterberg führt der kürzeste Weg dorthin über die ehemalige Kantine und den Säufersteg. Ein Zufall ist die Bezeichnung, die aus dem Volksmund stammt, nicht. 

Das Zwölf-Uhr-Geläut klingt über den Ort. „Früher gab der Steinbruch den Rhythmus vor“, sagt der Gästeführer. Mit einer Sirene begann und endete der Arbeitstag. Die Sprengungen gehörten zum Alltag. 

Jörg Nadolny wohnt seit 1965 im Doppeldorf. Nach dem Pädagogikstudium kam er als Lehrer für Deutsch und Kunsterziehung in die Oberlausitz. Geboren wurde er in Westpreußen, aufgewachsen ist er in Thüringen. Dort begann er nach der Schule eine Ausbildung zum Steinsetzer. „Ich erinnere mich noch gut, auf dem Waggon mit den Steinen stand manchmal ,Abgangsbahnhof Demitz‘. Das waren dann besonders gute Steine“, sagt der Senior.

Im Erlebnismuseum "Alte Steinsäge" ist zu sehen, wie der Granit einst verarbeitet wurde.
Im Erlebnismuseum "Alte Steinsäge" ist zu sehen, wie der Granit einst verarbeitet wurde. © SZ/Uwe Soeder

Jörg Nadolny öffnet das Tor zum Erlebnismuseum „Alten Steinsäge“. Auf dem Hof steht ein „Derrick“ – ein Drehkran zum Umladen von Rohsteinen, die dann über eine Lore zur Säge transportiert werden. Sein Name stammt aber nicht vom ZDF-Kriminalkommissar. Stattdessen geht das Hebewerkzeug auf den Seemann Thomas Derrick zurück, der im Jahr 1596 insgesamt 23 seiner Kameraden mit Hilfe dieser Vorrichtung henkte.

Vorher waren die Seeleute plündernd durch die spanische Stadt Cadiz gezogen. Ihr Kapitän verurteilte alle zum Tode, begnadigte jedoch Derrick, der bereit war, das Urteil zu vollstrecken. Später stieg er zum Henker von London auf. Eine von vielen Geschichten aus dem Granitdorf.

Viel besser gefällt Jörg Nadolny aber jene von der Erfindung der ersten Kabelkrananlage für die Granitförderung oder über die Entwicklung einer Pflasterspaltmaschine in Demitz-Thumitz, den sogenannten Bornholmer. Einer dieser übermannsgroßen Fallhämmer findet sich auch auf dem Außengelände der „Steinsäge“. Die Idee dafür hatte Steinbruch-Eigentümer Bruno Hietzig von einer Dienstreise nach Dänemark mitgebracht und zusammen mit Mitarbeitern der Bautzener Maschinenfabrik Busch – heute Bombardier – weiterentwickelt.

Mehrsprachig beschriftete Tafeln informieren über die Geschichte des Granitabbaus in Demitz-Thumitz.
Mehrsprachig beschriftete Tafeln informieren über die Geschichte des Granitabbaus in Demitz-Thumitz. © SZ/Uwe Soeder

Der Pflasterschläger konnte eine Pritsche von 40 Zentimetern Länge und 20 Zentimetern Höhe und Tiefe in 16 Pflastersteine zerlegen. Ein Quantensprung für die damalige Zeit: Für die Reichsstraße Dresden – Görlitz wurden 72 Millionen Pflastersteine aus Demitzer Granit verarbeitet.

Jörg Nadolny zeigt auf einen Stein. „So ein simpler Granit steckt voller Geschichten“, sagt er und schmeißt die Steinsäge in der ehemaligen Werkstatt an. Ohrenbetäubend setzt sie sich in Bewegung. Der Geruch nach Altöl liegt in der Luft. An der Wand lehnt eine Arbeitstasche mit Bemmenbüchse, die Stiefel stehen zum Anziehen bereit. In der Karo-Schachtel stecken ein paar Zigaretten, ganz so als ob die Arbeiter gleich zurückkommen würden. Per Knopfdruck schweigt die Maschine wieder. Leise pendelt das Sägeblatt über dem Granit aus. Das letzte Kapitel der steinreichen Geschichte ist noch lange nicht erzählt.

Auf der Granitroute durch Demitz-Thumitz

Führungen durch das Granitdorf gibt es von Mai bis September jeweils am ersten Sonnabend im Monat. Treffpunkt ist immer um 10 Uhr auf dem Dorfplatz vor der Grundschule am Klosterberg. Die Runde dauert etwa zwei Stunden. Zusätzlich können im ganzen Jahr Termine individuell vereinbart werden.

Der Besuch des Erlebnismuseums „Alte Steinsäge“ ist in der Führung inbegriffen. Die „Alte Steinsäge“ kann man außerdem von Mai bis September immer sonntags von 10 bis 17 Uhr in Aktion erleben, auch hier sind nach Anmeldung individuelle Termine möglich.

Kosten: Die Führung inklusive Museumsbesuch kostet fünf Euro pro Person, für Kinder bis 12 Jahre ist das Angebot frei. Der Eintritt für das Museum allein kostet drei Euro pro Person, auch hier haben Kinder bis 12 Jahre freien Eintritt. Gruppentarife können erfragt werden. Als Zusatzoption ist es möglich, ein Steinbrechermahl zu buchen (nach Anmeldung, 7,50 Euro/Person).

Ansprechpartner: Tourismus-Kontaktbüro Demitz-Thumitz, Telefon 03594 77590,

E-Mail: [email protected]

www.demitz-thumitz.de

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