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Auf Tuchfühlung mit Tagebau-Giganten

Ulrich Smol führt Gäste durch den Tagebau Welzow-Süd. Zu entdecken gibt es dabei einen liegenden Eiffelturm und Bernsteine, so groß wie Taubeneier.

Ulrich Smol erklärt im Tagebaubau Welzow-Süd, wie Abraumförderbrücke F60 funktioniert. Sie heißt so, weil sie in drei Schnitten 60 Meter Abraum abtragen kann. Diese Förderbrücken sind die größten beweglichen technischen Arbeitsmaschinen der Welt.
Ulrich Smol erklärt im Tagebaubau Welzow-Süd, wie Abraumförderbrücke F60 funktioniert. Sie heißt so, weil sie in drei Schnitten 60 Meter Abraum abtragen kann. Diese Förderbrücken sind die größten beweglichen technischen Arbeitsmaschinen der Welt. © Miriam Schönbach

Welzow. Der russische Jeep mit Allradantrieb malmt sich durch den fast wüstenartigen Sand im Tagebau Welzow-Süd. Ulrich Smol sitzt am Steuer. Der Wind trägt den unvergleichbaren Geruch der Braunkohle durch die offenen Autofenster. „Vier aktive Tagebaue gibt es heute im Lausitzer Revier, drei Kraftwerke, eine Brikettfabrik.

Allein dieser Tagebau nimmt 100 Quadratmeter Landschaft in Anspruch und liefert bis zu 20 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr“, sagt der Excursio-Gästeführer. Er gehört zum Team des Bergbautourismus-Vereins in Welzow – und mit ihm geht es auf Tuchfühlung mit riesigen Baggern, der Abraumförderbrücke F60 und dem Kohleflöz.

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Ulrich Smol bremst. Ein paar Meter vor ihm steht schon der große Mannschaftswagen, der ebenfalls eine Touristengruppe aus seinem Bauch entlässt. In großen Buchstabe steht auf der Karosserie "Ungewöhnliche Entdeckungen". „Mit diesen Bussen fahren die Bergleute in die Grube“, sagt der 56-Jährige.

Die Abraumförderbrücke im Tagebau Welzow-Süd besteht aus zwei Eimerkettenbaggern und einer über 500 Meter langen Bandbrücke. Der Tagebau erzielt derzeit das größte Fördervolumen unter den Leag-Tagebauen.
Die Abraumförderbrücke im Tagebau Welzow-Süd besteht aus zwei Eimerkettenbaggern und einer über 500 Meter langen Bandbrücke. Der Tagebau erzielt derzeit das größte Fördervolumen unter den Leag-Tagebauen. © Miriam Schönbach

Er selbst wächst in Alt-Döbern am Rand eines Tagebaus auf. Schon der Großvater arbeitet in der Kohle, der Vater nimmt ihn als Elfjährigen am Weihnachtsabend zum ersten Mal mit zu seiner Abendschicht im Sedlitzer Tagebau. „Ich kann mich noch gut an die Geräuschkulisse in dieser dunklen Nacht erinnern, an das Schlagen der Eimerketten am Bagger“, sagt der studierte Bergbauingenieur. Bis 1991 hat er im Tagebau Greifenhain gearbeitet, der heute der Altdöberner See ist.

Ein Dauerrauschen und -klappern fegt über die 80 bis 100 Meter tiefe Grube hinweg. Dunkle Wolkenberge türmen sich im Himmel auf. Beim Blick hinab in die Tiefe wirken die Großgeräte, allen voran die F60-Förderbrücke, fast wie Spielzeug. Doch der Schein trügt: Die Stahlkonstruktion, die gewonnenes Fördergut über den offenen Tagebau hinweg befördert, wird auch als „Liegender Eiffelturm der Lausitz“ bezeichnet. Allerdings ist die F60 mit über 500 Metern noch mal gut 190 Meter länger als das Original in Paris. Auch die Schaufeln des Schaufelradbagger sind gut für Superlative. Sie sind ist quasi so hoch wie ein Viergeschosser.

Wie sich diese Höhe von einem solchen Gerät, das dem Namen SRS 6300 trägt, anfühlt, weiß Ulrich Smol genau. „Da war ich schon als Schmierer drauf. Da muss jeder Schraubenschlüssel, den du brauchst, in der Werkzeugtasche sein“, sagt er lachend und steigt wieder in seinen Allrad. Jetzt geht es abwärts in den Tagebau, der von Norden Richtung Süd-Osten wandert. Zwölf Ortschaften liegen bereits in der Welzower Grube begraben, die Reste der Glashütte Haidemühl wie auch der Brikettfabrik inklusive. Von Norden her beginnt schon im laufenden Betrieb die Rekultivierung des Areals, und irgendwann wird auch dieser Tagebau zu einem See wie die anderen sogenannten Restlöcher der Lausitz.

Blick von oben in den Tagebau Welzow-Süd: Bevor es hinunter in die Grube geht, gibt es von Gästeführer Siegmund Wussogk einen groben Überblick über die Arbeit im Tagebau und dessen Geschichte.
Blick von oben in den Tagebau Welzow-Süd: Bevor es hinunter in die Grube geht, gibt es von Gästeführer Siegmund Wussogk einen groben Überblick über die Arbeit im Tagebau und dessen Geschichte. © Miriam Schönbach

Genau diese Geschichte in allen Facetten will der Bergbauverein den Besuchern des Tagebaus Welzow-Süd mit Erlebnis-Angeboten vermitteln. Neben den Touren im Jeep oder im Mannschaftswagen können Interessierten auch zu Fuß den Tagebau erkunden. Geführte Touren mit Quad und Fahrrädern in und um den Tagebau werden angeboten. Partner ist dabei der Bergbaubetreiber Leag. Alle Bewegungen im Betriebsgelände müssen vorher angemeldet werden. Familien sind genauso willkommen wie größere Gruppen. Zwischen 14.000 bis 16.000 Gäste erhalten so pro Jahr einen Einblick in das Leben, die Arbeit und den Wandel im Lausitzer Revier.

Ulrich Smol steht für dieses Leben, für diesen Wandel. Nach seiner Zeit im Tagebau heuert er nach der Wende als Grabungstechniker bei den Archäologen in der Braunkohle an. Der Großräschener gräbt unter anderem in den Tagebauen Jänschwalde, Greifenhain und Welzow-Süd – und findet mit den Kollegen bronzezeitliche Gräberfelder und Relikte der Lausitzer Kultur. Der Gästeführer greift in seine Hosentasche und befördert ein paar Bernsteine so groß wie Taubeneier hervor. Auch so etwas versteckt sich in Tagebauen, deren Ursprünge 15 bis 17 Millionen Jahre zurückliegen.

Smol muss lauter reden, gegen das polternde Grubenband. Krachend fördert es die Kohle auf acht Kilometern Länge vom Förderort zum Grabenbunker. Dort wird die Braunkohle für die Stromerzeugung in den drei Lausitzer Kraftwerken zwischengelagert.

Vor 15 bis 17 Millionen Jahren entstand das zweite Lausitzer Braunkohleflöz. Die Braunkohlegrube Welzow-Süd ist zwischen 80 bis 100 Meter tief.
Vor 15 bis 17 Millionen Jahren entstand das zweite Lausitzer Braunkohleflöz. Die Braunkohlegrube Welzow-Süd ist zwischen 80 bis 100 Meter tief. © Miriam Schönbach

Inzwischen ist auch der Mannschaftswagen mit den Gästen am Fuß der Braunkohlegrube angekommen. Gut 15 Meter hoch türmt sich an dieser Stelle das „Lausitzer Gold“ in einem gewaltigen Flöz nach oben.

Nach seiner Zeit im und am Tagebau hat Ulrich Smol Mit einem kurzen Zwischenstopp als Kraftfahrer beim Bergbautourismusverein Welzow angeheuert – und ist dort inzwischen als fester Servicemitarbeiter beschäftigt. „Aber Bergmann bleibt man immer“, sagt er, während er ein Stück Rohkohle mit seinen Fingern auseinanderbricht. In der anderen Hand hält er ein Stück Kohlenholz. Keine Frage bleibt bei dem Bergbau-Spezialisten unbeantwortet, er reist durch die Zeiten, in die Tiefe und gedanklich auch schon in die Zukunft.

Mit dem beschlossenen Kohleausstieg werden auch die schnaufenden Giganten im Tagebau Welzow-Süd verstummen. „Die Kohle hat die Lausitz groß gemacht“, sagt der Gästeführer mit einem gewissen Stolz. Dann steigt er wieder in seinen russischen Jeep. Die Räder wirbeln den lockeren Sand auf. Der typische Kohlegeruch bleibt in der Nase – und Ulrich Smol hat noch längst nicht die letzten Geschichte über den leistungsstärksten Tagebau im Lausitzer Revier erzählt.

So können Besucher auf Tour durch den Tagebau gehen:

Alle Touren in den Tagebau Welzow-Süd beginnen am Excursio-Besucherzentrum in der Stadt Welzow im brandenburgischen Landkreis Spree-Neiße. Die offenen Termine sind auf der Homepage des Bergbautourismus-Vereins „Stadt Welzow“ zu sehen und können dort auch gebucht werden.

 Angeboten werden unterschiedliche Formate, wie die Schnuppertour „Kohle, Sand und Bergmannshand“, „Von der Kohle zum Strom“, „Sonnenuntergang im Tagebau“ oder „Kohle, Wein und neues Land“. 

Darüber hinaus bietet der Bergbauverein auch individuelle Touren an, zum Beispiel mit dem Jeep. Die Tagebauerkundungen mit dem Quad werden durch ein Partnerunternehmen durchgeführt.

Voraussetzungen für eine Tour: Mindestalter zehn Jahre; festes, geschlossenes Schuhwerk ist Pflicht; die Mitnahme von Tieren ist untersagt, wegen Corona ist Mundschutz Pflicht.

Kontakt: Bergbautourismus-Verein „Stadt Welzow“, Heinrich-Heine-Straße 2, 03119 Welzow, Telefon 035751 275050, E-Mail [email protected]

www.bergbautourismus.de

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