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Görlitz

Wie Abgründe befreien können

Die Dreigroschenoper im Stadthallengarten ist ein lohnende Alternative zu Sommerkomödien. Und passt in unsere Zeit.

Ji-Su Park als Mackie Messer in der Dreigroschenoper.
Ji-Su Park als Mackie Messer in der Dreigroschenoper. © Artjom Belan

Wie ein kühler, berauschender Regenguss nach drückender Hitze – so befreiend fühlt es sich an, wenn mit Brechts Dreigroschenoper im Görlitzer Sommertheater diesmal keine Komödie, keine Operette und kein buntes Märchen zu erleben ist, sondern ein Werk, das die Abgründe des menschlichen Daseins ungeschönt zeigt und trotzdem glücklich macht. Vor allem wegen der eigenwillig-schönen Musik. Aber auch, weil Eigennutz, Lüge, Erbarmungslosigkeit, Verrat und die Macht des Geldes hier so schwarz und überhöht gezeichnet sind („Der Mensch lebt nur von Missetat allein“), dass man schon wieder an das Gute im Menschen glauben muss.

Schauspielintendantin Dorotty Szalma gelingt im Görlitzer Stadthallengarten eine ganz wunderbare Inszenierung des Erfolgsstückes von Bertolt Brecht und Kurt Weill, die 1928 aus einer englischen „Bettleroper“ vom Anfang des 18. Jahrhunderts ein Schauspiel mit Songs machten, die bald in ganz Berlin nachgepfiffen wurden und auch nach der Görlitzer Premiere am Sonnabend noch lange in den Köpfen geistern. Kritisierten Brecht und Weill damals die Zustände in der Weimarer Republik kurz vor der Weltwirtschaftskrise, zieht Dorotty Szalma das Stück in eine nahe Zukunft: „#2025“ ist an eine Mauer gesprüht. Und die Botschaft der Songs ist weltweit gesehen heute so aktuell wie einst: „Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“ Dazu fallen Fetzen von blauen Plakaten mit rotem Streifen auf den Boden, um die sich alle reißen.

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Die Kulisse, in der Menschen als Bettler und Kriegsverwundete verkleidet an die Moral der Wohlhabenden appellieren oder als Gauner, Diebe und Huren ihren Lebensunterhalt verdienen, ist eine Szenerie, die noch entfernt an bessere Zeiten und früheres Vergnügen erinnert (Ausstattung: David Marek). Vor einer verlassenen Achterbahn dient der Wagen eines Autoscooters als Hochzeitskutsche, die Architektur eines Bahnhofs aus der Gründerzeit ist hinter Grafitti und Baugerüsten gerade noch zu erkennen. Die Sprüche auf den Wänden ergänzen: „Fuck the System“, „Do not disturb“, „No Escape“. Und die Menschen kommen so schrill und punkig daher wie im Musical „Linie 1“ aus den 1980ern.

Die Besetzung konnte kaum besser gelingen, vor allem die Frauen sind in Spiel und Gesang unglaublich stark: Martha Pohla, die als Macheath’ Braut Polly Peachum in wildgeblümtem Pink mit ihrer rauen Sprech- und tiefen Gesangsstimme fasziniert. Ihr Alt lässt die Lieder mit Ji-Su Park als Macheath oder den Song der Seeräuberjenny zwar etwas ungewohnt klingen, dafür aber wirken Lieder wie das Eifersuchtsduett mit der Sopranistin Anna Gössi als vorgeblicher Schwangerer Lucy umso kontrastreicher und ergreifender. Die Sopranistin Annett Luig, Gast am Gerhart-Hauptmann-Theater, spielt Pollys Mutter Celia als abgebrühte, vom Leben ernüchterte Frau des Bettlerkönigs Peachum, die ihrer Tochter die Träume von romantischer Liebe austreibt. Es ist eine Freude, ihr dabei zuzusehen. Peachum wiederum wird von Hans-Peter Struppe gespielt. Auch dieser kam als Darsteller und Sänger schon lange nicht mehr so gut zur Geltung wie in der Rolle des Mannes in schwarzem Ledermantel und Baskenmütze, der aus der Arbeitslosigkeit der vielen ein Geschäft macht, indem er sie als Bettler verkleidet auf die Straße schickt.

Ji-Su Park als Macheath, genannt Mackie Messer, gelingt es, die Ambivalenz dieses geschickten Täuschers mit seiner Stimme und seiner Haltung deutlich zu machen: die Süße des Liebhabers, die Verlogenheit im Abschied, die Kälte gegenüber seinen abgelegten Frauen und im Benennen seiner Wünsche, die Vertrautheit, mit der er den Polizeipräsidenten Brown (Stefan Bley) korrumpiert, aber auch das Einstehen für die Rechtlosen und Armen wie schließlich die Angst vorm Galgen.

Die Songs der Dreigroschenoper sind reizvoll sparsam instrumentiert. Zwölf Musiker, vor allem Bläser, begleiten den Chor und die Sänger unter der Leitung von Ulrich Kern. Zu manchen Liedern spielt Olga Dribas allein Klavier, bei anderen sind Trompete, Saxofon, Gitarre oder Akkordeon solistisch zu hören, was sonst, in großer sinfonischer Besetzung, selten so klar und rein möglich ist. Dem ganzen Ensemble applaudierte das Premierenpublikum lange und heftig. Noch zehn Mal ist die Dreigroschenoper im Görlitzer Stadthallengarten zu sehen.

An den kommenden drei Wochenenden immer Freitag, Sonnabend, Sonntag & Donnerstag, 11. 7., jeweils 20 Uhr

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