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Good Bye, Lenin!

Nach 29 Jahren schließt der Dresdner Michael Löhr seinen traditionsreichen Briefmarkenladen.  Zeit für einen letzten Besuch.

Michael Löhr in seinem Briefmarkenladen auf der Borsbergstraße in Dresden. Ende Februar schließt Löhr den Laden. Er sucht immer noch einen Nachfolger.
Michael Löhr in seinem Briefmarkenladen auf der Borsbergstraße in Dresden. Ende Februar schließt Löhr den Laden. Er sucht immer noch einen Nachfolger. © Robert Michael

Ein Brief erzählt eine Geschichte, die Briefmarke flüstert sie. Michael Löhr hat diesen Satz einmal irgendwo gelesen. Wenn er stimmt, dann flüstert und raunt es gewaltig in seinem kleinen Briefmarkenladen auf der Borsbergstraße in Dresden. Alben voller Briefmarken stapeln sich auf Regalen, in Kisten, auf dem Fußboden. Dazwischen türmen sich Stöße mit Büchern, historischen Postkarten und Briefen.

Man fasst hier hinein und da hinein, betrachtet die kleinen Papierstückchen mit dem gezackten Rand und die Stempel darauf, und schon fühlt man sich als Weltreisender. Oder erlebt innerhalb von Sekunden mehrere Jahrhunderte Weltgeschichte. Geburtstage von Karl Marx, Lenin, Adenauer. 2.000 Jahre Mainz, 125 Jahre Eisenbahn, 40 Jahre DDR. Kubanische Schmetterlinge, tschechische Salamander. Gerade erkundete man das Barrier Reef und flog danach zum Mond, und wenig später weilt man im Ballsaal der britischen Königin auf Schloss Windsor. Findet sich in den Zwanzigerjahren wieder, als die Marken durch die Inflation Milliarden kosteten. Oder steht auf dem Mont-Saint-Michel, wie es auf der Briefmarke heißt, dem „Magischen Berg des Abendlandes“.

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Das Telefon klingelt im Minutentakt. Michael Löhr erklärt aufs Neue, dass er seinen Laden nach 29 Jahren Ende Februar schließt, aus gesundheitlichen Gründen. Seit einer ganzen Weile sucht der 63-jährige Dresdner nach einem Nachfolger für sein Geschäft, bislang ohne Ergebnis. Aber noch kann man stöbern und kaufen, und so stehen auch an diesem Donnerstag Mitte Februar schon eine Weile vor Öffnung des Geschäfts um zehn Uhr viele Kunden vor dem Schaufenster.

Ein Philatelist braucht Pinzette und Lupe.
Ein Philatelist braucht Pinzette und Lupe. © Robert Michael

„So viel wie jetzt beim Ausverkauf war sonst nur selten los“, sagt Wolfgang Hoffmann. Der 73-Jährige kommt aus Senftenberg. Ungefähr alle sechs Wochen fährt der ehemalige Berufsoffizier und Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma nach Dresden, um eine Verwandte im Pflegeheim zu besuchen. Auf dem Weg dahin macht er immer halt in Michael Löhrs Briefmarkenladen. Er meldet sich telefonisch vorher an und bleibt für zwei, drei Stunden. Michael Löhr hat schon ein Album für ihn zusammengestellt und auf einem kleinen Tisch am Fenster bereitgelegt. „Das hier ist ein besonderer Ort“, sagt Hoffmann. „So gemütlich. Außerdem hat der Doktor goldene Hände. Ich finde hier immer was, er macht mir immer gute Vorschläge.“

Der Laden auf der Borsbergstraße verfügt über die Aura einer alten, guten, ein wenig verwinkelten Buchhandlung. Ein Refugium mit einem Händler, der alles zu wissen scheint und seine Kunden gut kennt. Ein Schild und die Internetseite weisen daraufhin, dass Michael Löhr einen Doktortitel hat. Der Philatelist begrüßt jeden Kunden mit Namen. Manche legen eine handgeschriebene Liste auf den schwarzen Tresen aus Holz. Auf den Listen stehen Nummern. Andere Kunden lesen die Nummern vor, einige reichen sie Löhr. Einige haben ihren Briefmarkenkatalog dabei und tragen daraus die von ihnen angekreuzten Nummern vor. Jede Nummer ist die Bezeichnung für eine bestimmte Briefmarke aus einem bestimmten Land, einem bestimmten Jahr, mit einem bestimmten Wert. Michael Löhr hört die Nummern, und bei fast jeder antwortet er sofort, scheinbar ohne nachdenken zu müssen: „Habe ich nicht da, müsste ich besorgen“ oder „Moment, ich hole sie“. Dann geht er zu seinen Regalen, holt ein Album, schlägt es auf, nimmt eine Pinzette zur Hand und holt die gewünschte Marke. Über den Geschäftstisch wandern einige Lenins. Danach ein Wolga, ein Gabelstapler, ein Feuerwehrauto, allerdings nur in Papierform und nur einige Cent wert.

Der Tresen ist der Mittelpunkt des Ladens und vermutlich über 80 Jahre alt. Michael Löhr hat ihn von seinem Vorgänger übernommen – von Horst Milde, Philatelist und mehrere Jahrzehnte Briefmarkenhändler auf dem Weißen Hirsch, verewigt in Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ als Briefmarkenhändler Malthakus. Zu der Zeit, in der das Buch spielt, war Michael Löhr noch ein junger Mann, hatte Wirtschaftswissenschaften studiert und arbeitete beim Landmaschinenbau Fortschritt in Dresden-Rochwitz. Mit einer Arbeit über „Die Zuverlässigkeit von Maschinen als unverzichtbare Gebrauchseigenschaft“ erwarb er den Doktor. Sein „Dr. phil.“ steht jedoch „nicht für Philatelie, wie manche Kunden glauben“. Löhr lacht. „Ich bin mit Briefmarken aufgewachsen“, erzählt er. Seine Oma war eine leidenschaftliche Sammlerin – seit dem Tod ihres Mannes 1945. „Sie führte seine Sammlung fort, vermutlich, um ihm nahe zu sein, als eine Form von Trauerbewältigung.“

Als Michael Löhrs Großmutter mit dem Sammeln begann, war die Philatelie noch ein weitverbreitetes Hobby, und allein in Dresden existierten 74 Briefmarkenläden. Heute sind es nur noch vier. 1840 war die erste Briefmarke erschienen, kurz darauf ging das Sammeln los. Um die Schätze zu präsentieren, um sie zu tauschen und zu mehren, fanden sich die Sammler bald zu Vereinen zusammen.

1877 wurde der erste Philatelisten-Verein Deutschlands in Dresden gegründet, er existiert noch heute. Die Sammelleidenschaft ergriff alle sozialen Schichten. Briefmarken waren durch die massenhafte Verbreitung und den intensiven Postverkehr leicht zu bekommen, andererseits entwickelten sich manche der Marken zu Kultobjekten und waren entsprechend teuer und begehrt. Sogar Königshäuser legten Sammlungen an. Im Gegensatz zu bildender Kunst lassen sich jedoch mit Briefmarken heute keine großen Gewinne erzielen, zu hoch sind die Auflagen. Manche Sondermarken in Westdeutschland zum Beispiel erreichten Auflagen von 30 Millionen.

Tausende Marken, ein paar Euro wert.
Tausende Marken, ein paar Euro wert. © Robert Michael

Wie viele DDR-Sammler war auch Michael Löhrs Großmutter beim Kulturbund angemeldet, erhielt jeden Monat druckfrische DDR-Marken und unterhielt Tauschpartnerschaften auch jenseits des Eisernen Vorhangs, in Westberlin und in Garmisch-Partenkirchen. Der kleine Enkel bekam die kaputten oder schon vielfach vorhandenen Exemplare zum Spielen, den Rest ordnete sie in Alben ein. „Ich wollte immer gern mal die richtigen Marken“, erzählt Löhr. „Aber Oma meinte, Junge, die sind doch alle für dich, eines Tages.“ Möglicherweise ist dies der Grund, warum Michael Löhr zwar philatelistisches Sachwissen erwarb, aber selbst nie dem Jagdfieber verfiel, das den typischen Sammler auszeichnet: „Ich muss nicht alles haben, und ich kann loslassen. Für einen Händler ist das eine gute Eigenschaft, denke ich.“

Im Frühjahr 1990 begann Löhr mit seinem Briefmarkenhandel. „Das war eine gute Zeit, vom Geschäft her betrachtet. In den Monaten nach der Wende kamen viele, um noch mit DDR-Mark möglichst viele Marken zu kaufen. Nach der Währungsunion kamen viele, um Sammlungen loszuwerden und an D-Mark zu kommen.“ 1991 zog der Philatelist mit seinen Beständen, die unaufhaltsam wuchsen, in das heutige Domizil auf die Borsbergstraße.

Michael Löhr wendet sich den nächsten Kunden zu. Mehrere fragen nach Walter Ulbricht, den einstigen DDR-Staatschef. Wolfgang Zönnchen aus Freital sucht nach Marken aus Österreich und Holland – dort wohnen seine Kinder. Bis zur Rente war er Zugbegleiter bei der Schmalspurbahn zwischen Freital-Hainsberg und Kipsdorf. Seine Frau spielt heute Nachmittag Karten. Vergnügt durchforstet er Berge von Alben und übervolle Kisten. Dabei erzählt er mit einer Mischung aus Lachen und Wehmut, was er zu DDR-Zeiten als junger Mann alles unternahm, um an Briefmarken zu kommen: „Ich saß vor dem Radio und schrieb 20, 30 Briefe an die deutschen Abteilungen von Radiosendern in der ganzen Welt, ob sie mir Marken schicken könnten“. Aus Kairo erhielt er welche. Sein Brief nach New York mit den Ulbricht-Briefmarken darauf kam jedoch ungeöffnet zurück mit dem Vermerk, ein „Brief mit einem Verräter darauf wird nicht beantwortet“.

Wolfgang Hoffmann hat sich inzwischen eine Marke aus China herausgesucht, mehrere aus Kanada, einige aus Kuba. Er greift zu seinem blauen Stoffbeutel und zieht vier Alben hervor. Sie enthalten seine wichtigsten und liebsten Marken. „Ich muss sie mitnehmen, damit ich nichts doppelt kaufe“, erzählt er. Auf die Briefmarken kam er durch seinen Vater, der Marken mit Kunstwerken darauf gesammelt hat. „Das waren sehr schöne, farbenfrohe, ästhetische Marken, sehr gut gestaltet“, sagt Hoffmann. Briefmarken sind für ihn kleine Kunstwerke. Inzwischen sammelt er Landschaften und Natur, Tiere und Pflanzen, aber auch Architektur. Quer durch die Welt, aber gern aus Ländern und Kulturen, die Wolfgang Hoffmann faszinieren, die er gern bereisen würde, aber nicht kann. Weil die Gesundheit Probleme bereitet oder das Geld fehlt.

Was von einem Land bleibt – die Briefmarken.
Was von einem Land bleibt – die Briefmarken. © Robert Michael

Er wendet sich dem kleinen roten Album zu, das Michael Löhr ihm vorlegt, das „Groschen-Album“. Jede Briefmarke darin kostet zehn Cent. „Es ist eigentlich für junge Leute, die gerade mit dem Sammeln anfangen“, sagt Löhr. Allerdings seien junge Menschen inzwischen selten in der Philatelie. Von den rund 1000 Kunden des Dresdner Händlers sind gerade einmal vier unter 30 Jahren.

Eine Weile kam regelmäßig eine Gruppe Jungs aus dem Kreuzgymnasium, die öfters einen Blick ins Album warfen, inzwischen aber nicht mehr. Und die älteren Stammkunden sterben nach und nach. Die Kisten im Laden sind voller Sammlungen, die Angehörige gebracht und Michael Löhr überlassen haben – manchmal nur, um sie vor der Altpapiertonne zu bewahren. Dicke Alben, einst akribisch geführt und sorgfältig gehütet, sind jetzt für zehn oder zwanzig Euro zu haben. Manchmal bringen Angehörige oder auch Löhr selbst vielfach Vorhandenes zur Diakonie. Die Marken werden in Behinderten-Einrichtungen sortiert und in anderen, weit entfernten Teilen der Welt angeboten.

Nein, reich wird man nicht mit so einem Laden, meint Michael Löhr, zumindest nicht, wenn man als Maßstab für Reichtum Geld heranzieht. Dafür hat er viel Wissen erworben. Kennt die Namen von zahlreichen Blumen, Autos, Flugzeugen. Weiß exakt, wann die erste Bahn in Deutschland fuhr. Kann Fälschungen erkennen und die komplizierten Wasserzeichen auf den Marken auseinanderhalten. Hat unzählige Lebensgeschichten gehört. Seinen Laden konnte er Jahrzehnte führen trotz der wachsenden Konkurrenz im Internethandel, auch, weil die Familie mithalf. Die Oma bis kurz nach ihrem 100. Geburtstag, sein Vater. „Vielleicht schreib ich mal ein Buch über meine Erlebnisse im Dresdner Briefmarkenhandel“, meint Löhr. Erst einmal aber wird er etwas für die eigene Gesundheit tun. Dann will er seiner Tochter auf ihrem norwegischen Bauernhof helfen. Und hin und wieder mit seinen historischen Postkarten auf Sammlermärkte gehen, zum Vergnügen.

Für Wolfgang Hoffmann und viele der anderen Kunden ist das Internet keine wirkliche Alternative. „Ich will die Marken sehen und stöbern“, sagt Hoffmann. Nach zweieinhalb Stunden geht er zur Kasse. 22 Euro zahlt er. Das Telefon klingelt. Michael Löhr telefoniert lange. Als er auflegt, lächelt er und dreht sich zu Wolfgang Hoffmann um. „Vielleicht findet sich doch noch ein Nachfolger“, sagt er, und Hoffmann und die anderen Herren rund um den alten Tresen strahlen.