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Wenn für Menschen nur Minuten bleiben

Fünf Stunden, 24 Hausbesuche und ein Pfefferminzbonbon. Frühschicht in einer ASB-Sozialstation.

Zeit für einen freundlichen Blick in die Augen muss sein: Pflegerin Nicole Ritschel besucht den 102-jährigen Helmut Dämmig in Cossebaude.
Zeit für einen freundlichen Blick in die Augen muss sein: Pflegerin Nicole Ritschel besucht den 102-jährigen Helmut Dämmig in Cossebaude. © Sven Ellger

Für die Feinmotorik ist es noch ein wenig früh. Das ferngesteuerte Auto von Otto Steffen kracht gegen die Stubentür, dann gegen die Schrankwand. Nur zu gern würde er der netten Frau vom ASB noch ein bisschen länger seine Fahrkünste demonstrieren, aber Nicole Ritschel ist nicht zum Spaß da. Auf ihrem Plan stehen genau zwei Punkte: Blutzucker messen und Insulinspritze geben. Dafür hat sie exakt sechs Minuten Zeit. Von 7.01 Uhr bis 7.07 Uhr. Irgendein Sachbearbeiter bei der Krankenkasse hat das so festgelegt. Über ein Programm auf dem Handy muss die Pflegerin jeden Handgriff und jede Zeit dazu dokumentieren. Eine Runde mit dem Spielzeugauto ist nicht vorgesehen.

Blutzucker messen und Insulinspritze geben: Dafür hat Nicole Ritschel genau sechs Minuten Zeit.
Blutzucker messen und Insulinspritze geben: Dafür hat Nicole Ritschel genau sechs Minuten Zeit. © Henry Berndt

Der Zuckerwert ist an diesem Morgen in Ordnung. Bereitwillig macht Otto Steffen seinen Bauch frei und lässt die Spritze über sich ergehen. Er kennt das ja. Nach sechs Minuten wünscht Nicole Ritschel Herrn Steffen einen schönen Tag, lässt die Tür ins Schloss fallen und läuft mit schnellen Schritten zurück zum Auto.

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Das war schon Hausbesuch Nummer vier an diesem Morgen. Seit Punkt 6 Uhr ist Nicole Ritschel im Dienst. Eher darf die 37-Jährige nicht anfangen, da sonst ein Zuschlag für Nachtarbeit fällig wäre. In Cossebaude ist es dunkel und kalt. Über Nacht hat es sogar mal wieder ein bisschen geschneit. Die Zeit zum Freikratzen der Scheiben auf dem Parkplatz musste sie unterwegs irgendwie wieder reinholen. Die Tour in der Frühschicht ist mächtig vollgepackt. Mehrere Mitarbeiter sind krank, dabei ist die ASB-Sozialstation sowieso schon unterbesetzt. Qualifizierte Kräfte, vorzugsweise Krankenpfleger oder Altenpfleger, werden dringend gesucht!

Innerhalb von zehn Minuten hat sich Nicole Ritschel im Büro den großen Bund mit den unzähligen Schlüsseln und ihre Unterlagen geschnappt. Die Handschuhe liegen im Auto. Alles andere – Verbände, Medikamente, Spritzen – wird bei den Patienten zu Hause aufbewahrt. Häufig in Schränke oder Schatullen eingeschlossen. Sie hat den Schlüssel, muss sich aber strikt an die Anweisungen der Ärzte halten und darf selbst keine medizinischen Entscheidungen treffen. Erste Hilfe natürlich ausgenommen.

Zwischen Toast und Schrankwand

Ganz früh am Morgen stehen vor allem die Insulin-Injektionen auf dem Plan. Für Ingeborg Oschee-Rasch muss die Pflegerin stattdessen Frühstück zubereiten. Als sie in die Wohnung kommt, liegt die alte Dame noch im Bett. Mit ihren Anziehsachen. „Sie haben sich ja gar nicht ausgezogen, Frau Oschee-Rasch“, sagt Nicole Ritschel und hilft ihr ins Bad. Die Morgentoilette schafft sie allein. Unterdessen kocht die Pflegerin den Kaffee, teilt eine Scheibe Toast und belegt die Hälften mit Schinken. Die Zeit drängt ein bisschen. In wenigen Minuten wird der Fahrdienst kommen und Frau Oschee-Rasch mit zur Tagespflege nehmen.

Bevor Schwester Nicole geht, prüft sie noch, dass die Dame auch tatsächlich ihre acht Tabletten nimmt. Das Schlucken der großen Dinger ist unangenehm, aber es hilft ja nichts. Dazwischen erzählt Frau Oschee-Rasch kurz von ihrer schönen Schrankwand, die ihr Schwager einst selbst gebaut habe. Wenigstens ein paar Sätze Smalltalk. Das lässt sich Nicole Ritschel auch von ihrem technischen Überwacher nicht verbieten. Dann muss sie aber weiter. Auf Wiedersehen, Frau Oschee-Rasch.

Maria-Therese Baumann bekommt einen neuen Kompressionsverband.
Maria-Therese Baumann bekommt einen neuen Kompressionsverband. © Henry Berndt

Die Wege zwischen den Wohnungen sind kurz, aber es sind viele. 24 Hausbesuche in fünf Stunden. Nicole Ritschel kennt hier jeden Winkel. Seit 15 Jahren ist die gelernte Krankenschwester für den ASB unterwegs. Im Schichtdienst, ohne Rücksicht auf Wochenenden oder Feiertage. „Trotz der hohen Belastung liebe ich meinen Job“, sagt sie. Gerade macht sie eine Weiterbildung zur Pflegedienstleitung und wird nach deren Abschluss mal im Büro landen und von dort aus selbst die Pfleger eintakten und Verträge verwalten. Sie freut sich drauf, aber sie wird auch etwas vermissen.

Langsam beginnt es zu dämmern. Im Wohnhof „Alte Schule Gohlis“ betreut Nicole Ritschel zwei Bewohner mit Behinderung. Die eine wurde gerade am Knie operiert und schreit beim Anziehen des Kompressionsstrumpfs vor Schmerzen. Der andere ist nicht in seinem Zimmer. Sie muss ihn suchen, eilt durch die Gänge und findet ihn im Essensraum. Eigentlich sollte er vor der Blutzuckermessung nichts essen. Der Wert von 8,7 ist auch ziemlich hoch. Nicole Ritschel gibt den Mitarbeitern Bescheid.

Nicole Ritschel piekst Irmgard Neumann mit einer Insulinspritze. 
Nicole Ritschel piekst Irmgard Neumann mit einer Insulinspritze.  © Henry Berndt

Helmut Dämmig ist einer von zwei 102-Jährigen auf der Tour. Schwester Nicole hilft ihm aus dem Bett und zum Badezimmer. Während sein Sohn, Ende 70, das Frühstück macht, wäscht Nicole Ritschel den bestens gelaunten Senior erst oben, dann untenrum. Für die große Morgentoilette und die Insulinspritze hat sie großzügige 34 Minuten Zeit. Bei der Verabschiedung steckt Helmut Dämmig ihr wie jeden Tag noch ein Zwei-Euro-Stück und ein Pfefferminzbonbon zu.

Weiter geht’s durch den Morgen und Vormittag. Guten Tag, Frau Kirsch. Auf Wiedersehen, Frau Kirsch. Guten Tag, Herr Schubert. Auf Wiedersehen, Herr Schubert. Guten Tag, Frau Gregor. Auf Wiedersehen, Frau Gregor. Kurz vor dem Mittag hat Nicole Ritschel noch keinen Happen gegessen. Die Zeit sitzt ihr immer im Nacken. Die Frühschicht endet 10.55 Uhr. 11.11 Uhr wird die Mittagsschicht beginnen. Wahrscheinlich sitzen schon jetzt viele ältere Menschen in Cossebaude in ihren Ohrensesseln bereit. Der Besuch wird der kurze Höhepunkt ihres Tages sein.

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