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Späte Rückkehr nach Wehrsdorf

Wehrsdorf. Zum ersten Mal liest die AutorinSigrid Drechsler inihrem Heimatort. Ihr Buch handelt von dem Schicksal ihres Vaters.

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Von Annechristin Stein

Wenn Sigrid Drechsler am nächsten Sonnabend in Wehrsdorf aus ihrem Buch „Im Schatten von Mühlberg“ liest, ist das für die 73-Jährige eine Premiere. Sie hat schon oft aus diesem ganz persönlichen Werk gelesen. Ist für Lesungen durch ganz Deutschland gereist. In ihrem Heimatort hat sie das Buch aber noch nicht vorgestellt. „Ich bin ein wenig aufgeregt“, sagt sie, „Die Lesung ist wie ein Kreis, der sich nun schließt.“

Das Schicksal der Autorin ist in Wehrsdorf bekannt. Ihr Vater Karl Hunger kam im Juni 1945 aus dem Krieg nach Hause. Damals wohnte die Familie in einem Haus am Weifaer Weg. „Das letzte Haus am Berg – es steht noch heute da“, sagt Sigrid Drechsler. Karl Hunger arbeitete wieder als Lehrer in Wehrsdorf. Als er im Oktober zu einem Gespräch zur sowjetischen Militärbehörde nach Schirgiswalde vorgeladen wird, ahnt er nichts Schlimmes. „Doch er kam nie zurück“, sagt Sigrid Drechsler. Später erfuhr die Familie, dass der Vater in das heute brandenburgische Mühlberg in ein Lager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD gebracht wurde. Dort starb er 1948.

Lange hat Sigrid Drechsler ihre Geschichte mit sich herumgetragen. „Ich habe nie daran gedacht, Autorin zu werden“, sagt sie. Nach der Schule studierte sie Forstwirtschaft und arbeitete als Revierförsterin. Ihre Tochter habe ihr gesagt, dass keine ihrer Freundinnen etwas über die Zeit damals wisse. „Da habe ich die Geschichte meines Vaters aufgeschrieben“, sagt sie. Dabei betont sie, dass es keine Dokumentation ist. „Ich bin keine Zeitzeugin“, sagt Sigrid Drechsler. Die Darstellungen des Lagers basieren auf den geheimen Nachrichten des Vaters. „Es ist eine Erzählung aus meiner Heimat.“

Bis 1995 bleibt das Manuskript ungelesen. „Ich fand keinen Verlag, der es drucken wollte“, sagt die Autorin. In einem Zeitungsartikel berichtete sie von ihrer Geschichte. „Immer mehr Leute sprachen mich danach auf mein Buch an“, sagt Sigrid Drechsel, „da habe ich es auf eigene Kosten drucken lassen. Damals dachte ich, entweder die Kosten kommen irgendwann wieder herein, oder ich habe es für meinen Vater getan.“

Von den 300 Exemplaren der ersten Auflage ist keins mehr übrig. Inzwischen geht die vierte Auflage zur Neige und Sigrid Drechsler denkt über die fünfte nach. Insgesamt 1100 Bücher hat sie schon drucken lassen. „Ich weiß gar nicht, wo die Bücher geblieben sind“, sagt sie.

Sigrid Drechsler ist beim Schreiben geblieben und hat drei weitere Bücher veröffentlicht. Ihre Erzählungen handeln von Schicksalen, die nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges und in den Anfangsjahren der DDR geschahen. „Dabei ist mir der Gedanke der Aussöhnung wichtig“, sagt sie. Die wahren Geschichten hat sie immer zufällig gefunden. „Ich wollte nicht unbedingt noch ein Buch schreiben“, sagt sie.

Ein Beispiel für die zufällige Begegnung mit den Geschichten in ihren Büchern ist das dritte Buch „Auf dem Weg nach Europa“. Ein ehemaliger französischer Gefangener sucht nach über 50 Jahren in einer Zeitungsanzeige einen ehemaligen Lagerarzt, dem er sein Leben verdankt. Dieser lebt nicht mehr, aber seine Tochter erinnert sich. „Ich traf sie auf einer Reise nach Norwegen. Wir waren ehemalige Klassenkameradinnen“, sagt Sigrid Drechsler. Der ehemalige Gefangene lebt noch heute und hat ein freundschaftliches Verhältnis zu der Tochter seines Retters.

Zuletzt ist „Und die Geige blieb wieder zurück“ erschienen. Das Buch handelt von der Lehrerin Relindis, die ebenfalls in Wehrsdorf wohnte. Sigrid Drechsler traf sie nach 50 Jahren bei einem Klassentreffen wieder. „Ihre Geschichte hat mich erschüttert“, sagt Sigrid Drechsler, „da gibt es so viele Para-llelen zu meinem Vater.“

Ortsnamen bleiben ungenannt

Relindis hat wie Karl Hunger durch politische Willkür die Heimat und den Beruf verloren. Den Nachnamen der jungen Frau verschweigt die Autorin. Damit will sie die schützen, die noch leben und mit Relindis zu tun hatten. Auch die Namen Schirgiswalde und Wehrsdorf bleiben im Buch unerwähnt. „Einwohner aus der Region erkennen die Orte sofort“, sagt Sigrid Drechsler. So spielt die Erzählung zum Beispiel in einem Umgebindehaus oder in der katholischen Kirche in Schirgiswalde und die Lausitzer Landschaft wird beschrieben. „Ich bin gespannt, wie die Lesung wird“, sagt Sigrid Drechsler, „ich hoffe, es gefällt den Leuten und wir kommen gut ins Gespräch.“

Die Lesung mit Sigrid Drechsler findet

am 26. Januar um 19Uhr im Klubraum der Sporthalle Wehrsdorf statt.